19 Covid-Thesen

19 Covid-Thesen

Wie die Krise die Klassik-Landschaft verändern wird

Nicht lange nachdem die Spanische Grippe, die rund 50 Millionen Menschen das Leben kostete, ihren Griff gelockert hatte, machte sich ein tiefgreifender sozialer Wandel in den heimischen Wohnzimmern breit. Das Radio und später der Fernseher lösten das Klavier als familiären Treffpunkt ab. Jetzt, ein Jahrhundert später und angesichts einer neuen globalen Pandemie, fühlt sich die Welt der klassischen Musik stärker bedroht denn je. »Es ist für unsere Industrie wie ein Erdbeben«, sagt Andrew Ousley, ein Agent und Konzertveranstalter mit Sitz in New York. Wenn sich nach den Aufführungsverboten der Vorhang wieder hebt, werden wir eine neue Welt vorfinden. Wie diese aussehen wird, ist unmöglich vorherzusagen. Wir versuchen es trotzdem, mit der Hilfe von mehr als einem Dutzend Menschen, die weltweit in der Klassikindustrie beschäftigt sind. Herausgekommen sind diese 19 Thesen.

1. Die Amateur:innen kommen zurück.

Viele sehen die Zeit der Isolation als Gelegenheit, Leidenschaften wiederzuentdecken, für die sonst keine Zeit bleibt. Musik-Lern-Apps und Webseiten wie nKoda, auf denen man Noten herunterladen kann, erleben aktuell einen Boom. Entgegen dem Trend im übrigen Einzelhandel haben auch die Verkäufe von Instrumenten zugenommen. Sam Rusling, General Manager von Coach House Pianos in Swansea, Wales, einem der führenden Klavierhändler Großbritanniens, berichtet, dass kurz vor der Kontaktsperre die Nachfrage deutlich gestiegen sei, weil Klavier-Neu- oder Wiedereinsteiger:innen noch schnell ein Instrument bestellt hätten. Claire Dash, Inhaberin von The Piano Gallery in Oxfordshire, England, verzeichnet ebenfalls Rekordverkäufe: »Das hat mich überrascht. Tatsächlich beobachten wir sowas wie spontane Klavier-Hamsterkäufe.« Laut dem deutschen Dirigenten André de Ridder macht dies durchaus Sinn. »Musik scheint wirklich wichtig zu sein. Die Menschen wollen um jeden Preis spielen und ihre Musik über soziale Netzwerke verbreiten. Das wirkt sich sehr positiv auf die Kreativität aus.« Wenn die derzeitigen Bewegungseinschränkungen aufgehoben werden, könnten Instrumente auf den Dachboden verbannt, Apps gelöscht und Notenblätter zu Einkaufszetteln umfunktioniert werden. Aber wenn mehr Menschen sich auch nach Corona entscheiden, von zu Hause aus zu arbeiten und so die früher durch das Pendeln in Anspruch genommene Zeit zurückgewinnen, kann es eben auch sein, dass das massenhafte Amateur:innen-Musizieren in der Zukunft lebendig bleibt. (Timmy Fisher)

2. Die Stunde der kleinen Formate.

Groupmuse, eine Plattform für private Hauskonzerte, wurde 2013 gegründet. Auch andere Initiativen, Salons, Mikroperformances und intime Festivals gibt es in Hülle und Fülle, aber sie schweben meist noch unter dem öffentlichen Radar oder sind deutlich weniger prestigeträchtig als Großveranstaltungen. Wenn, wie zu erwarten, die COVID-19-Kontaksperren schrittweise gelockert werden, könnte es sein, dass Versammlungen von 10 oder 15 Personen schon wieder erlaubt sind, wenn Taylor Swift noch Stadionverbot hat. Diese Reduzierung bietet Chancen für Veranstalter von kleinen Konzerten, ihre bisherige Arbeit auszubauen und weiterhin kreativ zu kuratieren. Wie muss ein Konzert aussehen, damit es wirklich Spannung erzeugt und Emotionen hervorruft? Wie sehen Programme aus, die für wenig Zuhörer:innen angelegt sind? Kleine Formate können auch den Vorteil haben, dass die laufende Kosten, die entstehen, egal ob Veranstaltungen stattfinden oder nicht, gering bleiben. Andrew Ousley, der mit »The Crypt Sessions« und »The Angel’s Share« Konzerte in einer Krypta bzw. in einer Katakombe organisiert, kann die Krise ohne massive Verluste aussitzen. Das ist überlebenswichtig. (Jeffrey Arlo Brown)

3. Klassische Musiker:innen brauchen mehr Pausen.

Wen auch immer ich frage, ob die aktuelle Situation auch positive Seiten hat, die Antwort lautet: Die Ruhepause ist dringend nötig. Bei HarrisonParrott, der Londoner Künstler:innenmanagementfirma, finden die Agent:innen jetzt Zeit, langfristige Strategien zu entwickeln. Jasper Parrott führt das Unternehmen nicht nur durch die Krise, sondern lernt derzeit auch noch Japanisch. Er ermutigt seine Musiker:innen, »an ihrer eigenen Kunst zu arbeiten, sich Zeit zum Atmen und Denken zu nehmen«. Sonia Simmenauer, eine in Berlin ansässige Agentin, sagt: »Wir sind erleichtert, weil es zu viel geworden war.« Musiker:innen, Manager:innen und Agent:innen sollten nicht erst auf eine weltweite Pandemie warten müssen, um Urlaub nehmen zu können. Die Branche hat sich zu sehr an ihr rasantes Tempo gewöhnt, ohne die 16-Stunden-Tage der Praktikant:innen, die ohne Überstundenzuschläge arbeiten, geht es nicht mehr. Diese Zeit des erzwungenen Zurücktretens und Nachdenkens sollte dazu beitragen, dass sich das ändert. (JAB)

4. Streaming abseits der Paläste und Kunsttempel.

In den vergangenen drei Wochen hat der israelische Pianist Boris Giltburg fast ein Dutzend Konzerte live aus seinem Wohnzimmer gestreamt und war von der Resonanz begeistert. »Es ist ermutigend und ein bisschen überwältigend«, sagt er. »Ich hatte noch nie 24.000 Zuhörer:innen bei einem Konzert.« Giltburg ist der Ansicht, dass der Aufbau einer wechselseitigen Online-Präsenz helfen könnte, diejenigen anzusprechen, die klassische Musik normalerweise als spießig abtun. »Es gibt so viel Rituale und Codes in der Klassikwelt«, fügt er hinzu. »Aber vielleicht ist dies eine Chance, diese Mauern einzureißen. Online-Konzerte fühlen sich eher wie eine wechselseitige Erfahrung an und das Ergebnis könnte sein, dass klassische Musik allgemein zugänglicher wird.« Während er selbst es kaum abwarten kann, wieder in Konzerthallen zu spielen, plant er gleichzeitig, auch nach der Wiedereröffnung der Veranstaltungsorte mit den Live-Streams weiterzumachen. »Es könnte sein, dass diese Menschen, für die ich jetzt spiele, sich nur online für Konzerte interessieren. Vielleicht erreiche ich mit der Mischung aus online- und offline-Konzerten noch mehr Leute, wer weiß das schon?« (TF)

5. Streamende Amateur:innen

In der Krise sprießen Online-Initiativen, die isolierte Hobby-Musiker:innen zusammenbringen, aus dem Boden. Beim jüngsten Projekt des in Großbritannien ansässigen Chorleiters Gareth Malone, Great British Home Chorus, kann man beispielsweise nach Anmeldung auf der Website Noten herunterladen und über Youtube eine Reihe von Chorstücken einstudieren. Tausende haben das schon gemacht. Andere Projekte wie musicacrossthebalconies.com, das jüngst von der Universität Melbourne gestartet wurde, bieten einen Leitfaden zu verschiedenen Apps und Softwares, die für die Gründung eines Online-Ensembles benötigt werden. Wenn die Krise abgeklungen ist, wird die kontinentübergreifende gemeinschaftliche kreative Entfaltung einfacher sein denn je. (TF)

6. Streaming stärkt die Verbindung mit den Fans.

»Als wir die Digital Concert Hall um 2009 herum gründeten, sagten die Leute: ›Seid ihr verrückt? Dann kommt doch niemand mehr ins Konzert!‹«, berichtet die Hornistin der Berliner Philharmoniker Sarah Willis. »Genau das Gegenteil ist der Fall. Überall auf der Welt, warten Menschen am Bühneneingang auf uns, sprechen uns mit Namen an, wissen genau, wer was spielt. Sie sagen: ›Wir haben Sie in all den Jahren in der Digital Concert Hall verfolgt und mussten Sie einfach live erleben, wenn Sie nur fünf Autostunden entfernt spielen!‹« (TF)

7. Streaming muss über das klassische Konzert-Video hinauswachsen.

LACO at Home vom Los Angeles Chamber Orchestra sendet neben Konzertvideos auch Interviews und Eindrücke von hinter den Kulissen. Letzte Woche veranstaltete der Komponist Juan Pablo Contrera auf Facebook Live einen Salon, in dem er Auszüge aus seinem noch laufenden LACO-Projekt präsentierte und Fragen der Zuschauer beantwortete. Das London Philharmonic Orchestra hat außerdem gerade LPOnline gelauncht, ein Paket kostenloser interaktiver online Beiträge. In Anlehnung an die Digital Concert Hall verspricht die Website Lehrvideos und die Möglichkeit, mit den Musiker:innen des Orchesters in Austausch zu treten. Den größten Einfallsreichtum stellt vermutlich das Royal Philharmonic Orchestra unter Beweis mit einer personalisierten Version des Kartenspiels »Top Trumps«. Jede Woche werden zwei neue Spielkarten herausgegeben, Fans können online gegeneinander antreten. Die Musiker:innen haben außerdem Backing Tracks für den Stay at Home Choir aufgenommen, ein Projekt, bei dem Amateur:innen zuhause Vivaldis Gloria lernen und gemeinsam online singen können. »Streaming funktioniert anders als die traditionelle Konzertsituation«, sagt Ousley. »Beim Streaming wird viel experimentiert. Das ermöglicht neue Erfahrung rund um das Live-Erlebnis von Musik.« Einfallsreichtum beim Streaming könnte sich aber auch positiv auf spätere Kartenverkäufe auswirken. (TF/JAB)

8. Live-Performances haben nach wie vor einen eigenen Wert.

Vor kurzem habe ich mir zu Hause King Lear von der Royal Shakespeare Company angesehen. Das zwischenzeitliche Buffern schmälerte die Wirkung deutlich, leider erwischte es gerade die berühmten Oden der Töchtern Lears an ihren Vater. Auch Alex Ross schrieb kürzlich im New Yorker: »Geisterkonzerte, die im Internet gestreamt werden, können nicht die Verbindung herstellen, die nur der Zauber von Live-Musik ermöglicht.« Beim Streaming entsteht auch nicht die konzentrierte Atmosphäre, die ich zumindest brauche, um wirklich hinzuhören. 2018 schrieb die Musikwissenschaftlerin Linda Shaver-Gleason in VAN, dass wir das Gefühl, wie wertvoll dieses nach innen gerichtete Hörerlebnis vor dem Beginn der Tonaufnahmen und der technischen Reproduzierbarkeit von Klang war, vielleicht etwas verloren haben. Möglicherweise kommt es jetzt zurück. Und möglicherweise hängen dann nach der Pandemie weniger Menschen während eines Livekonzerts am Smartphone. (JAB)

9. In den USA werden Künstler:innen in Zukunft vom Staat unterstützt.

Seit den 1990er Jahren steht die amerikanische Regierung der Idee, Künstler:innen mit Steuergeldern zu unterstützen, weitgehend ablehnend gegenüber. Der Lockdown lässt der Politik hier aber vielleicht keine Wahl. Das vor kurzem von Präsident Trump unterzeichnete Konjunkturpaket umfasste unter anderem 25 Millionen Dollar für das Kennedy Center (was, wie die Washington Post berichtete, nicht ausreichte, um die Orchestermitglieder zu bezahlen). Diese Rettungsaktion hatte für Trump persönlich mit ziemlicher Sicherheit keine Priorität; sie könnte aber zeigen, dass US-Politiker:innen zunehmend bereit sind, eine staatliche Finanzierung der Künste in Betracht zu ziehen. Selbst ohne Unterstützung des Bundes könnten die Regierungen der Bundesstaaten  finanzielle Hilfen zur Verfügung stellen. Würden sich Andrew Cuomo oder Bill de Blasio ein New York ohne die Metropolitan Opera vorstellen können? Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass damit auch den kleineren Institutionen die Sorgen genommen werden. »In Amerika sind wir so abhängig von Spenden«, sagt Alan Pierson, Direktor des Ensembles Alarm Will Sound. »Als die Rezession 2008 zuschlug, wurde es in allen Bereichen viel schwieriger an Spenden zu kommen. Es sieht so aus, als ob sich das jetzt wiederholen könnte. Gleichzeitig erleben wir in Amerika gerade eine Diskussion über unsere Werte. Ich möchte optimistisch sein und denke, dass wir als Land den Wert der Künste und der Kreativität erkennen und stärken werden.« (JAB)

10. Nach wie vor braucht niemand Peter Gelb.

Apropos Metropolitan Opera: Auf das größte Opernhaus Amerikas wollen wir auch in Zukunft nicht verzichten, auf Peter Gelb schon. Im Jahr 2012 inszenierte unter seiner Leitung das Ensemble Verdis Otello mit einer schwarz geschminkten Afrikaans-Sängerin. (Erst 2015 nahm man von dieser Praxis Abstand. »Wir kamen kürzlich zu dem Schluss, dass es sinnvoll wäre, in dieser Produktion kein dunkles Make-up zu verwenden«, sagte Gelb damals gegenüber Alison Kinney von Hyperallergic. »Mir ist klar, dass das ein sensibles Thema ist.«) Nachdem im Jahr 2017 glaubwürdige Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen den langjährigen Musikdirektor James Levine laut wurden, bestritt Gelb, dass die Met jemals von Vorwürfen gegenüber Levine gewusst haben sollte. Eine vom Haus selbst durchgeführte Untersuchung brachte später Vorfälle ans Licht, die bis in die 1970er Jahre zurückreichten. Als Placido Domingo im letzten Herbst von der Associated Press nach intensiven Recherchen der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde, engagierte Gelb ihn trotzdem, wobei er sich auf den Mangel an Beweisen berief. (Domingo selbst zog es vor, nicht aufzutreten.) Und jetzt hat die Met die gesamte Belegschaft in den unbezahlten, unbefristeten Urlaub geschickt. Die Solist:innen wurden über Twitter über die Absagen informiert. Aus Gesprächen mit mehreren Musiker:innen des Met-Orchesters geht hervor, dass die Kommunikation zwischen der Führung und den Künstler:innen katastrophal verlaufen ist. Letztere helfen sich jetzt gegenseitig beim Beantragen von Arbeitslosengeld und Krediten. Was auch immer Gelb in letzter Zeit getan hat – mit einem guten Führungsstil hat es nichts zu tun. (JAB)

11. Es werden nicht alle freien Ensembles überleben. Die, die es schaffen, werden in Zukunft besser geschützt.  

Während amerikanische Musiker:innen neidisch auf die Kolleg:innen in Deutschland blicken, wo Selbstständigen aller Couleur Hilfe versprochen (und in einigen Fällen bereits ausgezahlt) wurde, ist hier nicht alles so rosig, wie es von außen scheint. Vielen wird jetzt erst bewusst, wie sehr die »einzigartige deutsche Musiklandschaft« von freiberuflichen Musiker:innen und Ensembles getragen und gestaltet wird – und wie verletzlich sie ist. Künstlerische Impulse kamen stets eher vom »Rand«, insbesondere in der Neuen Musik und historischen Aufführungspraxis. Gleichzeitig lebt ein Großteil der freien Szene im Prekariat und nur knapp über dem Existenzminimum. »Man kauft sich die Freiheit mit Prekarität, das war der bisherige Deal«, sagt der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda. Dies hat auch strukturelle Gründe: Freie Ensembles dürfen mit Fördergeldern kaum Rücklagen für Krisenzeiten bilden, mit den Marktpreisen der subventionierten Orchester können sie nicht mithalten, man hangelt sich von einem Projektantrag zum nächsten, der administrative Steuerungsaufwand wird immer höher, während die Fördersummen stagnieren. Jetzt, wo vieles Kostbare wegzubrechen droht, besinnt man sich darauf, dass es mehr staatliche Absicherung braucht, um die Kultur vor Krisen zu schützen. »Wie kann es sein, dass die Strukturen vielerorts so fragil sind, dass sie beim leichtesten Luftstoß umzukippen drohen? Das erleben wir ja gerade. Nur dass wir keinen Luftstoß, sondern einen Sturm haben«, so Brosda. Nicht alle Ensembles werden Corona überleben, aber die, die danach noch da sind, werden besser abgesichert sein. Mehr Ensembles werden institutionell gefördert werden. Förderungen werden langfristiger und mit mehr Möglichkeiten der Rücklagenbildung bereitgestellt. »Wir stehen vor spannenden Diskussionen darüber, was wir als Gesellschaft zu schnell dem Markt preisgegeben haben«, so Brosda. »Und ob das eigentlich perspektivisch so sein sollte.« (Hartmut Welscher)

12. »Höher, schneller, weiter« wird nicht mehr der Grundgedanke von Orchestertourneen sein.

Die Tourneen großer europäischer und amerikanischer Orchester haben etwas von diesen Social Media Challenges, bei denen alle mitmachen, aber niemand genau weiß, warum. Die Konkurrenz mache es halt auch, man müsse international sichtbar sein, hört man oft schulterzuckend. Die »Hochkultur« folgt damit derselben globalisierten Wachstumslogik, die nicht erst durch den Klimawandel hinterfragt wird. Wirtschaftlich gesehen sind Tourneen wenig lukrativ, meist sogar ein Zuschussgeschäft. Ihr Hauptziel scheint darin zu bestehen, die eigene Truppe bei Laune zu halten und schöne Bilder für die Social Media-Abteilung zu produzierten, die meist durchzogen sind von kulturellen Stereotypen (»Wie ordentlich die Japaner sind!«). Aber reicht das als Legitimation wirklich aus, angesichts des Ressourcenaufwands und der miserablen Klimabilanz? Bei einer Asientournee eines europäischen Orchesters werden allein für den Instrumententransport mit dem Flugzeug teilweise über 100 Kisten und mehr als 10 Tonnen bewegt. Schon vor Corona haben Orchester wie das Orchestra of the Age of Enlightenment oder das Helsingborger Symphonieorchester entschieden, auf Flugreisen zu verzichten. Die Folgen der Pandemie werden dafür sorgen, dass das inflationär gewordene Tourneegeschäft abflacht: angesichts lädierter Finanzen bei Orchestern und Sponsoren, steigender Flugpreise und einem erhöhten Bewusstsein dafür, dass mit dem ganzen Hamsterrad eigentlich niemandem gedient ist. Wenn internationale Orchester dann wirklich mal zu Gast sind, ist es wieder eine rare Freude. (HW)

13. Lokale Präsenz statt internationalem Touring

André de Ridder erklärt mir, dass er mit seinem Neue-Musik-Ensemble stargaze dem Beispiel der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen folgen möchte. Das Orchester geht zwar noch auf Tournee, hat sich aber mittlerweile auch eine feste Basis in einer Schule in einem Bremer »Problem-Stadtteil« geschaffen. »Mit dieser Schule in ihrer Stadt sind sie sehr verbunden, mit den Schüler:innen, für die die Probenarbeit geöffnet und denen das Repertoire zugänglich gemacht wird«, sagt er. Die Welt ahnt, dass diese Pandemie nicht die einzige globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts sein wird. Orchester und Ensembles müssen sich entsprechend anpassen. Ein stärkeres Engagement im Lokalen könnte unerwartete und krisenfestere Möglichkeiten bieten. (TF)

14. Ein Orchester ist mehr als die Summe seiner Teile.

Welche Kammermusikformationen schlummern in einem Orchester mit 120 Musiker:innen? Mit dem Bläserquintett des Boston Symphony bin ich aufgewachsen, aus den Berliner Philharmonikern kamen das Scharoun-Ensemble und die »12 Cellisten« hervor. Wenn die Beschränkungen für Versammlungen gelockert und kleine Zusammenkünfte wieder möglich werden, können sich die Orchester aufteilen und z.B. 60 Duos in Häusern in der ganzen Stadt aufführen. Und obwohl es, wie Alan Pierson sagt, »eine nicht-triviale Aufgabe« ist, Stücke für neue Besetzungen umzuschreiben, kann die Fülle neuer Arrangements, insbesondere von zeitgenössischer Musik, die Werke bekannter machen und Komponist:innen und Aufführenden Möglichkeiten der bezahlten Beschäftigung verschaffen. (JAB)

15. Im Konzertleben werden Zahlen eine größere Rolle spielen.

Bis vor kurzem begnügte sich der größte Teil der klassischen Musikindustrie damit, sich auf Gemeinplätze statt auf Zahlen zu verlassen. »Veranstalter verlangen horrende Eintritte und das Haus bleibt halbleer«, sagt Ousley. »Oder man investiert riesige Summen in eine Aufnahme, die sich nicht verkauft.« Die aktuelle Krise wird die Institutionen zwingen, genauer zu erheben, was die Menschen wirklich interessiert und dazu vielleicht sogar Fachleute einzustellen. (JAB)

16. Zumindest mittelfristig wird die Krise zu einem konservativen Backlash führen.

Von freiberuflichen Musiker:innen höre ich in den letzten Wochen immer öfter, dass sie sich jetzt nach einer Festanstellung umsehen. Die Krise hat sie besonders hart getroffen. Vielen geht es jetzt einfach ums bloße Überleben. Diese Sehnsucht nach Sicherheit führt zu weniger Gründer:innengeist, weniger neuen Ensembles und experimentellen Konzerten. Auch in Programmen wird ein konservativer Backlash zu beobachten sein. Ein Veranstalter, der für nächstes Jahr in der Berliner Philharmonie einen Konzertzyklus mit unbekannten Meisterwerken des 20. Jahrhunderts plant, erzählte mir: »Ich frage mich, wer dafür nächstes Jahr die Zielgruppen sein soll. Interessiert es irgendjemanden? Soll man nicht lieber ganz bekanntes Repertoire machen?« Niemand weiß, ob und wann das Publikum zurückkommt. Angesichts leerer Kassen, einer allseits angespannten Finanzlage und der Angst vor Kürzungen und Insolvenz werden viele Veranstalter, Festivals und Intendant:innen vor allem darauf achten, dass die Auslastung stimmt und die Säle voll sind. Die Gassenhauer und symphonischen Schlachtrösser werden dafür eher das Mittel der Wahl sein als Repertoirentdeckungen oder Neue Musik. (HW)

17. Es wird schwerer werden, bei einer Agentur unterzukommen.

Eine gute Agentur zu finden war für klassische Musiker:innen schon immer wie ein Sechser im Lotto. In Zukunft wird das noch schwerer werden. Um durch die Krise zu kommen und sich für zukünftige Herausforderungen zu wappnen, werden sich viele Agenturen auf die Künstler:innen konzentrieren, die sie bereits unter Vertrag und die schon viel Geld eingespielt haben. Wie können diese am Markt präsent bleiben? Wie können ihre künstlerischen Profile weiter ausgebaut werden? Leider wird hierbei wenig Raum für neue Entdeckungen bleiben. »Für junge Künstler ist es besonders schwierig«, sagt der Berliner Agent Karsten Witt. »Die haben zwar vielleicht nicht so hohe Ausgaben, aber die Honorare, die da heutzutage gezahlt werden, sind sehr niedrig. Und sie haben keine Rücklagen.« Das macht sie für Agenturen gerade jetzt nicht interessant. (JAB/HW)

18. Sich selbst promoten wird wichtiger.

Klassischen Musiker:innen brachte der Auftritt im Netz in Corona-Zeiten eine beispiellose Reichweitenexplosion. Auch deshalb entwickelte sich das virtuelle Musikmachen zu einem Sichtbarkeitswettbewerb, zu dem sich selbst die Musiker:innen verhalten müssen, die sich aus den sozialen Netzwerken mit Verweis auf deren Blasenhaftigkeit bisher herausgehalten haben. Schon sieht man, dass sich während der Selbstisolation immer mehr Musiker:innen auf Twitter und Instagram Accounts anlegen. Das digitale Schaulaufen wird für Künstler:innen nach Corona ein neues Level erreicht haben. Viele Musiker:innen haben gemerkt, wie man über digitales Impression Management viel leichter Aufmerksamkeit erlangen kann als über eine gute musikalische Performance. Deshalb fragte ein von Andrew Ousley vertretener Künstler ihn kürzlich: »Müssen wir jetzt im Grunde alle sehr schnell wirklich gut in online-Selbstvermarktung werden?« Seine Antwort war »ja«. Das bedeutet nicht unbedingt, dass alle jetzt jederzeit alle möglichen Aktivitäten online streamen müssen; es bedeutet jedoch, dass Strategie, Planung und Kompetenz in den sozialen Medien immer wichtiger werden, auch für Musiker:innen, die schon erfolgreich im Geschäft sind. Selbstvermarktung zu lernen, ist nicht leicht, zumal, wenn es einem niemand so richtig erklärt, sagt Ousley. Es baue ja auch niemand eine Karriere auf mittelmäßigem Instrumentalunterricht. Für alles andere werde es mittlerweile ähnlich gute Mentor:innen brauchen. (HW/JAB) 

19. Musiker:innen müssen sich auf eine geringere Anzahl an Fans konzentrieren, die dafür aber mit Leidenschaft dabei sind.

Wenn man nur für ein paar tausend Menschen streamt, diese aber nach mehr Einspielungen lechzen, dann werden sie auch eher CDs kaufen und, wenn es wieder möglich ist, zu Konzerten kommen, sprich: Geld in die Hand nehmen. Das großartige JACK-Quartett spielt zum Beispiel fast kein Mainstream Repertoire und tritt dennoch auf den besten Bühnen der Welt vor begeistertem Publikum auf. »Wenn Künstler:innen es schaffen, dass Fans und Follower ihr Geld locker machen und zu den Konzerten kommen, und das über soziale Medien, könnte sie das für Agenturen und Konzertveranstalter sehr interessant machen«, sagt  Ousley. Künstler:innen müssen also mehr und mehr sie selbst werden. (JAB)

Der Artikel wurde am 08. April 2020 auf van.de publiziert.