resonanzen drei
»yıldırım & avital«

Das Programmheft ist digital! Lest und schaut und hört vor dem Konzert oder danach. Währenddessen lieber den Blick auf die Bühne richten oder im Saal umherschweifen lassen. Und die Ohren öffnen für das, was kommt. Im Anschluss an das Konzert steht Euch wieder alles zur Verfügung.

Inhalt

Konzertprogramm

Vorwort von Marie-Sünje Schade

Einleitung: Verblasste Linien, Kontraste und Klangerinnerungen

Erste Konzerthälfte:

Bebek – Volkslied aus Dersim

Pietro Locatelli: Sinfonia Funebre f-Moll

Ali N. Askin: Şeker Loops

Drama Köprüsü – Volkslied aus Drama

Taner Akyol: Oy Nenem

Antonio Vivaldi: Violinkonzert g-Moll op. 8 »Der Sommer«

Zweite Konzerthälfte:

Taner Akyol: Phoenix

Taner Akyol: Zere Mê

Omer Avital: Lonely Girl

Avi Avital: Avi's Song

Songtexte & Übersetzung

bunkersalon

Besetzung

Konzertprogramm

Bebek
Volkslied aus Dersim, Bearbeitung: Taner Akyol (*1977)

Pietro Locatelli (1695-1764)
Sinfonia Funebre f-Moll
I. Lamento: Largo
II. Alla breve ma moderato

Ali N. Askin (*1962)
Şeker Loops

Drama Köprüsü (Die Brücke von Drama)
Volkslied aus Drama, Bearbeitung: Antonis Anissegos (*1970)

Taner Akyol
Oy Nenem (Oh, meine Großmutter!)

Antonio Vivaldi (1678-1741)
Violinkonzert g-Moll op. 8 Nr. 2 RV 315 »Der Sommer« (Bearbeitung für Mandoline und Orchester von Avi Avital)
I. Allegro non molto
II. Adagio e piano – Presto e forte
III. Presto

Pause

Taner Akyol
Phoenix, Konzert für Bağlama, Mandoline, Percussion und Streichorchester (Uraufführung)

Taner Akyol
Zere Mê

Omer Avital (*1971)
Lonely Girl

Avi Avital (*1978)
Avi’s Song

Konzertende ca. 22 Uhr

Derya Yıldırım Bağlama und Gesang
Avi Avital Mandoline
Ensemble Resonanz

»yıldırım & avital«

Avi Avital und Derya Yıldırım vereinen zwei Stimmen, zwei Instrumente, zwei Welten – und eine gemeinsame Inspiration. Auf der Brücke, wo sie Traditionen neu denken, trifft barocke Eleganz auf die raue Schönheit anatolischer Lieder.

Liebe Freundinnen und Freunde des Ensemble Resonanz,  

herzlich willkommen bei resonanzen drei »yıldırım & avital«!

Dieser Abend ist aus Freundschaft gewachsen – und aus Geschichten, die gehört werden wollen. Eine davon begann 2014 auf der Veddel, bei unserem ersten gemeinsamen Konzert mit Derya Yıldırım. Seitdem wissen wir: Wenn ihre Stimme und die Bağlama auf das Ensemble Resonanz treffen, passiert etwas Besonderes. Musik beginnt zu erzählen – von Erinnerungen, Orten, Menschen und dem, was uns bewegt.

In all den gemeinsamen Jahren, beim Musizieren, Entdecken und Ausprobieren, haben wir »Derya’s Songbook« erarbeitet: einen lebendigen Schatz von Liedern aus Griechenland, Aserbaidschan und der Türkei, neu interpretiert, weitergedacht und durch eigens für dieses Projekt geschriebene Kompositionen erweitert. Musik, die ihre Wurzeln kennt und trotzdem neugierig nach vorne hört.

Wie das in Freundschaften so ist: Jeder geht seines Weges, aber man kommt immer wieder zusammen, erzählt sich das Erlebte und tauscht sich aus. Derya ist mit ihrer Band Grup Şimşek längst auf internationalen Bühnen zwischen Istanbul und New York unterwegs. Aber immer wieder finden wir zusammen, wollen »unsere« Songs spielen und bringen sie jetzt auch gemeinsam auf die Große Bühne der Elbphilharmonie.

Dann sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben mit Avi Avital einen weiteren Erzähler und Weltenwanderer eingeladen – und mit ihm die Mandoline. Und wie gut das passt: Zwei Instrumente aus der weiten Familie der Lauten treffen aufeinander, geprägt von unterschiedlichen Kulturen, verbunden durch dieselbe Lust am Erzählen. Die Bağlama bringt anatolische Geschichten mit, die Mandoline trägt Erinnerungen von Italien bis in die Welt. Gemeinsam tauchen sie durch Zeiten und Klänge – und wir sind mittendrin.

Aber wir hatten noch lange nicht genug – wir wollten noch etwas draufsetzen. Auch weil wir es ja lieben, neue Werke zu kreieren und gemeinsam aus der Taufe zu heben. Und so haben wir Taner Akyol einen Kompositionsauftrag für ein neues Werk gegeben: Mit »Phoenix« schreiben wir heute gemeinsam ein neues Kapitel. Ein Werk, in dem Bağlama, Mandoline und Streichorchester zusammenwachsen, sich reiben, verbinden – wir erzählen gemeinsam eine neue Geschichte.

Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Konzertabend.

Ihre
Marie-Sünje Schade

(Künstlerisches Management & Geschäftsführung)

Verblasste Linien, Kontraste und Klangerinnerungen

Die Frage nach dem Ursprung musikalischer Sprache – und ihren facettenreichen Verzweigungen in unendlich verschiedene Musiktraditionen – führt immer wieder zurück zur Volksmusik. Wie feine Spuren ziehen sich verschüttete Klangerinnerungen durch die Musik aller Epochen. Mal treten sie klar hervor, mal erscheinen sie als kaum lesbare, verblasste Linien.

Dieses Programm begibt sich auf die Suche nach der gegenwärtigen Relevanz von Volksmusik: eine Spurensuche, die mal zarte, mal wuchtige Klänge anatolischer Volkslieder vor pulsierende Schläge einer Rahmentrommel stellt, die eine leise erzitternde Mandoline durchblitzen lässt, während sie die höchsten Wipfel in Vivaldis Sommer erklimmt – vor dem dichten Zwitschern der Vögel in einer imaginären Klanglandschaft. Volksmusik und ihre Sprachen sind dabei nicht nur musikalisches Material: Oft tragen sie eine eigene, poetische Erzählkraft, die Geschichten, Emotionen und Erinnerungen vermittelt.

»In der Barockmusik wie in allen Epochen klassischer westlicher Kunstmusik finden wir Einflüsse von Volksmusik. Aber wie klingt sie heute? Wie klingt ein anatolisches Volkslied heute in Berlin oder Hamburg? Welche aktuellen Prozesse nimmt so ein Lied in sich auf?«, solche Fragen stellt sich das Ensemble Resonanz im heutigen Programm.

Im Zentrum dieser musikalischen Reise durch unterschiedliche Stile, Traditionen und Epochen stehen zwei außergewöhnliche Solist:innen: Derya Yıldırım an der Bağlama, einem Saiteninstrument aus Anatolien, das in der türkischen Volksmusik beheimatet ist, und Avi Avital an der Mandoline, einem Instrument mit italienischen Wurzeln, das seit der Barockzeit als Soloinstrument und in Ensembles weltweit geschätzt wird. Beide Instrumente entstammen der Familie der Lauten – und doch sind sie durch ihre jeweiligen Traditionen unterschiedlich eingefärbt.

»Die Mandoline und die Bağlama ähneln sich im Kern sehr, doch wie bei einem Gemälde prägen Farbe und Kontext die Wirkung. Am Ende geht es aber immer um dasselbe Ziel: nämlich beim Hörenden etwas zu bewegen.«, so Avi Avital. Für ihn seien es vor allem die Kontraste zwischen Volksmusik und den klassischen Anteilen, die das Programm so besonders machen.

Auch Derya Yıldırım verbindet mit diesem Projekt eine persönliche Dimension: »Es wird für mich zu einer Art musikalischer Geschichte, bei der wir die Klangwelten beider Instrumente erkunden und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Besonders berührt es mich, die Bağlama – ein Instrument, das sonst kaum auf den großen Bühnen klassischer Konzerthäuser zu hören ist, aber für viele Menschen eine große kulturelle Bedeutung hat – in genau diesen Räumen wie der Elbphilharmonie zum Klingen zu bringen.«

»Volksmusik ist keine Nostalgie. Sie ist Bewegung, Wandel, Ausdruck – ein Spiegel der Gesellschaft.«, so Derya Yildirim über ihre musikalische Haltung. Gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz verbindet sie eine enge musikalische Freundschaft und der unersättliche Antrieb, musikalische Grenzen auszuloten. Daraus entstand 2018 eine Zusammenarbeit für das Körber Resonanz Labor, das sich der Entwicklung transtraditioneller Konzertprojekte verschrieben hat. Die Idee zu »Derya's Songbook« war geboren: gefüllt mit Neukompositionen traditioneller Lieder aus Griechenland, Aserbaidschan und der Türkei, entstand ein Fundus, der eine Brücke zwischen musikalischem Kulturerbe und zeitgenössischer Komposition schlägt. Eine Auswahl dieser Lieder findet nun Eingang in das Programm – ergänzt durch weitere Stücke unterschiedlicher Traditionen sowie eine Neukomposition von Taner Akyol.

Taner Akyol, Komponist und Professor für Bağlama in Berlin, fasst diesen Gedanken so: »Es geht darum, einen Resonanzraum der Erinnerung zu schaffen, der uns miteinander verbindet – auch wenn wir die Sprache des anderen nicht verstehen.«

Bebek (Baby) – Volkslied aus Dersim, Bearbeitung: Taner Akyol

Taner Akyol widmet sich in »Bebek« einem politischen Volkslied aus Dersim auf, das an die gewaltsamen Ereignisse von 1937/38 erinnert. Hier geht es um die Geschichte einer kurdischen Mutter, die sich im gleichnamigen Ort mit ihrem Neugeborenen und einer Gruppe Dorfbewohner vor Soldaten versteckt. Um nicht entdeckt zu werden, hält sie dem Kind den Mund zu – als die Soldaten weiterziehen, ist das Kind gestorben.

Akyols Bearbeitung verdichtet diese Szene zu einem eindringlichen Klagegesang, der Angst, Ohnmacht und Verlust hörbar macht. Das persönliche Schicksal wird so Ausdruck kollektiver Erinnerung und zu einem stillen Appell an Menschlichkeit.

Pietro Locatelli: Sinfonia Funebre f-Moll: I. Lamento largo, II. Alla breve ma moderato

Der italienische Barockkomponist und Violinist Pietro Locatelli prägte die Entwicklung virtuoser Violintechniken. Sein Stil vereint eine reiche Palette an Klangfarben, einfallsreiche Instrumentierungen und erste formale Ansätze einer Sonatensatzform, die bereits einen Übergang vom Barock zur Klassik erahnen lässt.

Viel ist über den Hintergrund und die Entstehungsumstände dieser Sinfonie nicht überliefert, doch der langgezogene Orgelpunkt, über den sich klagend ein Akkordpendel quält, lässt keinen Zweifel an der Gefühlswelt des Komponisten und dem Stellenwert eines leise wimmernden inneren Narrativs, das den Tod einer unbekannten Frau betrauert.

Zum Basso Continuo, einer fortlaufenden Basslinie im Barockzeitalter, gesellt sich in dieser Sinfonie die Laute. Ähnlich wie auch ihre Verwandte, die Mandoline, hatte die Laute im Barockzeitalter ihre Blütezeit und wurde gerne als Teil des Basso Continuo genutzt, mit der Aufgabe, das harmonische Fundament zu unterstützen. Eine aufregende Klangwelt voller Kontraste entsteht: zwischen den Streichinstrumenten und dem durchdringenden, fast perkussiven Anzupfen der Lautensaiten.

Nach dem klagenden Lamento von Locatelli wandert das Thema Trauer und Verlust in eine andere musikalische Sprache: die anatolische Volksmusiktradition.

Ali N. Askin: Şeker Loops

»Şeker Loops« von Ali N. Askin vereint Minimal Music, türkische Volksmusik, südindische Rhythmen sowie Improvisation und macht dabei einen spannenden Dialog zwischen den Soloinstrumenten, Violinen und Percussion auf. Der Titel kombiniert das türkische Wort »Şeker« (»Zucker«, hier im Sinne von Süße oder Lieblichkeit) mit dem englischen »Loops« (»Schleifen«) – ein Hinweis auf die spielerischen, wiederkehrenden Motive des Stücks.

Das Stück ist virtuos und kulturell facettenreich – ein Kaleidoskop musikalischer Verzweigungen, das die rhythmische und melodische Vielfalt der beteiligten Traditionen eindrucksvoll sichtbar macht.

Drama Köprüsü (Die Brücke von Drama)

Volkslied aus Drama, Bearbeitung: Antonis Anissegos

In dem türkischen Volkslied »Drama Köprüsü« treffen traditionelles Liedgut und der Individualstil des Komponisten Antonis Anissegos aufeinander und verschmelzen zu einer Fusion unterschiedlicher Musikästhetiken und Klangfarben. Das Lied erzählt von Hasan, einem Volkshelden Anfang des 20. Jahrhunderts, der in den Bergen um Drama lebte und die Reichen bestahl. »Eine Art Robin Hood, der gegen die Osmanen kämpfte.«, so Derya Yıldırım.

Taner Akyol: Oy Nenem (Oh, meine Großmutter!)

»Oy Nenem« ist Taner Akyols persönliche Hommage an seine 2001 in Berlin verstorbene Großmutter. Am Tag ihres Todes schrieb er einen Text über ihr Leben, der später von Can Dündar gesungen wurde. Für Akyol war es sein ganz persönlicher Prozess sich von seiner Großmutter, die in seinem Leben eine besondere Rolle gespielt hatte, zu verabschieden. »Ihr Leben führte sie von ihrer Heimat Dersim nach Bursa und schließlich nach Berlin – ein Weg voller Mühe, Entbehrung und Hingabe.«, so der Komponist.

Die Komposition eröffnet mit Derya Yıldırım auf der Bağlama und ihrer Stimme einen tief bewegenden Klangraum voller Emotionalität und erzählerischer Intensität. Yıldırım: »Die Bağlama trägt eine enorme Energie, die weltweit von Menschen unterschiedlichster Herkunft wahrgenommen wird. Auch wenn man die Sprache nicht versteht, spricht die Musik für sich.«

Antonio Vivaldi: Violinkonzert g-Moll op. 8 Nr. 2 RV 315 »Der Sommer«

In der Bearbeitung für Streichensemble und Mandoline wartet dieses Violinkonzert, das auch als der »Sommer« aus den vier Jahreszeiten bekannt ist, mit einer kontrastreichen Instrumentierung und einer Melodik voller überbordender Lebensfreude auf.  Mit zwitschernden Vögeln und einem weich gezeichneten Naturbild, ist es ein Meilenstein der Musikgeschichte und Beispiel ganz früher Programmmusik. Vivaldi fügte jedem dieser Konzerte kurze Sonette bei, die die Hitze, die Spannung vor dem Gewitter und den Sturm beschreiben. Sehr weit ist der Weg da zur Lyrik der anatolischen Volksmusik nicht mehr.

Avi Avital: »Ich spiele viel Musik, die eigentlich für die Geige geschrieben wurde. Wenn ich klassische Musik spiele, suche ich vor allem nach Stücken mit einer hohen Finesse und vielen verschiedenen Nuancen, die aber auch eine Konzerthalle mit dem, was die Mandoline klanglich leisten kann, ausfüllen.«

Taner Akyol: Phoenix, Konzert für Bağlama, Mandoline, Percussion und Streichorchester

Abbildung von Taner Akyol: Phoenix

In seinem Auftragswerk spiegelt jedes Instrument seine eigene Klangpersönlichkeit wider. Das Streichorchester, die Mandoline, die Bağlama und das Schlagzeug agieren sowohl als individuelle Stimmen als auch Teil eines kollektiven Klangkörpers. »Manchmal treten sie für sich selbst hervor, manchmal verschmelzen sie mit dem Ganzen«, erklärt Akyol. Ihm gehe es darum, das Streben nach Neubeginn in musikalische Bewegung zu übersetzen: Fragmente entstehen aus der Stille, reiben sich aneinander, lösen sich auf und formieren sich neu. Die Grenzen zwischen den Instrumenten verwischen – Bağlama und Mandoline atmen wie zwei Stimmen derselben Erinnerung, die sich immer wieder annähern und entfernen.

Für Akyol hat die Musik stets auch eine politische Dimension. »Phoenix« verwandelt das Unaussprechliche, Emotionale und die großen Spannungen der Zeit in Klang. Über den Untertitel »Konzert« sagt er: »Für mich ist das ›Konzert‹ weniger eine Gattung als ein Raum. Mich interessiert nicht die traditionelle Form, sondern die Momente, in denen die Instrumente einander begegnen, sich befragen und gemeinsam atmen.«

Taner Akyol: Zere Mê

»Türkü«, wie die Volkslieder der Aşıks genannt werden, entstehen seit Jahrhunderten. »Zere mê« ist ein neuer Türkü aus der Feder von Taner Akyol. Auf Zaza, der Sprache von Akyols Vorfahren, bedeutet »Zere mê« »mein Inneres«, oder auch »meine Liebe, mein Leben«. Inspiriert wurde Akyol dazu durch einen Film über einen Soldaten und seine Frau, die versuchen, nach Jahren im Exil in die Türkei zurückzukehren: »Doch sie kamen in einen Schneesturm, überall war es weiß, es war nichts mehr zu sehen«, erzählt Akyol. Für die Bağlama komponiert er seit vielen Jahren, begleitet sich auch selbst als Sänger. »Das Instrument ist die Verlängerung meines Ichs, meines Innersten, meiner Seele. Sie ist ein heiliges Instrument, ein Familienmitglied. Wir beten sogar mit ihr, auch wenn ich seit Kindesbeinen Kommunist und Atheist bin.« In seinen Kompositionen entwickelt Akyol die Spieltechniken der Langhalslaute weiter, von Vibrati über Verzierungen zu neuen Anschlagstechniken. Er schlägt sie, kratzt sie, versucht, neue Klänge aus ihr herauszuholen. »Ich gehe sehr frei mit ihr um, aber ich weiß auch, was ich nicht darf. Ihre Seele dürfen wir nicht anrühren.«

Omer Avital: Lonely Girl

Nach den erzählerischen Volksliedern erklingt das Instrumentalstück »Lonely Girl«: Avi Avital beschreibt es als»sehr intimes, intensiv melodiöses Stück. Es ist nicht improvisiert, auch nicht jazzig, einfach nur reine Melodie mit wunderbaren Harmonien.«, so Avi Avital. Die Ballade schlägt mit Mandoline und harmonischen Nuancen eine Brücke zwischen Jazz, Weltmusik und Pop. »Lonely Girl« entfaltet eine ruhige, emotionale Atmosphäre und bietet einen Moment der inneren Einkehr nach den tragischen Geschichten der Volkslieder.

Avi Avital: Avi's Song

»Avi’s Song« ist Avi Avitals erste eigene Komposition und stammt aus dem Album Avital Meets Avital (2017), einem gemeinsamen Projekt mit dem Jazzbassisten Omer Avital – die beiden teilen nur den Nachnamen, sind aber nicht verwandt. Geprägt ist das Stück von einem charakteristischen 11/8-Rhythmus aus dem Balkan-Repertoire – einer rhythmischen Sprache, die Avital seit Langem begleitet und die er als zutiefst körperlich und natürlich empfindet.

Die Nähe der Mandoline zu den Zupfinstrumenten der Balkan- und osteuropäischen Musiktraditionen verleiht dem Stück eine besondere Selbstverständlichkeit. Die asymmetrischen Rhythmen dienen dabei nicht als folkloristisches Zitat, sondern als tragendes Fundament, auf dem sich Melodie, rhythmische Energie und stilistische Offenheit verbinden. So wird »Avi’s Song« zu einem persönlichen musikalischen Statement – und zu einem offenen Ausklang des Programms, in dem sich unterschiedliche Traditionen selbstverständlich begegnen.

Texte von Theresa-Marie Carlsson

Songtexte und Übersetzung

Bebek

Elma attım yuvarlandı
Gitti beşiğe dayandı
Bebek uykudan uyandı

Nenni oğul oğul
Nenni yavrum yavrum
Nenni gülüm gülüm
Nenni bebek bebek

Sana bebek diyemedim
Kalkıp meme veremedim

Nenni oğul oğul
Nenni yavrum yavrum
Nenni gülüm gülüm
Nenni balam balam

Kızlar gelin çaydan geçek
Çay bulanık nerden içek
Bebek ölmüş kefen biçek

Nenni oğul oğul
Nenni yavrum yavrum
Nenni gülüm gülüm
Nenni bebek bebek

Sana bebek diyemedim
Kalkıp meme veremedim

Nenni oğul oğul
Nenni yavrum yavrum
Nenni gülüm gülüm
Nenni balam balam

Deutsche Übersetzung: Baby

Ich warf einen Apfel, er rollte fort,
bis er an die Wiege stieß.
Das Baby erwachte aus dem Schlaf.

Schlaf, mein Sohn, mein Sohn,
schlaf, mein Liebling, mein Liebling,
schlaf, meine Rose, meine Rose,
schlaf, mein kleines Baby.

Ich konnte dich nicht Baby nennen,
konnte nicht aufstehen, um dich zu stillen.

Schlaf, mein Sohn, mein Sohn,
schlaf, mein Liebling, mein Liebling,
schlaf, meine Rose, meine Rose,
schlaf, mein kleiner Schatz.

Mädchen, kommt, lasst uns durch den Fluss gehen,
der Fluss ist trüb – wo sollen wir trinken?
Das Baby ist gestorben – näht sein Leichentuch.

Schlaf, mein Sohn, mein Sohn,
schlaf, mein Liebling, mein Liebling,
schlaf, meine Rose, meine Rose,
schlaf, mein kleines Baby

Ich konnte dich nicht Baby nennen,
konnte nicht aufstehen, um dich zu stillen.

Schlaf, mein Sohn, mein Sohn,
schlaf, mein Liebling, mein Liebling,
schlaf, meine Rose, meine Rose,
schlaf, mein kleiner Schatz.

Drama Köprüsü

Drama köprüsü Hasan dardir geçilmez bre Hasan
Soğuktur suları Hasan bir tas içilmez

Anadan geçilir Hasan yardan geçilmez bre Hasan
At Martini debreli Hasan dağlar inlesin
Drama mahpusunda Hasan dostlar dinlesin

Mezar taşlarını Hasan koyunmu sandın bre Hasan
Adam öldürmeyi Hasan oyunmu sandın

Drama mahpusunu Hasan evinmi sandın bre Hasan 
At Martni debreli Hasan dağlar inlesin 
Drama mahpusunda Hasan dostlar dinlesin 

Drama köprüsü Hasan gecemi geçtin bre Hasan
Ecel şerbetini Hasan ölmeden içtin                          

Anadan babadan Hasan nasıl vazgeçtin bre Hasan
At Martni debreli Hasan dağlar inlesin   
Drama mahpusunda Hasan dostlar dinlesin 
At Martni debreli Hasan daglar inlesin 
Drama mahpusunda Hasan dostlar dinlesin

Deutsche Übersetzung: Die Brücke von Drama

Die Brücke von Drama, Hasan, ist so eng, kaum zu überqueren,
ihr Wasser so kalt, Hasan, kein Schluck lässt sich trinken.

Man kann die Mutter verlassen, Hasan,
doch die Geliebte niemals, o Hasan.
Heb dein Gewehr, Hasan, lass die Berge aufheulen,
im Gefängnis von Drama lauschen die Freunde.

Dachtest du, Hasan, die Gräber seien nur Steine?
Dachtest du, Menschen zu töten sei ein Spiel

Hast du das Gefängnis von Drama für dein Zuhause gehalten, Hasan?
Heb dein Gewehr, Hasan, lass die Berge aufheulen,
im Gefängnis von Drama lauschen die Freunde.

Die Brücke von Drama, Hasan, hast du die Nacht überstanden?
Hast du den Trank des Schicksals geschluckt, bevor du starbst?

Wie konntest du die Eltern verlassen, Hasan?
Heb dein Gewehr, Hasan, lass die Berge aufheulen,
im Gefängnis von Drama lauschen die Freunde.

Oy Nenem

Kestiler mi yolunu oy nenem,
Yıktılar mı evini oy nenem,
Sen bir yaşlı çocuktun,
Kırdılar mı soyunu oy nenem…

Çal benim öksüzüm çal
Çal yarama merhem çal

Yumruğun sıka sıka oy nenem,
Dilini yuta yuta oy nenem,
Büyüttün fidanını,
Ardından baka baka oy nenem.

Çal benim öksüzüm çal
Çal yarama merhem çal

Deutsche Übersetzung: Oh, meine Großmutter!

Haben sie dir den Weg versperrt, oh Großmutter?
Haben sie dein Zuhause zerstört, oh Großmutter?
Du warst ein zu früh gealtertes Kind,
Haben sie deine Wurzeln gebrochen, oh Großmutter?

Heile meine Wunde, heile,
heile meinen Schmerz…

Mit geballter Faust, oh Großmutter,
deine Worte tief verschluckt, oh Großmutter,
du hast deinen jungen Sprössling großgezogen,
du wachtest mit stehenden Augen, oh Großmutter…

Heile meine Wunde, heile,
heile meinen Schmerz…

bunkersalon

Mit offenen Ohren denken – Gespräche über das Hören. Der bunkersalon wird vom Ensemble Resonanz veranstaltet und ist Teil der ankerangebote. Zusammen mit Gästen aus Philosophie, Kunst, Politik und Wissenschaft rückt er unseren Hörsinn in den Mittelpunkt.

Vor ihrem Konzert in der Elbphilharmonie luden Avi Avital und Derya Yıldırım zu einer gemeinsamen Listening Session ein: Aus ihren Plattensammlungen wählten sie Musik aus, die ihnen wichtig ist, erzählten die Geschichten dahinter und tauschten sich über ihre musikalischen Wurzeln und Tradition in zeitgenössischer Musik aus. Moderiert wurde der Abend von Paul Haeberlin (ByteFM).

Besetzung

Derya Yıldırım, Bağlama und Gesang

»Volksmusik ist keine Nostalgie. Sie ist keine eingefrorene Tradition, die nur bewahrt werden muss. Sie ist Bewegung, Wandel, Ausdruck – ein Spiegel der Gesellschaft.« Derya Yıldırım steht für genau diese Haltung: Für eine Musik, die Geschichten erzählt, die weitergegeben, neu empfunden und mit jeder Stimme, die sie singt, neu definiert wird.

Als Sängerin, Multi-Instrumentalistin und Komponistin hat sich Yıldırım als eine der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen anatolischen Musikszene etabliert. Aufgewachsen in einer Familie, in der Musik zum Alltag gehörte, erlernte sie bereits in ihrer Kindheit Instrumente wie Klavier, Gitarre, Ud, Saxofon und Bağlama. Ihre ersten Erfahrungen mit der Bağlama machte sie nicht auf der Bühne, sondern inmitten familiärer Hausmusik – mit Liedern, die seit Generationen weitergetragen wurden. Doch ihre musikalische Reise führte sie weit über das Private hinaus: Sie studierte von 2013 bis 2016 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und schloss 2020 ihr Studium im Fach Bağlama bei Taner Akyol an der Universität der Künste Berlin ab. Seit 2024 gibt sie ihr Wissen als Dozentin an der Popakademie Baden-Württemberg weiter.

Mit ihrer international besetzten Band Derya Yıldırım & Grup Şimşek hat sie eine einzigartige Verbindung von anatolischer Volksmusik mit Psychedelia, Jazz und Funk einflüssen geschaffen. Die Band wurde als »neue deutsch-anatolische Psycho-Pop-Sensation« gefeiert und veröffentlichte mehrere Alben in Eigenregie. Ihr viertes Album Yarın Yoksa (deutsch: Wenn es kein Morgen gibt) erschien im März 2025 beim renommierten New Yorker Label Big Crown Records. Produziert von Leon Michels (El Michels Affair) in den Diamond Mine Studios in Queens, New York, vereint das Album größtenteils Eigenkompositionen mit drei neu interpretierten traditionellen Liedern – eine Mischung, die Yıldırıms künstlerische Vision widerspiegelt: Volksmusik als Spiegel der Gesellschaft und treibende Kraft der musikalischen Entwicklung. Die Album-Release-Show im März 2025 fand im Großen Saal der Elbphilharmonie statt, gemeinsam mit dem Ensemble Resonanz.

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Avi Avital, Mandoline

»Hier ist ein Musiker, der keine Grenzen kennt, außer die des guten Geschmacks, und der die Kunst besitzt, die Zuhörer zu überzeugen, ihm überallhin zu folgen.« Gramophone

Avi Avital, der erste Mandolinen-Solist, der für einen Grammy nominiert wurde, wird aufgrund seiner Meisterschaft auf seinem Instrument mit Andrès Segovia und aufgrund seiner unglaublichen Virtuosität mit Jascha Heifetz verglichen. Bei seinen Live-Auftritten ist er leidenschaftlich und „explosiv charismatisch“ (New York Times) und die treibende Kraft hinter der Wiederbelebung der Mandoline: Seit mehr als zwei Jahrzehnten gestaltet er die Geschichte und Zukunft seines Instruments neu und spielt es in den renommiertesten Konzerthallen der Welt. Darüber hinaus hat Avi Avital das Repertoire für Mandoline nicht nur durch Transkriptionen verschiedener Stücke erweitert, sondern auch über 100 Werke für Mandoline in Auftrag gegeben, darunter Konzerte für Mandoline und Orchester von Fazil Say, Jennifer Higdon, Anna Clyne, Avner Dorman und Giovanni Sollima.

Zu den Höhepunkten der Saison 2025/26 gehören Auftritte mit Il Giardino armonico, dem Mozarteum Orchester Salzburg, dem Tonhalle Orchester Zürich, dem Deutschen Symphonie- Orchester Berlin, der Geneva Camerata, dem Ensemble Resonanz, dem Kammerorchester Basel, dem Philharmonia Baroque Orchestra, Fuse Ensemble, dem Pacific Symphony Orchestra sowie eine Residenz bei den Duisburger Philharmonikern. Dabei wird er mit so renommierten Dirigenten wie Giovanni Antonini, Alondra de la Parra, Jeanette Sorrell, Anna Rakitina und Hugo Ticciati zusammenarbeiten.

Avi Avital gibt Rezitals und Kammermusikabende mit Omer Klein, Ksenija Sidorova und dem Viano Quartet, und wird u.a. in die Alte Oper Frankfurt, die Berliner Philharmonie, das Muziekgebouw Amsterdam, die Elbphilharmonie Hamburg, zum Kissinger Sommer und zum Schleswig-Holstein Musik Festival zurückkehren.

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Ensemble Resonanz

Violine
Barbara Bultmann**, Charlotte Thiele**, Gregor Dierck*, Skaistė Dikšaitytė, Tom Glöckner, David-Maria Gramse, Corinna Guthmann, Juditha Haeberlin, Christine Krapp, Benjamin Spillner, Swantje Tessmann

Viola
David Schlage, Maresi Stumpf, Tim-Erik Winzer*, Barbara Köbele

Violoncello
Jörn Kellermann, Saskia Ogilvie, Saerom Park*

Kontrabass
Sophie Lücke, Benedict Ziervogel*

Laute
Vanessa Heinisch

Percussion
Sebastian Flaig

** Konzertmeisterin
* Stimmführer:in

In Residence in der Elbphilharmonie
Zuhause auf St. Pauli

Mit seiner außergewöhnlichen Spielfreude und künstlerischen Qualität zählt das Ensemble Resonanz zu den führenden Kammerorchestern weltweit. Die Programmideen der Musiker:innen setzen alte und neue Musik in lebendige Zusammenhänge und sorgen für Resonanz zwischen den Werken, dem Publikum und Geschichten, die rund um die Programme entstehen.

Das 21-köpfige Streichorchester ist demokratisch organisiert und arbeitet ohne feste:n Dirigent:in, holt sich aber immer wieder künstlerische Partner:innen an Bord. Wertvolle kreative Impulse erhalten die Musiker:innen durch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Geiger und Dirgenten Riccardo Minasi, der das Ensemble als »Principal Guest Conductor & Partner in Crime« begleitet. Enge künstlerische Partnerschaften bestehen unter anderem mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Bratschistin Tabea Zimmermann, dem Cellisten Jean-Guihen Queyras und der Bühnenbildnerin Annette Kurz. Eine weitere treibende Kraft ist die Zusammenarbeit mit Komponist:innen und die beständige Entwicklung neuen Repertoires.

In Hamburg bespielt das Ensemble Resonanz mit der Elbphilharmonie und dem resonanzraum St. Pauli zwei besondere und unterschiedliche Spielorte. Die Residenz an der Elbphilharmonie beinhaltet die Konzertreihe resonanzen, die seit über 20 Spielzeiten für Furore sorgt. Aber auch mit Kinderkonzerten sowie im Rahmen diverser Festivals gestaltet das Ensemble die Programmatik des Konzerthauses an der Elbe entscheidend mit und setzt Akzente für eine lebendige Präsentation klassischer und zeitgenössischer Musik.

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