Weihnachten ohne Musik: undenkbar

Weihnachten ohne Musik: undenkbar

Juditha Haeberlin, Konzertmeisterin des Ensemble Resonanz, im Gespräch mit Daniel Menne über das Weihnachtsoratorium als Hausmusik, Gypsy-Rhythmen bei Bach und die Freude des Singens an Heiligabend

Das Ensemble Resonanz spielt eines der populärsten Werke Johann Sebastian Bachs, das Weihnachtsoratorium, in einer eigenen, ganz besonderen Bearbeitung – wie kam es zu dieser Idee?

Der Wunsch, das Weihnachtsoratorium für eine kleine Besetzung, sozusagen für den Hausmusik-Gebrauch, einzurichten, verfolgt mich schon recht lange. Schon als Kind bin ich an Weihnachten gerne durch die Straßen gegangen und habe mir vorgestellt, wie hinter vielen der festlich beleuchteten Fenster gesungen und musiziert wird – »Ihr Kinderlein kommet« und andere Weihnachtslieder, aber natürlich auch der eine oder andere Choral aus dem Weihnachtsoratorium. Später fand ich die Idee einfach bezaubernd, dass wir als Ensemble Resonanz diese Art des häuslichen Musizierens aufgreifen und uns fragen, welche Instrumente eigentlich in der Familie Resonanz vorhanden sind, mit denen wir das Weihnachtsoratorium als weihnachtliche Hausmusik so spielen können, dass wir damit im Grunde in jedem Wohnzimmer auftreten könnten.

Wie hat sich das Projekt dann konkretisiert?

Das war vor sechs Jahren , als sich dem Ensemble Resonanz die glückliche Gelegenheit eröffnet hat, seinen »resonanzraum« im Bunker Feldstraße auf St. Pauli einzurichten, einen Raum, in dem wir proben und Konzerte spielen, in dem es aber auch eine Bar gibt und Partys gefeiert werden. Plötzlich hatten wir sozusagen ein eigenes Wohnzimmer, und da lag es nahe, dass wir unseren schon lang gehegten Traum von unserem ureigensten Weihnachtsoratorium nun endlich wahr werden lassen. Und weil das Konzert so gut beim Publikum ankam, folgten schon bald die Einladungen in andere Städte, und seitdem packen wir zur Weihnachtszeit unser Wohnzimmer, also unser Sofa, unsere Leuchte, unseren Adventskranz usw. in den Laster und touren über die Lande.

Bereits ein flüchtiger Blick auf die Besetzungsliste zeigt: Es gibt bei euch vier Gesangssolisten und die Streicher, aber keinen Chor, kein großes Orchester, keine Pauken, nur eine Trompete. Dafür verwendet ihr mit E-Gitarre und Keyboards auch Instrumente, deren Klänge Bach nicht gekannt haben konnte. Wie ist diese ungewöhnliche Besetzung entstanden?

Hier kam zweierlei zusammen. Wir, das Ensemble Resonanz, sind ja ein Streicherensemble, wir spielen also alle Melodieinstrumente. Wir brauchten deshalb unbedingt noch Harmonieinstrumente für das musikalische Fundament von Bachs Musik. Hier hatten wir bestimmte klangliche Vorstellungen, die wir gerne verwirklichen wollten, wir haben aber auch überlegt, wer aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis musikalisch gesehen interessant ist für das Projekt. Da war dann etwa Michael Petermann mit seinen vielen zum Teil historischen Keyboards, der sich sofort begeistert zeigte von der Idee, die Klangwelten seiner Instrumente im Weihnachtsoratorium einzusetzen. Von dort war der Weg nicht mehr weit zur Gitarre mit ihren wieder ganz eigenen Möglichkeiten. Auf die Trompete konnten und wollten wir beim Weihnachtsoratorium einfach nicht verzichten. Manches hinsichtlich der Instrumente ist dann im Probenprozess entstanden, so auch die Idee, mit Barockbratschen den Klang der Streichinstrumente an manchen Stellen zu variieren. Und da wir keinen Chor einsetzen, haben wir uns kurzerhand selbst das Geschenk gemacht, dass wir, die Instrumentalisten, die Choräle singen – das Weihnachtsoratorium als Hausmusik eben!

Welche neuen Erfahrungen mit dem Weihnachtsoratorium habt ihr als Musiker und auch als Hörer aufgrund eurer Bearbeitungen gemacht?

Uns war es das Wichtigste, dass Bach Bach bleibt, weshalb wir sehr behutsam mit dem Stück umgegangen sind. Dennoch entdeckt man bei einem derartigen Projekt vieles in der Musik neu, hört man die einzelnen Nummern anders, obwohl man sie schon so gut kennt. Da entstehen auch für uns Musiker wunderschöne und sehr emotionale Momente. Ich liebe zum Beispiel ganz besonders die Sinfonia am Anfang des zweiten Teils, die Hirtenmusik. Bei uns wird sie nur von gestopfter Trompete, Keyboard, Gitarre und gezupftem Kontrabass gespielt. Ich selber kann mich bei diesem Stück auf meinem Stuhl zurücklehnen und einfach nur zuhören, und jedes Mal bin ich ergriffen von der Schönheit dieser Klänge und der Ruhe, die sie spenden. Dieser reinigende Effekt der Musik, der einen wieder »down to earth« bringt, ist ganz sicher in Bachs Sinne gewesen.

Ihr verwendet mit E-Gitarre und Keyboards Instrumente, die man vor allem mit Popmusik in Verbindung bringt. Aber wenn man eure Version der Arie »Ich will nur dir zu Ehren leben« hört, kann man sich fragen, ob Bach nicht eh den Rock ’n’ Roll erfunden hat.

Auf jeden Fall den Swing! In dem Stück gibt es denselben Offbeat-Rhythmus wie im Gypsy-Swing. Wenn man das so spielt, wie Bach es notiert hat, swingt es von ganz allein, wir haben daran gar nichts verändert. Dies ist ein gutes Beispiel für einen generellen Aspekt, der beim Weihnachtsoratorium, das man in erster Linie mit Festlichkeit und Besinnlichkeit assoziiert, leicht übersehen wird: dass Bach auch hier – wie eigentlich immer in seiner Musik – unglaublich spielerisch ist. Diese Seite von Bach greifen wir natürlich in Stücken wie dieser Arie mit dem größten Vergnügen auf.

Einen wichtigen künstlerischen Schwerpunkt des Ensemble Resonanz bildet die zeitgenössische Musik. Nähert man sich einem Klassiker des Barock wie dem Weihnachtsoratorium anders, wenn man viel Avantgarde der Gegenwart spielt?

Wir haben es uns im Grunde zur Aufgabe gemacht, alles zu spielen, von Alt bis Neu, und alles im Gegenüber erklingen zu lassen. Wir wollen immer auch das Alte im Neuen suchen und das Neue im Alten. Wenn man so viel zeitgenössische Musik spielt wie wir, traut man sich vielleicht eher, einen Schlager wie das Weihnachtsoratorium auch einmal anders erklingen zu lassen als gewohnt. Wir haben die inspirierende Erfahrung gemacht, dass man die Musik Bachs zeitgenössisch interpretieren kann und dadurch manches, was in dem Werk steckt, unmittelbarer erlebbar wird. Und wir wissen: Man kann den Schrecken der Hölle mit einem dissonanten E-Gitarren-Akkord zeichnen – und Bachs Musik hält das aus!

Bei aller Professionalität der Beteiligten versprüht eure Fassung des Weihnachtsoratoriums im besten Sinne den Charme des Selbstgemachten, des Improvisierten. Ist euer Projekt auch ein Plädoyer für mehr Hausmusik an Weihnachten?

Weihnachten ist ja nicht zuletzt das Fest der Klänge, und für mich und meine Familie gehört das Singen an Heiligabend ganz selbstverständlich dazu. Das muss nicht bierernst und heilig sein, im Gegenteil: Wenn man nicht selbst singt, weiß man gar nicht, wieviel Spaß das macht! Weihnachten ist der ideale Anlass, es auszuprobieren: Die Familie und Freunde kommen zusammen, und ein großes Repertoire an Stücken, die jeder kennt, gibt es auch. Es würde mich freuen, wenn unser Konzert den einen oder anderen inspirieren würde, an Weihnachten zu sagen: »Kommt, jetzt holen wir mal die Noten raus und singen was.« Für mich jedenfalls ist Weihnachten ohne Musik undenkbar.

Mit freundlicher Genehmigung des Schleswig-Holstein Musik Festival