Eine Frage der Schuld

Eine Frage der Schuld

Sofja Andrejewna Tolstajas literarische Antwort auf die »Kreutzersonate« ihres Ehemannes

„Eine Frage der Schuld“ ist die Reaktion der Gräfin Sofja Andrejewna Tolstaja auf die 1891 erschienene „Kreutzersonate“ ihres Mannes Lew Tolstoj. Der Romaninhalt ist ähnlich, jedoch aus Perspektive einer Frau: Sofja Tolstaja beschreibt ein Eheleben, das durch wachsendes Misstrauen zur tödlichen Tragödie wird. Anders als die „Kreutzersonate“ wurde „Eine Frage der Schuld“ nicht zu Lebzeiten Tolstajas veröffentlicht.

Die „Kreutzersonate“ ihres Mannes Lew Tolstoj habe ihr nie gefallen, bekannte Sofja Tolstaja. Nachdem dieses Werk 1891 erschienen war, verfasste sie mit ihrem Roman „Eine Frage der Schuld“ eine ganz persönliche Gegenschrift, die allerdings zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde. In ihrem Buch beschreibt sie – ähnlich wie Tolstoj in der „Kreutzersonate“ – ein Eheleben, das durch wachsende Entfremdung und Misstrauen zur tödlichen Tragödie wird.
Tolstoj zeigte in seinem Buch das „Weib“ als Verursacherin sexueller Abhängigkeiten, die die Ehe entweihten. Sofja Tolstaja skizziert aus der Perspektive einer Frau, wie Besitztumsdenken und Eifersucht eine Ehe zerstören. Und nicht zuletzt zeigt sie, wie unterschiedlich doch die Bedürfnisse von Mann und Frau sein können.
„Eine Frage der Schuld“ trägt autobiografische Züge. Sofja Tolstaja gab eigene literarische Ambitionen auf, um ganz für das Werk ihres Mannes und die gemeinsamen 13 Kinder da zu sein. Wie sie selbst heiratet auch ihre Protagonistin Anna als knapp 18-jähriges, literatur- und kunstsinniges Mädchen einen wesentlich älteren Mann.
Was Fürst Prosorski an ihrer kindlichen Unschuld zunächst begehrenswert erscheint, entpuppt sich nach Vollzug der Ehe für den erfahrenen 35-jährigen als eher enttäuschend. „Dem Kind wurde Gewalt angetan“, heißt es über die Hochzeitsnacht – und auch bis zur Geburt ihres ersten Sohns findet sich keine wirkliche Vertrauensebene für Annäherung und Liebe.
Eifersucht, Unverständnis und Misstrauen wachsen auf beiden Seiten. Als Anna bereits vierfache Mutter ist – der Roman macht hier einen zeitlichen Sprung von zehn Jahren –, sind es vor allem die Kinder, die Annas Leben ausfüllen. Die Bekanntschaft mit Bechmetev, einem alten Freund des Fürsten, lässt sie ahnen, was Harmonie zwischen Mann und Frau bedeuten kann: Bechmetev weiß zuzuhören, er ist verständnisvoll, liebt wie sie Kunst und Literatur und geht liebevoll mit ihren Kindern um.
Anna empfindet für ihn keine sexuelle Begierde, sondern schätzt die geistige Nähe, die sie bei ihrem Mann so lange vermisst hat. Dessen wachsende Eifersucht – so unbegründet sie faktisch auch ist – führt zur tödlichen Katastrophe.
Sofja Tolstaja zeichnet in ihrem schmalen Roman mit sehr sensiblen Pinselstrichen die Entwicklung einer jungen Frau. Von Annas jugendlicher Unbeschwertheit bleibt nach Jahren zermürbender Ehe-Streitigkeiten und nachfolgenden Versöhnungen im Ehebett nur Resignation. Um so aufgeladener und bedeutungsvoller gerät dabei Annas Rolle als Mutter.
Vor allem die lebendigen Passagen, in denen es um die Kinder geht, verraten eindeutig die weibliche Autorin – wenn Anna zum Beispiel nach einem erneuten Streit mit ihrem Mann von der Aufregung spricht, die sich durch die Muttermilch auf den Säugling überträgt.
Vom Willen zur Aufopferung kann allerdings nicht die Rede sein. Sofja Tolstaja hat mit ihrer Anna eine moderne Figur geschaffen, die ganz klar ihre Situation benennt:

„Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen“, dachte Anna, „vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt denn m e i n Leben?“

Die Besprechung von Olga Hochweis erschien am 28.12.2008 im Deutschlandfunk Kultur.