Tenebre

André de Ridder über das Dessner-Album des Ensemble Resonanz

Tiefsitzende Energie und brachiale Kraft in Bryce Dessners erstem Streichquartett »Aheym«, Spiritualität und ätherischer Kontrapunkt im etwas jüngeren »Tenebre«. Das sind Charakterzüge von Bryce Dessners Musik, die sich auf diesem Album auf beeindruckende Art und Weise in Orchesterfassungen übersetzen, oder besser gesagt: verwandeln. Man denke an das Kronos Quartett, dem diese Werke gewidmet sind. Dessen Musiker spielen stets verstärkt und haben das zum Markenzeichen ihres Klangs gemacht, der die Live-Erfahrung eines Kammermusikkonzertes nahe an die eines Rock-Gigs rückt. Im Klang eines Streichorchesters  – insbesondere dem des Ensemble Resonanz, das sich diese Werke gänzlich zu eigen macht – entfaltet sich dieses Potenzial auf akustische Weise und geht sogar noch darüber hinaus.

Wer den Einfluss des Rockgitarristen Bryce Dessner auf seine Kompositionen für Streicher aufspüren will, wird die dynamische Wucht und den aggressiven Rhythmus aus »Aheym« vielleicht eher mit der Hörerfahrung von Sonic Youth als von The National vergleichen. Der sorgfältig gestaltete Kontrapunkt in »Tenebre« dagegen erinnert eher an das Zusammenspiel von Bryce und seinem Bruder Aaron in ihrer Band. 

Als Komponist aber zeichnet Bryce vor allem seine große Neugier und Offenheit aus, Triebfedern eines steten Drangs nach Weiterentwicklung, über die Grenzen von üblichen Genre-Kategorien wie ›Post-Minimal‹ hinaus, und einer fast rastlosen Suche nach neuen Möglichkeiten – für ihn selbst als auch für uns, seine Interpreten und sein Publikum: Dieses Album spürt dieser Reise perfekt nach – von den frühen Quartett-Kompositionen über Dessners allererstes Werk für Streichorchester »Lachrimae« (eine komplexere Kombination von Elementen aus »Aheym« und »Tenebre«) bis hin zu seinem aktuellsten Werk, dem Streichtrio »Skrik«. Diese Auswahl spiegelt perfekt Bryces Position wider, zwischen amerikanischer und europäischer Avantgarde und Tradition.

Mir kommt kein anderer Komponist in den Sinn, der sich so elegant und stilvoll bewegt zwischen dem Schreiben für die wichtigsten US-Institutionen der Zeitgenössischen Musik und Kompositionsaufträgen europäischer Künstler wie dem Ensemble Intercontemporain, den Labeque-Schwestern – und nun auch dem Ensemble Resonanz.

André de Ridder