Das Programmheft ist digital! Lest und schaut und hört vor dem Konzert oder danach. Währenddessen lieber den Blick auf die Bühne richten oder im Saal umherschweifen lassen. Und die Ohren öffnen für das, was kommt. Im Anschluss an das Konzert steht Euch wieder alles zur Verfügung.
Vorwort von Marie-Sünje Schade
Programmtext (einfügen)
Gesangstexte & Übersetzungen
Interview mit Enno Poppe (einfügen)
Benjamin Britten (1913-1976)
Les Illuminations op. 18 (Liederzyklus nach Gedichten von Arthur Rimbaud)
Fanfare
Villes
Phrase
Antique
Royauté
Marine
Interlude
Being Beauteous
Parade
Départ
Claude Vivier (1948-1983)
Zipangu
Pause
Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
Suite aus dem Opéra-ballet »Les Indes galantes«
Prologue
Air pour Borée
Première entrée – Le Turc généreux
Vaste empire des mers
Air pour les esclaves africains
Rigaudon
Tambourin
Deuxième entrée – Les Incas du Pérou
Ritournelle pour les Incas du Pérou
Viens, Hymen
Prélude pour l’adoration du Soleil
Troisième entrée – Les Fleurs, fête persane
Ritournelle pour la fête persane
Tendre amour
Marche
Orage
Air pour Zéphire
Quatrième entrée – Les Sauvages
Air pour les Sauvages (Danse du grand calumet de la paix)
Enno Poppe (*1969)
»Kreis« für Sopran und Kammerorchester auf Texte von Angelus Silesius*
*Kompositionsauftrag von Ensemble Resonanz und Berliner Festspiele / Musikfest Berlin
Konzertende ca. 21:30 Uhr
Anna Prohaska Sopran
Enno Poppe Dirigent
Ensemble Resonanz
Flimmern. Trance. Masken und Kristallpaläste. Britten eröffnet die wilde Parade. Und mittendrin: ein Ich im Ausnahmezustand. Das Eigene wird fremd, das Fremde vertraut. Bei Vivier leuchtet es von innen, Rameau hält den barocken Spiegel vor. Mit Poppe findet das Spiel mit den Konturen seinen Meister. Und darunter: gemeinsamer Boden.
Liebe Freundinnen und Freunde des Ensemble Resonanz,
xxx
Ihre
Marie-Sünje Schade
(Künstlerisches Management & Geschäftsführung)
xxx
Das Ensemble Resonanz auf der Suche nach dem Anderen in Vergangenheit und Gegenwart
Komponieren, so hat Helmut Lachenmann einmal betont, bedeute für ihn „eine klingende Situation verursachen, die mir selbst wenn nicht neu, so doch fremd ist, und in der ich mich verliere und so erst recht mich wiederfinde.“ Das Verlassen der eigenen ästhetischen Komfortzone und ihrer eingeschliffenen Ausdrucksmittel, um auf unbekanntem Terrain Neues zu entdecken (oder scheinbar Vertrautes anders zu sehen), ist stets eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Weiterentwicklung alles Künstlerischen gewesen. Existenzielle und künstlerische Identitätssuche fallen dabei nicht selten in eins. Die Anlehnung an eine nicht wirklich greifbare andere Realität ist bei allen Komponisten von »ich ist ein anderer« eine treibende Kraft ihrer Stücke, freilich auf ganz unterschiedliche Art und Weise.
Während bei Rameau die außereuropäische Ferne noch als exotische, vom Blick des Kolonialismus geprägte Kulisse eines feudalen Unterhaltungsformats fungiert, ist für Claude Vivier Asien ein Sehnsuchts- und Entdeckungsort, um die eigene kompositorische Sprache und vielleicht auch das Leben neu zu justieren. Inspiriert vom völlig anderen Tonverständnis außereuropäischer Musikkulturen war auch die Entwicklung der modernen Mikrotonalität. Von den Anfängen Alois Hábas und Ivan Wyschnegradskys über die Instrumentenbau-Experimente Harry Partchs bis zu den zeitgenössischen Ausdifferenzierungen bei Georg Friedrich Haas und Enno Poppe, hat sie das Hören in zwölf festgefügten Halbtonschritten aus den Angeln gehoben. Und auch in Poppes Kreis stellt sich die Gretchenfrage: Hören wir die mikrotonalen Tonqualitäten noch als Abweichung von einem temperierten Normalzustand, also als etwas »Fremdes«? Oder inzwischen als ganz eigene klanglich-harmonische Qualität? Wenn diese in Poppes Vokalwerk auf Praktiken der Barockmusik trifft oder besser noch: aus diesen hervorgeht, entwickeln sich ganz neuartige Perspektiven des Hörens.
Oft steckt das Befremdliche gerade in dem, was uns am Nahesten scheint: Zwischenmenschliche Beziehungen wollen gelegentlich ebenso aufgebrochen, erneuert und entgrenzt werden wie das Künstlerische. Das Anti-Bürgerliche in der homoerotisch expliziten Dichtung Rimbauds dürfte Benjamin Britten als zutiefst inspirierend empfunden haben, als er mit Peter Pears am Vorabend des 2. Weltkrieges nach New York emigrierte. Bereits 1942 kehrte er jedoch, geplagt von einem Gefühl des Fremdseins, wieder nach England zurück. Das Gefühl der Ortlosigkeit und Einsamkeit begleitete auch den elternlosen Claude Vivier ein Leben lang und führte im Spannungsfeld von Kunst, Religion und Sexualität zu einer Sehnsucht nach spiritueller wie körperlicher Entgrenzung. Der Kampf mit dem eigenen Sein, den Angelus Silesius im »Cherubinischen Wandersmann« immer wieder anklingen lässt, scheint auch 300 Jahre später nichts von seiner Brisanz verloren zu haben: »Jch weiß nicht was ich sol! Es ist mir alles Ein / Orth / Unorth / Ewigkeit / Zeit / Nacht / Tag / Freud / und Pein.«
Benjamin Brittens Les Illuminations op. 18 markiert eine bedeutende Umschaltstelle im Oeuvre des britischen Komponisten. Britten bezeichnete den zehnteiligen Lieder-Zyklus nach Gedichten von Arthur Rimbaud einmal als sein eigentliches Opus 1, und der stilistische Neuanfang war begleitet von einem grundlegenden Ortswechsel. Britten begann die Komposition im März 1939 in Suffolk und vollendete sie im Oktober desselben Jahres in New York, wohin er mit dem befreundeten Schriftsteller W. H. Auden und seinem späteren Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears gereist war, um als bekennender Pazifist dem Kriegsdienst zu entgehen.
Rimbauds Gedichte entstanden zwischen 1872 und 1874 in London, Paris und Brüssel während gemeinsamer Aufenthalte mit seinem damaligen Geliebten, dem Dichter Paul Verlaine. Sie verkörpern geradezu kompositorische Steilvorlagen, da sie selbst intensiv mit Begrifflichkeiten operieren, die auf Klang verweisen: »Aus knöchernen Schlössern dringt unbekannte Musik« (II); »Deine Brust gleicht einer Lyra, Musik vibriert in deinen blonden Armen« (IIIb); »Und die Schauder schwellen an und dröhnen, rasend rauscht die Orgie, bedrängt von Todesröcheln und rauer Musik«(VII); »Aufbruch zu neuer Zuneigung und neuem Lärm« (IX). Britten erweist der ausgesprochen (klang-)sinnlichen Sprache der literarischen Vorlage auch im reinen Streicherapparat mit suggestiven Klangbildern die Ehre, urbane Dekadenz (Villes), surreale Traumbilder (Phrase) und homosexuelle Liebe (Being Beauteous) beschwörend. Entsprechend der rauschhaften Sprache Rimbauds ist die Singstimme von deklamatorischer Prägnanz und dramatischer Erregtheit gleichermaßen geprägt. Leitmotivisch vielsagend hat Britten den Vers »J’ai seul la clef de cette parade sauvage(Ich allein besitze den Schlüssel zu dieser wilden Parade)« an mehrere Stellen des Zyklus’ platziert.
Das Opéra-ballet war zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine der populärsten musikalischen Genres, die Tanz, Gesang, prunkvolles Bühnengeschehen und unterhaltsame Erzählbilder zum aufwendigen höfischen Divertissement mischte. Les Indes galantes (1735/36) ist Jean-Philippe Rameaus Gattungspremiere und wurde nicht zuletzt aufgrund des exotischen Settings besonders erfolgreich. Die unterhaltsamen Irrungen und Wirrungen diverser Liebesgeschichten werden in vier »Entrées« (Aufzüge) als musikalische Weltreise verpackt: Le Turc généreux (Der großmütige Türke), Les Incas du Pérou(Die Inkas von Peru), Les Fleurs, Fête persane (Die Blumen, Persisches Fest), Les sauvages (Die Wilden). Entsprechend farbig ist die Instrumentation, entsprechend ausgeprägt die rhythmische Intensität der Oper. Der Wechsel der kulturellen Schauplätze und deren tänzerischer Szenen wird unterstrichen durch den markanten Einsatz diverser Perkussionsinstrumente.
Das zur Entstehungszeit beliebte Werk geriet im 19. Jahrhundert in Vergessenheit und wurde 1925 durch Paul Dukas für die Pariser Opéra-Comique wiederentdeckt. Der aus heutiger Sicht potenziell problematische, exotistische Blick auf außereuropäische Kulturen im Libretto von Louis Fuzelier wurde in den letzten Jahren aus der Perspektive dramaturgischer »Dekolonisierung« neu interpretiert. 2019 schufen der Filmemacher und Videokünstler Clément Cogitore und die Choreografin Bintou Dembélé für die Opéra de Paris eine vielbeachtete Inszenierung, die die Tanzformen einer multikulturellen Subkultur mit der Musik des Barock zusammenbrachte.
Aus der Vielzahl der in unterschiedlichen Ausgaben veröffentlichten Suiten-Sätze hat das Ensemble Resonanz eine Auswahl getroffen, die alle Aufzüge und prägnanten Tänze von Rameaus Ballettoper berücksichtigt: vom Tanz der »afrikanischen Sklaven« über die »Sonnenanbetung« der Inkas und das persische »Blumenfest« bis zum großen Friedenstanz Danse du grand calumet de la paix des im indigenen Nordamerika angesiedelten letzten Aktes.
Auf der Suche nach der eigenen Identität war es für Claude Vivier zeitlebens existentiell, Räume der Fremde aufzusuchen. 1976 führten den rastlos zwischen Kanada und Europa flottierenden Komponisten ausgedehnte Reisen nach Japan, Thailand und Iran: »Ich sehe, dass diese Reise vor allem eine Reise der Selbstentdeckung war.« Wie sehr diese »Selbstentdeckung« den Komponisten auch musikalisch inspirierte, lässt sich bereits an diversen Titeln seines Spätwerks ablesen: Nanti malam (indonesisch »Nacht«), Shiraz, Samarkand, Pulau Dewata (indones. »Insel der Götter«, Name für Bali) oder eben Zipangu. »Zipangu« ist der europäische Name für Japan während des Mittelalters und er geht zurück auf die Reisen Marco Polos im 13. Jahrhundert.
Durch die Begegnung insbesondere mit balinesischer und japanischer Musik fand Vivier zu einer musikalischen Sprache, die den damaligen Stilistiken der europäischen Neuen Musik weitestgehend fernstand. In Zipangu (1980) für 13 Solostreicher kommen jedoch keine authentischen Versatzstücke asiatischer Tradition zum Vorschein, sondern eine durchaus imaginäre Fremde, die in ihrer subjektiv gefilterten Ästhetisierung umso faszinierender anmutet. Der klangfarbliche Reichtum ist trotz der reinen Streicherbesetzung enorm. Sie ist in zwei Gruppen aufgeteilt: Sechs Violinen auf der einen stehen einer Violine, drei Bratschen, zwei Violoncelli und einem Kontrabass gegenüber. Zu Beginn entwickelt die Violinen-Gruppe das äußerst markante Thema: ein oktaviertes Unisono, das in kleinschrittigen, glissandierenden Melodiebewegungen um einen Zentralton kreist, bedeutungsschwanger grundiert von einer irisierenden Klangfläche. Später finden beide Klanggruppen zu wuchtigen Massierungen zusammen und knüpfen klangfarblich, gestisch und satztechnisch immer neue Texturen.
»In diesem Werk experimentiere ich mit verschiedenen Farbkombinationen um eine Melodie und versuche, die harmonischen Strukturen durch verschiedenste Bogentechniken zu verschleiern«, erläutert Vivier. Von besonderer Bedeutung für die bebend expressive Klangphysiognomie von Zipangu sind Spielweisen mit extremem Bogendruck. Sie bringen eine kompromisslose Geräuschintensität mit sich und können die konventionellen Tongestalten fast vollständig überdecken. Melodie werde so zur Farbe, merkte der Komponist an. Viviers »asiatisch« gefärbtes Tonverständnis im Sinne einer Dynamisierung des Einzeltons zeigt sich auch in den eingestreuten Solopartien der 1. Violine, mit einer durch Triller, Glissandi, Tremoli, Obertönen und Vorschlagsfiguren reich ornamentierten Melodik. Nach einer düsteren Episode der tiefen Streicher kehrt das Stück in die Anfangsmelodie zurück, noch vehementer und expressiver als zuvor.
Auf eine Reise ins 17. Jahrhunderts begibt sich Enno Poppe in Kreis (2026) nach Gedichten des barocken Dichters, Theologen und Arztes Angelus Silesius. Silesius’ in ihren pointierten Ich-Reflexionen ungemein modern wirkende Epigramme aus dem »Cherubinischen Wandersmann« (1657/75) hat Poppe in einer kontrastiven Abfolge von Instrumental- und unterschiedlich begleiteten Gesangssätzen musikalisiert. Kreis ist aber alles andere als historisierende »Musik über Musik«. Vielmehr baut Poppe aus verschiedenen Stimmungssystemen eine ganz eigene Klangarchitektur. Das Anna Prohaska gewidmete Stück für Sopran und Kammerorchester ist also auch eine Reise in unbekannte Gefilde der Mikrotonalität, die auf einer mikrotonalen Ausdifferenzierung dreier Streichergruppen mit einem je eigenen Basso Continuo beruht: »Ich wollte schon lange ein Stück mit verschiedenen Continuo-Gruppen und verschiedenen Continuo-Instrumenten komponieren. In Kreis sind die Streicher in drei Gruppen geteilt, zu denen jeweils ein Continuo-Instrument gehört: ein Cembalo, eine Harfe und ein Chitarrone, was dasselbe ist wie eine Theorbe. Diese drei Instrumente sind jeweils um einen Sechstelton gegeneinander verstimmt. Wenn ich sie kombiniere, erhalte ich nicht 12, sondern in der Summe 36 unterschiedliche Töne pro Oktave. Auf dieser Basis kann ich großartige neue Akkorde finden und eine Harmonik bauen.«
Über dieser komplexen Bauweise aus drei fluoreszierend ineinander geblendeten Schichten, bewegt sich die Gesangspartie ohne vordergründige Dramatik, aber mit reich differenzierter Artikulation: feinste Abstufungen des Vibratos und der Dynamik, vor allem aber Mikroglissandi und an die barocke Vokalpraxis angelehnte Verzierungen beleben die Intensität der Singstimme. Häufig entwickelt sich die melodische Linie in einem relativ kleinen Ambitus, tritt mit Tonrepetitionen auf der Stelle oder kreist mit kleinen Wiederholungsschleifen um sich selbst. Später drängt die vokale Ebene ins Skurrile: Die Instrumentalist:innen werden in den Gesang einbezogen und müssen (aufgeteilt in Männer- und Frauenstimmen) betont indifferent, »mit halb geöffnetem Mund« Vokalisen oder einzelne Silben singen. Der im Text verhandelte Gestus der Orientierungslosigkeit (»Ich weiß nicht, was ich soll! Es ist mir alles Ein.«) erhält in der betont »nicht-akademischen« Einbeziehung der menschlichen Stimme eine besonders eindringliche, verletzliche Qualität. Der raumgreifende Schlusssatz behandelt dann verschiedene Sentenzen aus der Silesius-Vorlage in kontrastiven Klangbildern von suggestiver Prägnanz: Wenn es heißt »Mensch werde wesentlich«, erstarren die Streichgruppen aus dem dichten polyphonen Satz zu einem simplen Schreitrhythmus im 6/4tel-Takt. Aber diese Gewissheit ist nur von kurzer Dauer: Am Ende steht in kleinteilig zersplitterter Interaktion der Stimmen nur die Erkenntnis zu wissen, dass man nichts weiß.
Benjamin Britten: Les Illuminations op. 18 (Gedichte von Arthur Rimbaud)
J’ai seul la clef de cette parade sauvage.
Villes
Ce sont des villes ! C’est un peuple pour qui se sont montés ces Alleghanys et ces Libans de rêve ! Des chalets de cristal et de bois qui se meuvent sur des rails et des poulies invisibles. Les vieux cratères ceints de colosses et de palmiers de cuivre rugissent mélodieusement dans les feux. […] Ce sont des villes ! Des cortèges de Mabs en robes rousses, opalines, montent des ravines. Là-haut, les pieds dans la cascade et les ronces, les cerfs tètent Diane. Les Bacchantes des banlieues sanglotent et la lune brûle et hurle. Vénus entre dans les cavernes des forgerons et des ermites. Des groupes de beffrois chantent les idées des peuples. Des châteaux bâtis en os sort la musique inconnue. […] Ce sont des villes ! Le paradis des orages s’effondre. Les sauvages dansent sans cesse la fête de la nuit. […]
Ce sont des villes ! Quels bons bras, quelle belle heure me rendront cette région d’où viennent mes sommeils et mes moindres mouvements?
J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des
guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or
d’étoile à étoile, et je danse.
Gracieux fils de Pan ! Autour de ton front
couronné de fleurettes et de baies tes yeux, des
boules précieuses, remuent. Tachées de lies brunes, tes joues se creusent. Tes crocs luisent. Ta poitrine ressemble à une cithare, des tintements circulent dans tes bras blonds. Ton cœur bat dans ce ventre où dort le double sexe. Promène-toi, la nuit, en mouvant doucement cette cuisse, cette seconde cuisse et cette jambe de gauche.
Un beau matin, chez un peuple fort doux, un homme et une femme superbes criaient sur la place publique. «Mes amis, je veux qu’elle soit reine !», «Je veux être reine !» Elle riait et tremblait. Il parlait aux amis de révélation, d’épreuve terminée. Ils se pâmaient l’un contre l’autre.
En effet ils furent rois toute une matinée où les tentures carminées se relevèrent sur les maisons, et toute l’après-midi, où ils s’avancèrent du côté des jardins de palmes.
Les chars d’argent et de cuivre –
Les proues d’acier et d’argent –
Battent l’écume, –
Soulèvent les souches des ronces.
Les courants de la lande,
Et les ornières immenses du reflux,
Filent circulairement vers l’est,
Vers les piliers de la forêt, –
Vers les fûts de la jetée,
Dont l’angle est heurté par des tourbillons de
lumière.
J'ai seul la clef de cette parade sauvage.
Devant une neige un Être de Beauté de haute taille. Des sifflements de mort et des cercles de musique sourde font monter, s’élargir et trembler comme un spectre ce corps adoré; des blessures écarlates et noires éclatent dans les chairs superbes. Les couleurs propres de la vie se foncent, dansent, et se dégagent autour de la vision, sur le chantier. Et les frissons s’élèvent et grondent, et la saveur forcenée de ces effets se chargeant avec les sifflements mortels et les rauques musiques que le monde, loin derrière nous, lance sur notre mère de beauté, – elle recule, elle se dresse. Oh ! Nos os sont revêtus d’un nouveau corps amoureux.
Ô la face cendrée, l’écusson de crin, les bras de cristal ! Le canon sur lequel je dois m’abattre à travers la mêlée des arbres et de l’air léger !
Des drôles très solides. Plusieurs ont exploité vos mondes. Sans besoins, et peu pressés de mettre en œuvre leurs brillantes facultés et leur expérience de vos consciences. Quels hommes mûrs ! Des yeux hébétés à la façon de la nuit d’été, rouges et noirs, tricolorés, d’acier piqué d’étoiles d’or; des facies déformés, plombés, blêmis, incendiés; des enrouements folâtres ! La démarche cruelle des oripeaux ! – Il y a quelques jeunes, – […]
Ô le plus violent Paradis de la grimace enragée ! […] Chinois, Hottentots, Bohémiens, niais, hyènes, Molochs, vieilles démences, démons sinistres, ils mêlent les tours populaires, maternels, avec les poses et les tendresses bestiales. Ils interpréteraient des pièces nouvelles et des chansons «bonnes filles». Maîtres jongleurs, ils transforment le lieu et les personnes, et usent de la comédie magnétique.
J’ai seul la clef de cette parade sauvage.
Assez vu. La vision s’est rencontrée à tous les airs.
Assez eu. Rumeurs des villes, le soir, et au soleil,
et toujours.
Assez connu. Les arrêts de la vie. – Ô Rumeurs et
Visions !
Départ dans l’affection et le bruit neufs !
Ich allein habe den Schlüssel zu dieser wilden Parade.
Das sind Städte! Welch ein Volk, für das sich diese Alleghannies und Libanone des Traums aufgetürmt haben! Chalets aus Kristall und Holz, die sich auf unsichtbaren Gleisen und Rollen bewegen. Die alten Krater, gesäumt von Säulen und kupfernen Palmen, brüllen melodiös in die Feuer. […] Das sind Städte! Züge von Mabs in fuchsroten, opalnen Roben erklimmen die Klüfte. Dort oben, in Sturzbach und Dornen stehend, stillen die Hirsche sich an Dianas Brust. Die Bacchantinnen der Vorstädte schluchzen, und der Mond glüht und brüllt. Venus kommt in die Höhlen der Schmiede und Eremiten. Bergfriede schmettern in hellen Scharen die Ideen der Völker. Schlösser aus Knochen verströmen die unbekannte Musik. […] Das sind Städte! Das Paradies der Donner bricht zusammen. Die Wilden tanzen ohne Unterlaß das Fest der Nacht. […]
Das sind Städte! Welche guten Arme, welch schöne Stunde werden mich wieder in jene Region versetzen, woher mein Schlummer und meine leisesten Regungen kommen?
Ich habe Saiten gespannt von Kirchturm zu Kirchturm; Girlanden von Fenster zu Fenster; goldene Ketten von Stern zu Stern, und ich tanze.
Graziöser Sohn des Pan! Um deine von Blüten und Beeren bekränzte Stirn wandern deine Augen, kostbare Kugeln, hin und her. Von brauner Hefe befleckt, höhlen sich deine Wangen. Deine Hauer leuchten. Dein Brustkorb gleicht einer Zither, Gekling kreist in deinen hellen Armen. Dein Herz schlägt in diesem Leib, wo das Zwie-Geschlecht schläft. Ergehe dich nächtens, rühre sacht diesen Schenkel, jenen zweiten Schenkel und dieses Bein zur Linken.
Eines schönen Morgens, bei einem ganz sanftmütigen Volk, riefen ein Mann und eine Frau, stolze Wesen beide, über den großen Platz: »Meine Freunde, ich will, daß sie Königin ist!«, »Ich will Königin sein!« Sie lachte und zitterte. Er sprach Freunden gegenüber von Offenbarung, von beendeter Prüfung. Außer sich, stürzten sie aufeinander zu.
In der Tat waren sie einen Morgen lang königlich, als sich die Karminbehänge über den Häusern wieder hoben, und den ganzen Nachmittag, als sie bis zu den Palmengärten vorstießen.
Wagen aus Silber und Kupfer –
Buge aus Stahl und Silber –
Stampfen die Gischt, –
Wühlen die dornigen Stümpfe auf.
Die Ströme des Sandlands
Und die riesigen Rinnen der Rückflut
Greifen kreiselnd nach Osten,
Auf die Pfeiler des Walds zu –
Hin auf die Stämme des Damms,
Dessen Kante Lichtwirbel berennen.
Ich allein habe den Schlüssel zu dieser wilden Parade.
Vor einem Schneefeld ein Wesen der Schönheit von hohem Wuchs. Todespfeifen und Kreisen dumpfer Musik machen, daß dieser angebetete Körper steigt, schwillt und bebt wie ein Gespenst; scharlachfarbene und schwarze Scharten springen auf in diesem prächtigen Fleisch. Die Farben des Lebens selbst vertiefen sich, tanzen und setzen sich frei um die Vision, auf dem Werkplatz. Und die Schauder erheben sich und tosen, und die wahnwitzige Würze dieser Wirkungen, die sich mit tödlichen Pfiffen belädt und mit den rauhen Musiken, welche die Welt, weit hinter uns liegend, auf unsere Mutter der Schönheit schleudert, – sie weicht zurück, sie richtet sich wieder auf. Oh! Unsere Gebeine sind wieder mit dem Fleisch eines neuen Liebeskörpers bekleidet.
Oh, das Gesicht in Asche, der Wappenschild aus
Haar, die Arme kristallen! Das Rohr, auf das ich
niederstürzen muß, durch das Gemenge von Bäumen und duftiger Luft!
Höchst handfeste Spaßvögel. Einige haben eure Welten ausgebeutet. Ohne Nöte und kaum unter Druck, von ihren glänzenden Talenten und der Erfahrung mit euren Gewissensqualen Gebrauch zu machen. Was für gereifte Menschen! Stumpf blickende Augen nach Art der Sommernacht, rot und schwarz, dreifarben, goldenes Sterngestichel auf Stahl; Fratzengesichter, bleiern, blaß, verascht; irrwitziges Geräusper! Grausamer Aufmarsch von Flitter und Tand! Es sind einige junge Kerle darunter, – […]
O Gewalttätigstes Paradies der tollwütigen Grimasse! […] Chinesen, Hottentotten*, Zigeuner**, Tröpfe, Hyänen, Moloche, greise Irre, finstere Geister, die unter ihre volks- und mutternahen Schwänke bestialische Posen und Zärtlichkeiten mengen. Sie würden auch Zeitstücke und Lieder »braver« Mädel interpretieren. Als Meister der Gaukelei schalten und walten sie mit Schauplätzen und bedienen sich der magnetischen Komödie.
Ich allein habe den Schlüssel zu dieser wilden
Parade.
Genug gesehen. Die Vision hat sich in allen Sphären gefunden.
Genug gehabt. Aufruhr der Städte, am Abend und in der Sonne und immerzu.
Genug erfahren. Die Halte des Lebens. – O Aufruhr
und Visionen!
Aufbruch zu neuer Liebe und neuem Getümmel!
[*Hottentotten: Angehörige einer in Südwestafrika lebenden Völkerfamilie. Die Bezeichnung‚ Hottentotten‘ gilt heute als kolonial geprägt und diskriminierend. Er wurde von europäischen Kolonialmächten als Fremdbezeichnung für die Khoikhoi verwendet, eine indigene Bevölkerungsgruppe im südlichen Afrika (vor allem im heutigen Namibia und Südafrika).]
[** Zigeuner: Angehöriger des Volkes der Sinti und Roma. Der im Original verwendete Begriff ‚Zigeuner‘ war im 19. Jahrhundert als Fremdbezeichnung für verschiedene ethnische Gruppen weit verbreitet. Aufgrund seiner Geschichte der Stigmatisierung und Verfolgung gilt er heute als diskriminierend.]
La nuit couvre les cieux !
Quel funeste ravage !
Vaste empire des mers où triomphe l’horreur,
Vous êtes la terrible image
du trouble de mon cœur.
Des vents impétueux vous éprouvez la rage,
d’un juste désespoir j'éprouve la fureur.
Viens, hymen, viens m’unir au vainqueur que j’adore !
Forme tes noeuds, enchaîne-moi !
Dans ces tendres instants où ma flamme t’implore,
l’amour même n’est pas plus aimable que toi.
Tendre amour, que pour nousta chaîne dure à jamais !
Nacht bedeckt den Himmel!
Welch verheerendes Unwetter!
Unendliches Reich der Meere, wo der Schrecken herrscht,
du bist das grauenvolle Abbild
des Aufruhrs in meinem Herzen.
Du spürst den Zorn gebieterischer Winde
und ich die Wut ohnmächtiger Verzweiflung.
Komm, Hymenäus, vermähle mich mit dem Sieger, den ich anbete!
Umwinde mich mit deinem Eheband, deinen Ketten!
In diesem innigen Moment, wo ich dich glühend anflehe,
ist selbst Amor nicht liebenswerter als du.
Zärtliche Liebe, möge uns deine Kette
binden immerdar!
Enno Poppe: Kreis (Text von Angelus Silesius)
II
Ohne warumb (I 289)
Die Ros‘ ist ohn‘ warumb. Sie blühet weil sie blühet.
Sie acht‘ nicht ihrer selbst, sie fragt nicht ob man sie siehet.
IV
Man weiß nicht was man ist (I 5)
Ich weiß nicht was ich bin, ich bin nicht was ich weiß:
Ein Ding und nit ein Ding: Ein Stüpffchen und ein Kreis.
VI
Die Gleichheit (I 190)
Ich weiß nicht was ich soll! Es ist mir alles Ein:
Ort, Unort, Ewigkeit, Zeit, Nacht, Tag, Freud und Pein.
VIII
Dein Kerker bist du selbst (II 85)
Die Welt die hält dich nicht, du selber bist die Welt,
die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.
Die Unruh kommt von dir (I 37)
Nichts ist das dich bewegt, du selber bist das Rad,
das aus sich selbsten lauft und keine Ruhe hat.
Zufall und Wesen (II 30)
Mensch werde wesentlich: denn wann die Welt vergeht,
so fällt der Zufall weg. Das Wesen das besteht.
Die Ewigkeit (II 153)
Was ist die Ewigkeit? Sie ist nicht dies, nicht das,
nicht Nun, nicht Ichts, nicht Nichts, sie ist ich weiß nicht was.
Berliner Festspiele 2026 / Text Martina Seeber
Martina Seeber: Seit 2004 komponieren sie immer wieder für Gesang und setzen diese Arbeit hier fort. Was fasziniert Sie an der Stimme?
Enno Poppe: Die Stimme ist ein fantastisches Instrument. Anders als bei „normalen“ Musikinstrumenten entdeckt man ständig etwas, das sich neu anfühlt oder was Komponist*innen bislang noch nicht angefasst haben. Es gibt weltweit und über die Jahrhunderte hinweg so viele Arten zu singen, so verschiedene technische und stilistische Möglichkeiten. Ich möchte mit dieser Vielfalt arbeiten, und dabei entstehen sehr unterschiedliche Stücke, weil auch die menschlichen Stimmen und Sängerpersönlichkeiten so verschieden sind.
Martina Seeber: Was zeichnet die Zusammenarbeit mit Anna Prohaska aus?
Enno Poppe: Sie hat eine wunderbare Stimme und singt sehr viel Barockmusik. Kaum jemand kann die Arien von Henry Purcell schöner interpretieren. Außerdem ist es ihr ein echtes Anliegen, Alte Musik mit Neuer Musik zu verbinden. Das Ensemble Resonanz vertritt dieselbe Praxis, und weil dieses neue Werk ein Kompositionsauftrag für Anna Prohaska und das Ensemble Resonanz ist, war die Verbindung von Barock und Gegenwart mein Ausgangspunkt. Ich wollte mich aber schon lange mit Alter Musik beschäftigen und dabei nicht nur das historische Instrumentarium einsetzen, sondern auch mit der Gesangspraxis arbeiten. Im Barock gibt es Verzierungen, die es bei Schubert oder Wagner so nicht gibt. Mich interessiert das sehr, und ich habe hier viel Neues ausprobiert.
Martina Seeber: Haben Sie sich dafür in konkrete Werke oder das Schaffen bestimmter Barockkomponisten vertieft?
Enno Poppe: Ich habe mir vor allem angehört, wie Anna Prohaska singt. Das hat mich inspiriert. Ihr Gesang ist melodiös, einfach und anrührend. Das ist eine wunderbare Mischung. Gleichzeitig gestaltet sie äußerst bewusst. Ihre Interpretationen sind sehr komplex; man kann sie auf unterschiedlichen Ebenen hören. Man kann sich zurücklehnen und sie einfach schön finden, oder man kann ganz nah herankommen und hören, was sie mit den Farben machen kann.
Zugleich habe ich unheimlich viel Frescobaldi und Monteverdi gehört. Beide gehören ohnehin zu meinen Lieblingskomponisten.
Martina Seeber: Zu Claudio Monteverdis Zeit hat man begonnen, über einer Basslinie als harmonischer Grundlage zu komponieren. Dieser Basso continuo wurde von einem Instrument oder von einer kleinen Gruppe von Instrumenten ausgeführt. Warum ist in Kreisneben den Streichern ein mikrotonales Basso continuo vorgesehen?
Enno Poppe: Ich hatte schon vor 30 Jahren die Idee, für Basso continuo zu schreiben, es aber nie realisiert. In der Alten Musik ist man es gewohnt, mit unterschiedlichen Stimmtönen zu arbeiten, je nachdem, in welchem Ensemble oder mit welcher Orgel man spielt. Barockmusiker*innen sind total flexibel, anders als ein modernes Orchester, das schon bei kleinen Abweichungen irritiert ist. In der Alten Musik ist so etwas normal. Ich wollte schon lange ein Stück mit verschiedenen Continuo-Gruppen und verschiedenen Continuo-Instrumenten komponieren. In Kreis sind die Streicher in drei Gruppen geteilt, zu denen jeweils ein Continuo-Instrument gehört: ein Cembalo, eine Harfe und ein Chitarrone, was dasselbe ist wie eine Theorbe. Diese drei Instrumente sind jeweils um einen Sechstelton gegeneinander verstimmt. Wenn ich sie kombiniere, erhalte ich nicht 12, sondern in der Summe 36 unterschiedliche Töne pro Oktave. Auf dieser Basis kann ich großartige neue Akkorde finden und eine Harmonik bauen. Ich habe mich dafür auf eine Reise begeben und musste mich auch selbst erstmal orientieren, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, „falsch“ und „richtig“ zu intonieren. Bei den Instrumenten, bei der Stimme und beim Text gehe ich vom 17. Jahrhundert aus, also noch ein Jahrhundert vor der Zeit Johann Sebastian Bachs. Von dort aus verästelt und bewegt sich das Stück dann aber in alle möglichen Richtungen.
Martina Seeber: Sind die drei Continuo-Gruppen auf der Bühne räumlich getrennt?
Enno Poppe: Sie spielen jeweils links, rechts und in der Mitte, aber nicht zu weit voneinander entfernt, weil sie aufeinander hören müssen. Die entsprechenden Streichinstrumente haben ihren Bezugston immer im dem zugeordneten Continuo-Instrument, das in ihrer Nähe spielt. Die Streicher sind aber normal gestimmt, weil sie ohnehin Mikrointervalle intonieren können.
Martina Seeber: Welche Rolle spielt dann die Solistin vor diesem komplexen Hintergrund?
Enno Poppe: Anna Prohaska hat schon Respekt vor dieser Situation geäußert, weil sie ja unentwegt entscheiden muss, an welchem Ton sie sich orientiert. Mir ist hier wichtig, dass sich die Solostimme über allem bewegt. Ein Zupfinstrument wie der Chitarrone ist ja sehr zart und kann nicht laut spielen. Außerdem hat die Singstimme keine Melodien mit Mikrotönen, was intonatorisch kaum möglich wäre. Was mich aber schon seit Jahren beschäftigt und womit ich auch hier arbeite, ist das Glissando. Wenn sie glissandiert, also gleitet, kann sich die Stimme zwischen den verschiedenen Continuo-Gruppen hin und her bewegen. Sie bleibt immer in Bewegung. Ich habe in der Hinsicht viel von außereuropäischer Musik gelernt. Aber auch wenn man Aufnahmen von Maria Callas hört, merkt man, dass sie eigentlich unentwegt Glissandi singt. Jeder einzelne Ton ist in Bewegung.
Martina Seeber: Bei ihr ist es aber ein Mittel der Interpretation, nicht der Komposition.
Enno Poppe: Ja, aber das ist etwas, das ich übertrage. Ich arbeite damit und kann beim Glissandieren zwischen den mikrotonalen Akkorden hin- und hermorphen. Übrigens wird nicht nur Anna Prohaska, sondern auch das ganze Ensemble irgendwann singen.