Von der Notwendigkeit den Himmel zu befragen

Von der Notwendigkeit den Himmel zu befragen

Giorgio Netti über sein Werk für Sopransaxophon

Was mich interessiert, ist die Besonderheit des instrumentalen Körpers:
Das Instrument als ein Fluchtpunkt dessen, wohin sich eine Lesart der Welt, im Klang, richtet. Mich interessiert, wie man die unerwartetsten Strömungen eines verankerten Taditionalismus mit dem größten experimentellen Wagnis zusammenbringt auf einem unveränderten Instrument. Was für mich ein Musikinstrument von einem Klangobjekt unterscheidet, ist genau diese Möglichkeit sehr verschiedener Ereignisse, und daß ein Musikinstrument, durch die Einheit des vibrierenden Körpers, der Modulation seiner örtlichen Besonderheit folgend, eine unglaubliche Kontinuität zwischen den Extremen ermöglicht.

Immer schon bedeutete das Komponieren fürs Soloinstrument einen Drahtseilakt zwischen asketischer Zurückhaltung und Feuerwerk, zwei sich scheinbar ausschließende Prinzipien mit ein paar wenigen sie verbindenden Merkmalen.
Valéry sprach von „Askese als Erforschung“.
Ich stelle mir diese Forschung um ein Zentrum kreisend vor, zu dem sie zyklisch immer wieder zurückkehrt, sich erneuert, um weiter ausgreifend wieder zu beginnen. Ein Distanzraum. Möglicherweise eine Forschungsweise, bei der das Vertikale gegenüber dem Horizontalen dominiert: So ist es kaum erwähnenswert, dass auch die Suiten, Sonaten und Partiten, einige der späten Sonaten, ein paar Präludien …..und die „Feuerwerke“ mit ihren Auslotungen technischer Vituosität, Koloraturen, Effekten und anderer Hexereien nicht mehr nur beschränkt bleiben auf die instrumentale Ökonomie eines Ensembles, oder, noch schlimmer, eines Orchesters: bei Pagannini und einigen Werken Liszts entsteht ein zeitgenössischer Experimentalismus verbunden mit einer linearen Stoßrichtung, der Versuch einer Ortsbestimmung, die sich selten außerhalb ihres Rahmens erneuert, und wenn die Bestandsaufnahme abgeschlossen ist, ihren Ort wechselt.

Ausgangspunkt meiner Arbeit war die Faszination, die Recherche extrem hoher Obertöne, das Klangbild eines Körpers der, ohne seine Potenzialität aufzugeben sich selbst zerschneidend Masse in Energie verwandelt, richtungslos, schwebend. Hier entseht so etwas wie eine „Gravitation des Hohen“ , die Wahrnehmungen von Zusammenhängen ermöglicht, die sonst, vom Grundton aus, nur als separate Einheiten wahrgenommen würden. Für mich ist das Bild und die Ausführung hoher Klänge die Kontinuität der durch Spieler und Instrument ungehindert strömenden Luftsäule, ein besonderer Kanal, der die unendlichen Variationen technischer Möglichkeiten hinter sich läßt.
Der Obertonklang wird gleichzeitig bestimmt und unterschieden von seiner Herkunft: er wächst, entfernt sich in der Vertikalen, betritt nach und nach ein Niemandsland mehrerer Ursprungsmöglichkeiten.

Parallell dazu…

Es ist möglich das Intervall zwischen zwei Klängen in einem abstrakten Kontext, bei dem beide Klänge in ihrem Timbre, ihrer Intensität und Dauer als identisch angesehen werden, ein für allemal zu Katalogisieren ; ich bevorzuge es jedoch in Räumen zwischen Klängen und deren Ausdehnung zu denken. Immer mehr interessiert mich der Raum innerhalb eines Klangs, dieser Raum zwischen den Extremen der dahinterliegende Möglichkeiten indiziert.
Es ist wohl auch die äußerste Ausdehnung dieses Raums, was für mich die Attraktivität extrem hoher Spektren ausmacht: leise vibriert die gesamte Säule der Obertöne hin zu diesem Punkt, und hier öffnet sie sich in den Klang, so wie im Orbit von Uranus das gesamte Universum aufgeht…