Alexander Melnikov im Interview mit Ruth Warnke

Alexander Melnikov im Interview mit Ruth Warnke

Ein Gespräch über Schostakowitsch, Ustwolskaja und historische Tasteninstrumente

Deine aktuellen Konzerte lesen sich wie eine Reise durch die Musikgeschichte, sieben Komponisten, vier Klaviere… Du beschäftigst dich viel mit dem Verhältnis von Werk und Instrument – was bewegt dich und was fasziniert dich daran?

Es gibt keine ideologischen Gründe dafür. Ich würde mich selbst nie als historisch informierten Musiker bezeichnen, eigentlich glaube ich nicht mal wirklich an das Konzept der historisch informierten Aufführungspraxis. Eine schöne Idee, aber ich glaube nicht, dass das wirklich möglich ist. Manchmal ist es angenehm, manchmal auch natürlicher, das entsprechende Instrumente zu wählen, aber dahinter steht kein Konzept einer Serie. Manchmal ist es einfach besser, und dann will man es wiederholen.

Du hast aber auch deine eigene Klavier-Sammlung.

Ich liebe alte Klaviere, ja, ein paar besitze ich auch.

Wie muss ich mir das vorstellen, du hast ein riesiges Apartment, wo die alle stehen?

Ganz zu Beginn hatte ich sie in meiner Wohnung, aber das war dann irgendwann nicht mehr machbar. Ich nehme die Klaviere mit zu Aufnahmen oder zu Konzerten – und wenn man dann nicht im Erdgeschoss wohnt, sind Transporte nicht nur gefährlich, sondern auch extrem teuer. Ich habe jetzt ein Studio gemietet, wo die Instrumente stehen.

Klaviere und Flügel aus verschiedenen Jahrhunderten sind ja zum Teil sehr unterschiedlich im Klang, aber auch in der Bauweise, Tastengröße, in der Art und Weise, sie zu spielen. Wie gelangt man eigentlich an die relevanten Spieltechniken?

Ich hatte nie eine richtig formale Ausbildung in dem Bereich, aber natürlich habe ich mich durchgefragt. Auf der einen Seite fühle ich mich manchmal regelrecht schuldig, dass ich diese Instrumente spiele ohne ganz genau zu wissen wie. Auf der anderen Seite verstehe ich es jetzt als großes Glück und Luxus, diese Instrumente zu Hause zu haben und spielen zu dürfen. Ich kann dabei Dinge herausfinden, ich kann Zeit mit den Instrumenten verbringen. Für die meisten Menschen ist das nicht möglich; an Hochschulen hat man manchmal die Möglichkeit, aber die Instrumente sind oft sehr empfindlich. Mit der Zeit finde ich es nicht mehr so anstößig, dass ich sie spiele. Darüber hinaus ist das Wichtigste am Üben aber ja das Motorische, da habe ich keine Probleme.

Im Konzert mit dem Ensemble Resonanz spielst du Dmitri Schostakowitsch und Galina Ustwolskaja – vermutlich auf einem modernen Flügel.

Ja, ein Steinway. Du kannst diese Musik nicht auf einem anderen Instrument spielen. Andere Klaviere haben gar nicht genug Tasten, einige Bassnoten existieren einfach nicht. Es gibt aber auch keinen Grund, die Werke auf einem anderen Instrument zu spielen. Und gerade bei Ustwolskajas Kompositionssprache muss es richtig laut sein, man will ja nichts kaputt machen.

Fangen wir doch mal bei Schostakowitsch an – wie stellst du ihn dir als Person vor?

Für mich ist Schostakowitsch jemand, über den sich so viele Menschen streiten und keines ihrer Argumente ist wirklich interessant. Es gibt ja Scharen von Musikwissenschaftlern, die versuchen, das Phänomen Schostakowitsch zu erklären, und doch kommt man zu dem Schluss, dass eine Klassifizierung seiner Musik eigentlich nicht möglich ist, denn das Bild, das man dann erhält, wird Schostakowitsch nicht gerecht. Dann diese unglaublich langweiligen Diskussionen darüber, ob er Kommunist war oder Dissident… (stöhnt). Auf Deutsch sagt man, das ist mir scheißegal. Für mich war er ein Komponist, bei dem man sich alles Mögliche vorstellen kann. Seine Musik befasst sich oft mit den Themen, die in den Diskussionen um ihn als Person und Komponist hinterfragt werden, aber er hatte auch eine klare Haltung im Leben, über Vieles nicht zu sprechen.

Und für dich persönlich?

Für mich persönlich ist seine Musik wichtig genug und ich liebe seine Musik so sehr, dass ich seinen Wunsch so stehen lassen kann und nicht dagegen verstoßen möchte. Ich meine damit, dass man eine sehr intime Beziehung zu einem Komponisten als Person haben kann – aber wenn der Komponist sich erbittet, die Beziehung vertraulich zu halten, dann muss man das tun. Musik spricht immer das Innere eines Hörers und auch Musikers an, sie zwingt einen manchmal, sich viele Fragen über die eigene Beziehung zur Realität im weitesten Sinne zu stellen und wird so sehr persönlich.

Okay.

Also noch mal: Seine Philosophie war, sehr viel in seine Musik einzubringen – die, die es hören wollen, können das tun, die das nicht wollen, müssen auch nicht. So ein Mensch war er, meiner Meinung nach. In meiner Biografie ist er definitiv sehr, sehr wichtig! Ich würde ihn immer verteidigen gegenüber Menschen, die ihn oder seine Musik nicht mögen. Aber jemanden über ihn zu belehren, ist nicht meine Art. Intellektualisierung ist meine große Angst, ich selbst möchte auch nicht kategorisiert werden.

Man hört in seinen Stücken die Realität, die ihn umgibt, hast du mal gesagt. Was meinst du, spricht aus seinem Ersten Klavierkonzert?

Man hört hier einen Komponisten, der sehr talentiert ist, er meistert auf eindrucksvolle Art und Weise Komposition und Technik. Jung und ambitioniert. Ich würde sagen: »a happy man«.

Und wie würdest du das Werk beschreiben?

Für mich ist das Werk keine Parodie, es ist mehr ein Art Lachnummer auf viele andere Komponisten der Vergangenheit und der Gegenwart. Es ist voll von direkten und indirekten Zitaten vieler verschiedener Komponisten: beispielsweise aus Haydns Klaviersonate D-Dur, aus Beethovens Rondo »Die Wut über den verlorenen Groschen«, aus Rossinis »Wilhelm Tell-Ouvertüre«, aus seinen eigenen Kompositionen, etc. Auf eine gute Art und Weise ist es ein lustiges Stück. Es bringt eine ganz besondere und große Klangpalette. Es hat ganz verschiedene Facetten von cholerisch bis virtuos, dann kommt auch noch die Trompete in einer überraschenden und herausgenommenen Rolle hinzu, mal traditionell, mal lyrisch, im zweiten Satz ist ihre Rolle sehr besonders. In diesem Werk steckt nicht so viel philosophische Tiefe, denke ich. Es geht mehr um virtuose kompositorische Skills, die zeigen, wie frei Schostakowitsch so unterschiedliche Zitate bzw. musikalische Ideen einbeziehen konnte. Das ist alles so perfekt harmonisch, und es ist immer noch sehr »seine« Musik.

Und eine Provokation für die Gesellschaft?

Schostakowitsch ist hier auf jeden Fall nicht aggressiv, nicht provokativ, nicht tragisch. Ich sehe das zumindest nicht so. Manchmal ist es schwierig im Jetzt zu sein, auch im historischen Jetzt. Man liest und hört Vieles, Stücke werden dann so oder so interpretiert. Später hat Schostakowitsch vieles geschrieben, was wirklich nicht »happy« war. Aber hier, nein. Ich denke, es war einfach Spaß. Einfach wundervoll. Man muss nicht unbedingt die »uuuhs« und »aaahs« finden.

In unserem Programm des Ensembles stehen Schostakowitsch und Galina Ustwolskaja nebeneinander. Lehrer und Schülerin – inwiefern passt das zusammen?

Auch da muss ich sagen, der Wille des Komponisten ist wichtig, den muss man respektieren. Und Ustwolskaja ist Schostakowitschs Schülerin, aber sie hat alles erdenklich Mögliche getan, um sich von Schostakowitsch zu distanzieren. Vielleicht muss man nicht so weit gehen und sagen, dass sie seine Musik nicht mochte oder ihn nicht als Person, aber auf jeden Fall wollte sie nicht damit assoziiert werden. Das kennt man auch selbst: Sehr oft im Leben ist man so darum bemüht, dass etwas nicht so aussieht wie…, so dass es sich zum Gegenteil drehen kann. Vielleicht hat sie da etwas Pech gehabt. Man muss aber auch sagen, dass man vornehmlich bei den Frühwerken den Lehrer Schostakowitsch heraushört, aber sie wollte das halt nicht. Mir ist wichtig zu respektieren, was Komponisten wollen! Das ist doch nett. Ich verbinde sie also nicht.

Was ist dir denn wichtig an dem Projekt?

Ich mag dieses Projekt, weil ich mich mit der Musik intensiver beschäftigen und sehen kann, was dabei passiert. Das kann mich als Musiker weiterentwickeln – so etwas ist mir wichtig. Das ist ja auch viel interessanter als immer wieder die gleichen Stücke zu spielen.

Ist es eine besondere Herausforderung, Ustwolskaja zu spielen?

Lass mich das erst spielen, dann sage ich es dir (lacht). Aber was ich sagen kann: Die Notation ist unglaublich spartanisch, das ganze musikalische Material ist karg. Irgendwo habe ich gelesen, dass jemand sie eine Stimme aus dem »Schwarzen Loch« nennt. Ich finde das ein ganz passendes Label, weil ihre Musik so konzentriert ist und so messerscharf – ich kann das gar nicht weiter beschreiben. Man sieht es in ihrer Notation, dass ihre Musik in keiner Weise versucht, attraktiv oder charming zu sein. Sie ist hoffnungslos und streng aufgrund dieser Hoffnungslosigkeit. Die Musik ist hermetisch, frei von überflüssigen Effekten, es gibt wirklich keine Note mehr als notwendig. Ich muss mal sehen, was mit der ganzen Musik passiert, wenn die Komponistin wirklich vierfaches oder fünffaches Forte vom Klavier will. Da kommt manchmal eine unglaublich krasse Klangfülle zu Stande, aber das werde ich erst in den Proben mit den ganzen anderen Instrumenten erleben…

Uswolskaja ist eine sehr religiöse Person. Ist dir das nahe? Bist du religiös?

Nein.

Hm.

Tja, um über Fragen der Religion zu philosophieren, brauchen wir ein paar Tage und ein paar Flaschen Wein! Ich denke aber auch das ist uninteressant, ob jemand wie ich religiös ist oder nicht. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass das jemanden interessiert.

Ich finde es schon interessant, um zum Beispiel zu erfahren, was das Stück von Ustwolskaja vor dem Hintergrund eines Glaubens möglicherweise für dich bedeutet. Ist es für dich dann vielleicht mehr eine universelle Atmosphäre als eine religiöse, die da im Werk hervortritt?

Ich sag es mal so: Wir sind so geschaffen, dass wir ohne irgendeine Art von Illusionen überhaupt nicht überleben können. Beispielsweise hier mein Lieblingszitat von Schostakowitsch, auch wenn das sehr düster ist: »Unsere Illusionen sterben nie, eigentlich sinken sie nur langsam auf den Grund unseres Herzens oder unserer Seele. Da verwesen sie und vergiften alles um sie herum.« Ja, etwas pessimistisch. Wir sind umgeben von Dingen, die wir nicht in Gänze verstehen und erklären können. Und dann kommt jemand mit vermeintlichen Lösungen, mit Erklärungsversuchen des nicht Verständlichen. Eine der fundamentalsten Fragen in diesem Bereich ist die Frage nach dem Tod. Ich höre nie auf, mich über diesen sehr starken Instinkt zu wundern, den Menschen haben – und wir haben diesen Instinkt.

Wie meinst du das?

Nehmen wir mal eine Person eines bestimmten Alters, sagen wir jemand ist 150 Jahre alt und er macht es nicht viel länger als 160. Und dann sagt ihm jemand, du stirbst schon in den nächsten fünf Jahren. Was genau verändert sich jetzt für die Person von dem einen zum anderen Moment? Er ist jetzt komplett zerstört und muss damit umgehen. Natürlich weiß er, dass er sterben kann, aber unsere Instinkte sagen doch immer, wir sind unsterblicher als andere. Dieses Alltagsbeispiel bringt uns sehr schnell in den Bereich Religion. Ich will religiöse Faktoren nicht begrenzen auf solche Fragen, aber das ist eine Seite davon. Manchmal gibt es auch Dinge, die so schön sind, dass man sie nicht begreifen kann. Übermenschlich, unerklärlich. Und du fühlst, die einzige Erklärung dabei ist, das kann nur göttliche Dimension sein, anders ist das nicht möglich…

Wobei passiert dir das?

Das kann sehr oft mit Musik passieren. Man muss nicht gläubig sein, um Johann Sebastian Bach zu hören – der ja eigentlich nur kalkuliert, wie das alles am besten passt. »Too good to be true. Too true to be good.« Also wenn ich das alles einschließe, kann ich nicht sagen, dass ich nicht an eine Art göttliche Präsenz glaube. Das tue ich, und – ich muss mich wiederholen – es ist nicht möglich, das nicht zu tun. Ich möchte nicht kategorisch werden, aber was mich häufig stört, ist die Haltung innerhalb von Kirchen, nicht in der Religion, vor allem, weil da so eine unglaubliche Autorität liegt. Als ich selbst in der Kirche war, hatte ich das Bedürfnis, die Werte dahin zurück zu bringen, wo sie hingehören. Ich habe Respekt vor Priestern und den Autoritäten anderer Religionen. Aber dass es immer um Politik und Geld geht, frustriert mich. Das ist meine sehr persönliche Meinung. Und natürlich ist es nicht nur schwarz und weiß, es gibt immer wieder wunderbare Ausnahmen. So lange das alles nicht fundamental ist, ist alles in Ordnung. Fundamentalismus ist wirklich fatal.

Lass uns noch mal zurück kommen zum Konzert. Machst du dir eigentlich das Publikum bewusst? Denkst du darüber nach, was die Hörer wohl gerade brauchen oder wollen? So etwas wie Stimulation, Relaxen, Entertainment?

Jeder braucht Musik. Wenn es um akademische Musik geht – den Begriff klassische Musik mag ich nicht, akademisch ist zwar auch dumm, aber weniger – dann wäre es unglaublich schade, wenn es diese Art von Musik nicht mehr gäbe. Denn es gibt hier Phänomene, die du woanders nicht findest. Das hat nichts mit Stimulation und anderen Bedürfnissen zu tun, aber sie sind besonders wichtig! Musik kann Menschen erreichen – zumindest wenn die Sterne gut stehen für die Musik – auf eine Art und Weise wie es nichts Anderes kann. Leider leben wir aber in einer Welt, in der es immer um Bereicherung geht, im Sinne von »Ich gehe in ein Konzert, ich brauche heute das oder das oder das…«

Macht dir das Sorge?

Ja, die Welt der Klassik ist zu klein und wird immer kleiner. Zum Beispiel kürzlich in meinem Fitness-Studio, da lief dann Techno – versteh mich nicht falsch, ich hab nichts gegen Techno, aber nun ja, gut ist das nicht immer. Und der Trainer wollte nett sein, machte die Musik aus und legte eine Playlist in der Art »Best of Classical Music« ein. Diese Trackliste ist natürlich voll von diesen ganzen populären Klassik-Stücken, dann kommt dieser Choral von einer Bach Kantate »Herz und Mund und Tat und Leben«. Und in diesem Moment kommt eine neue Gruppe rein, als erstes höre ich »Oh, was für Scheißmusik ist das denn?!« Oder ich stehe in einem Bahnhof, wo Musik verwendet wird, um Obdachlose zu vertreiben. Da frage ich mich schon, was mache ich eigentlich? Denn ich beschäftige mich mit einem Subjekt, das andere Menschen nicht nur nicht brauchen, sondern Menschen sogar ganz grausam abschrecken soll. Dabei ist diese Musik doch voll von Informationen, die wir uns anders gar nicht aneignen können. Und mit diesen Informationen lernen wir hinzu, auf der emotionalen oder der ästhetischen Ebene. Das macht uns reicher, zu einer reicheren Person.