Das Programmheft ist digital! Lest und schaut und hört vor dem Konzert oder danach. Währenddessen lieber den Blick auf die Bühne richten oder im Saal umherschweifen lassen. Und die Ohren öffnen für das, was kommt. Im Anschluss an das Konzert steht Euch wieder alles zur Verfügung.
Vorwort von Marie-Sünje Schade
Zum Programm: fantasy & farewell
Ralph Vaughan Williams: Fantasia on a theme of Thomas Tallis
Hubert Parry: Songs of Farewell
Ralph Vaughan Williams (1872-1958)
Fantasia on a theme of Thomas Tallis
für Streichquartett und Streichorchester
Hubert Parry (1848-1918)
Songs of Farewell
für gemischten Chor a cappella (Auszüge)
- My soul, there is a country
- I know my soul hath power to know all things
- Never weather-beaten sail
- Lord, let me know mine end
Pause
Edward Elgar (1857-1934)
Introduction and Allegro op. 47
für Streichorchester
Joanna Marsh (*1970)
Threadlands
für Chor und Streichorchester (Libretto: Mark Fiddes)
I. Beneath One Sky
II. The Thread Pulls
III. The Land Speaks
IV. She Sews
Konzertende ca. 22 Uhr
RIAS Kammerchor Berlin
Justin Doyle Dirigent
Ensemble Resonanz
Meine Seele ist meine Heimat ist ein Abschied, ein Wellenschlag. Ein Lied aus ferner Zeit wallt auf und wächst zum Chor – als zöge Nebel über englische Küsten. Auf die noble Art bricht eine »Teufelsfuge« hervor, voller Energie und Aufbegehren – bis Joanna Marsh uns in ihre »Threadlands« führt und die Fäden neu verknüpft. Das Jenseits hallt nach, umwoben von Sturm, Frieden und Erlösung. Und von der Frage, was bleibt.
Liebe Freundinnen und Freunde des Ensemble Resonanz,
Ende. Punkt. Schluss.
Das klingt erst einmal hart. Vielleicht sogar beängstigend.
Wer beschäftigt sich schon gern mit dem Ende – mit dem Aufhören, dem Loslassen, der eigenen Endlichkeit? Und gleichzeitig gehört das Beenden zu unserem Alltag: Einen Tag zum Beispiel. Wir schließen die Augen, lassen ihn hinter uns. Das kann auch etwas Beruhigendes haben, uns zur Ruhe kommen lassen. Ein Ende ist kein leerer Punkt. Denn das, was war, verschwindet ja nicht einfach. Es bleibt, es verändert sich, wird Teil von uns – und zum Anfang von etwas Neuem.
Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich unser heutiges Programm: »fantasy & farewell«: Abschied wird zum Katalysator für Wandel, Fantasie zur Kraft des Prozesshaften.
Die Werke dieses Abends kreisen auf sehr unterschiedliche Weise um diese Gedanken. Sie blicken zurück – wie in der Fantasie von Ralph Vaughan Williams, die ein jahrhundertealtes musikalisches Material aufgreift und in etwas Gegenwärtiges verwandelt. Sie nehmen Abschied – wie in den »Songs of Farewell« von Hubert Parry, entstanden in einer Zeit tiefster persönlicher und gesellschaftlicher Erschütterung. Und sie zeigen, wie stark Vergangenheit und Gegenwart ineinander verwoben sind – wie bei Edward Elgar, der Tradition und Virtuosität neu zusammendenkt. Und dann ist da »Threadlands« von Joanna Marsh. Ein Auftragswerk des RIAS Kammerchor, uraufgeführt mit dem Ensemble Resonanz unter der Leitung von Justin Doyle.
Marsh, die selbst zwischen Kulturen lebt, stellt darin Fragen nach Herkunft und Identität – danach, was wir an Vergangenheit mitnehmen und was wir loslassen. Im Zentrum steht das Bild eines Fadens: etwas, das sich durch unser Leben zieht, uns verbindet, uns prägt. Ein Faden, der Geschichten weiterträgt – über Generationen hinweg. Der verbindet, aber sich auch verheddern kann. Ein Ende erscheint hier nicht als klarer Schnitt, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs: als etwas, das weiterwirkt, sich fortsetzt, sich verwandelt.
Was begegnet uns also in diesem Programm? Verschiedene Perspektiven auf das Ende – und die Idee, dass es vielleicht keinen endgültigen Schlusspunkt gibt. Sondern dass Ende immer auch Transformation bedeutet. Dass Abschied Räume öffnen kann. Und dass aus dem, was war, etwas Neues entsteht.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen Abend voller Nachhall,
voller Erinnerung
– und voller Vorstellungskraft.
Ihre
Marie-Sünje Schade
(Künstlerisches Management & Geschäftsführung)
Namengebend für das heutige Programm sind zwei zentrale Aspekte des diesjährigen Mottos des Internationalen Musikfest Hamburg: »Ende«. Die Erinnerung daran, was war, und die leise Vorstellung davon, was hätte sein können. Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint, in denen Vergangenes nachklingt und noch nicht ganz loslässt. Ein Abend von requiemhafter Tiefe, der genau da ansetzt.
»Es geht um Nachhall, um Erinnerung, um Momente des Innehaltens. Die Fantasie ist dabei wichtig, weil sie einen Raum öffnet. Einen Raum, in dem wir Abschied überhaupt erst reflektieren und verarbeiten können«, so Stimmen aus dem Ensemble Resonanz.
Mit vier Werken britischer Komponistinnen und Komponisten präsentieren der RIAS Kammerchor Berlin und das Ensemble Resonanz unter der Leitung Justin Doyle ein musikalisch wie semantisch facettenreiches Programm, das zur Kontemplation und Reflexion einlädt.
Bereits ein Blick auf die Werktitel sowie ihre Besetzungen verrät viel über die jeweilige Form der Auseinandersetzung mit Vergangenem. Vaughan Williams verarbeitet in seinem Instrumentalwerk »Fantasia on a theme of Thomas Tallis« ein historisches Chorwerk, das sowohl musikhistorisch als auch biografisch für den Komponisten von großer Bedeutung ist. Ähnlich steht es um Edward Elgars »Introduction and Allegro«, das die bereits in der Barockzeit etablierte Abfolge langsamer und schneller Sätze aufgreift und sie in der Tradition des Concerto grosso instrumentiert und neu interpretiert. Wörtlicher wird es bei Hubert Parrys »Songs of Farewell«, die das Lebewohl bereits im Titel wie im Libretto explizit adressieren. Abgerundet wird das Konzert durch die Uraufführung von »Threadlands«, dem jüngsten Werk der Komponistin Joanna Marsh. Hier wird die Verwobenheit von Leben, Identität, Kultur und Tradition in einem gemeinsam mit dem Librettisten Mark Fiddes erarbeiteten, bewegenden Narrativ als musikalisch-poetisches Kunstwerk für Chor und Orchester reflektiert.
So entsteht ein Programm, das nicht nur Abschied nimmt, sondern auch danach fragt, was bleibt – Konsequenzen aus Vergangenem zieht und dadurch die Zukunft gestaltet.
Nicht ohne Grund schafft es Williams’ »Fantasia on a Theme by Thomas Tallis« regelmäßig in die Top 5 des britisches Radiosenders Classic FM. Der englische Musikkritiker und ehemalige Chefredakteur der Times, Frank Howes, verglich die Erhabenheit des einsätzigen Werkes mit jener einer Kathedrale – treffender lässt sich diese Musik kaum beschreiben. Gleich zu Beginn erklingen choralartig gesetzte Streicher, die nahezu orgelgleich in einem homogenen Klang verschmelzen. Gelegentlich durch gezupfte Melodiefragmente unterbrochen, schimmert der zugrundeliegende Hymnus von Thomas Tallis immer deutlicher durch. Williams lässt dabei nicht nur die Oberstimme der »Third Mode Melody«, sondern auch vereinzelte Fragmente der Mittelstimmen solistisch hervortreten, bevor der Hymnus als Ganzes schließlich von Celli und Bratschen nahezu gesungen wird. Die weitgehende Beibehaltung von Tallis‘ Harmonisierung verstärkt den nostalgischen Charakter und die an alte Zeiten erinnernde phrygische Klangcharakteristik. Zugleich überführt Williams die historische Vorlage in einen für ihn charakteristischen, prallen und intensiven Streicherklang und erweitert sie um neuere harmonische Wendungen.
Zur monumentalen Erscheinung der Fantasia – um das Bild von Howes erneut aufzugreifen – trägt auch die äußerst differenzierte Instrumentation bei: Der verfügbare Orchesterapparat wird in zwei Gruppen und mehrere Solist:innen unterteilt. Detaillierte Spielanweisungen, ausnotierte Atemzeichen und nahezu unmerkliche Tempo- und Taktwechsel erzeugen das Gefühl textbedingter Rhythmusgestaltung – und lassen das Werk wie eine Hommage an die Chormusik insgesamt, und nicht nur an das Thema von Thomas Tallis, wirken.
»Farewell«: Ein Zyklus, der den Abschied gleich in mehrfacher Hinsicht in sich trägt. Sowohl die zugrundeliegenden Texte, die bis zum Psalm 39 des Alten Testaments zurückreichen, als auch die Entstehungszeit kurz vor Parrys Tod im Jahr 1918 unterstreichen das Bild von Abschied, Vergänglichkeit, aber auch Hoffnung. Vielleicht wurde aus diesem Grund eines der »Songs of Farewell« (There is an old belief) bei Parrys Beerdigung gesungen:
Es gibt einen alten Glauben,
Dass an einem fernen Ufer,
Jenseits der Sphäre der Trauer,
Liebe Freunde sich wieder treffen werden.
Entstanden sind die Werke aus persönlicher Betroffenheit. Während des Ersten Weltkriegs leitete Parry das Royal College Of Music und unterrichtete zahlreiche angehende Komponist:innen, darunter Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst, während andere seiner Studenten im Krieg ihr Leben verloren. Die tiefe Trauer um die unmittelbaren Geschehnisse, sowie die bittere Enttäuschung über den Kriegsverlauf – Parry war ein großer Bewunderer deutschen Kulturguts und hätte es nie für möglich gehalten, dass Deutschland und Großbritannien miteinander Krieg führen würden – verarbeitete Parry in seinem Zyklus. Die gleichermaßen anspruchsvolle wie ausdrucksstarke Führung der Einzelstimmen sowie ihr eng verwobenes Miteinander erinnern an Chormusik früherer Jahrhunderte. Zugleich arbeitet Parry mit experimentellen, teils frischen und teils trüben harmonischen Wendungen und schafft so eine zwar idiomatisch behaftete, klanglich dennoch eigenständige Komposition. Ebendieses Wechselspiel von neu und alt findet sich ebenfalls in den ausgewählten Texten: Wenngleich sie schon zu Parrys Zeit der Vergangenheit angehörten, hatte ihre Bedeutung nichts an Aktualität verloren.
Den Spagat zwischen Tradition und Moderne vollzieht auch Edward Elgar mit seinem virtuosen »Introduction and Allegro«. Während sich diese zweisätzige Form gerade im 19. Jahrhundert großer Popularität erfreute – etwa bei Robert Schumann, Carl Reinecke und später auch bei Maurice Ravel – erinnert die von Elgar gewählte Besetzung (Streichquartett und Streichorchester) an die barocke Tradition des Concerto Grosso. Mit diesem historischen Gattungsvorbild, das im 18. Jahrhundert zunehmend vom instrumentalen Solokonzert abgelöst wurde, teilt das Werk sowohl den virtuosen Anspruch als auch das Mit- und Durcheinander von Soloquartett und Tutti.
Barocke Techniken – so etwa das Fugato des zugrundeliegenden walisischen Themas (zu dem er, nach eigenen Angaben, durch die Erinnerung an ein Lied, welches er während seines Urlaubs in Cardiganshire in der Ferne gehört haben soll, inspiriert wurde) – werden durch romantische Idiomatik und seine unverkennbare Behandlung des Streichorchesters zu einem genuin eigenen Klangbild. Der oft hervorgehobene virtuose Spielanspruch ist dabei keineswegs Selbstzweck, sondern unmittelbares Ausdrucksmittel einer dramaturgisch und formal vertrackten Komposition. Somit zeugt das Werk von kompositorischer Handwerkskunst, einer profunden Kenntnis der Instrumente und stellt zugleich höchste Anforderungen an das darstellerische Vermögen des Orchesters. Tatsächlich wurde »Introduction and Allegro« 1905 anlässlich eines dem Komponisten gewidmeten Konzerts konzipiert und komponiert, bei dem die musikalische und spielerische Qualität des neu gegründeten London Symphony Orchestra präsentiert werden sollte. Die entscheidende Idee für das Werk lieferte – wie so oft bei Elgar – sein Verleger und Freund, August Jaeger.
Anders als beim Duo Jaeger/Elgar gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen der Komponistin Joanna Marsh und dem Dichter Mark Fiddes. Während Marsch die Idee und Struktur zum Libretto für »Threadlands« hatte, war es Fiddes, der durch »sein Gespür für den Ausdruck die Bildsprache schärfte und ihre Wirkung vertiefte«, so die Komponistin. Kein Wunder, dass ausgerechnet Fiddes für dieses Libretto infrage kam: zeichnet ihn doch nicht nur sein virtuoser Umgang mit der englischen Sprache aus, sondern ebenfalls die gemeinsame Erfahrung mit Marsh, für viele Jahre im Ausland zu leben und entsprechende kultur- und identitätsstiftende Fragen künstlerisch zu verarbeiten.
»I think what we share is a curiosity about how people form identity and meaning, particularly in relation to place.«
Sprachbildlich portraitiert durch zwei Weberinnen, die, ohne voneinander zu wissen, an unterschiedlichen Orten und doch zur selben Zeit, in freudiger Erwartung, derselben Tätigkeit nachgehen, scheint das Werk (ähnlich wie die »Ode an die Freude« am Ende von Beethovens 9. Sinfonie) die Verbundenheit aller Menschen über kulturelle, geografische und politische Grenzen hinweg zu proklamieren.
Die librettistische Dichotomie von Dualität und Einheit aufgreifend, sind es gleich zwei Chöre, die mal dialogisch-komplementär, mal versöhnlich-unisono die Textgrundlage zu Gehör bringen. Diese sprachliche und damit unmittelbar menschliche Dimension der Komposition wird durch eine Nonverbale bereichert: das Orchester. Befasst sich der erste Satz mit dem friedvollen Gemeinsamen (»Beneath One Sky«), so kommt in »The Thread Pulls« eine wesentlich dynamischere Komponente hinzu: Der verbindende Faden wird zum Symbol der Verstrickung. In »The Land Speaks« erhebt sich die Erde selbst als Stimme. Ruhig, zeitlos, mahnend. »Du gehörst mir« klingt als Erinnerung an die größere Ordnung des Lebens, bevor am Ende (»She sews«) die häuslichen Bilder zurückkehren, überschattet von Verlust. Das Nähen wird zum Akt des Abschieds, während eine Mutter für Frieden betet.
»Threadlands« ist eine Auftragskomposition des RIAS Kammerchor Berlin und erlebt nach der Uraufführung in der Berliner Philharmonie mit dem Ensemble Resonanz hier seine Hamburger Erstaufführung.
Texte von Theresa Carlsson
My soul, there is a country
Far beyond the stars,
Where stands a winged sentry
All skilful in the wars.
There, above noise and danger,
Sweet Peace sits crowned with smiles,
And One, born in a manger,
Commands the beauteous files.
He is thy gracious friend.
And O my soul, awake!
Did in pure love descend
To die here for thy sake.
If thou canst get but thither,
There grows the flow’r of Peace,
The Rose that cannot wither,
Thy fortress, and thy ease.
Leave then thy foolish ranges,
For none can thee secure
But One who never changes,
Thy God, thy life, thy cure.
Henry Vaughan
Meine Seele, es gibt ein Land
Weit jenseits der Sterne,
Wo ein geflügelter Wächter steht,
Im Kampfe wohl erfahren.
Dort, über Lärm und Gefahr,
Thront süßer Friede, gekrönt mit einem Lächeln,
Und Einer, in einer Krippe geboren,
Gebietet die herrlichen Scharen.
Er ist dein gnädiger Freund.
Und – o meine Seele, erwache! –
Ist aus reiner Liebe herabgestiegen,
Um hier für dich zu sterben.
Kannst du nur dorthin gelangen,
Dort wächst die Blume des Friedens,
Die Rose, die nicht verwelken kann,
Deine Burg und deine Ruhe.
Verlass nun deine törichten Wege,
Denn niemand kann dich bewahren
Als der Eine, der sich niemals wandelt:
Dein Gott, dein Leben, dein Heil.
Henry Vaughan
I know my soul hath power to know
all things,
Yet she is blind and ignorant in all:
I know I’m one of Nature’s little kings,
Yet to the least and vilest things am thrall.
I know my life’s a pain and but a span;
I know my sense is mock’d in ev’ry thing;
And, to conclude, I know myself a Man,
Which is a proud and yet a wretched thing.
John Davies
Ich weiß, dass meine Seele die Kraft hat, alles zu
erkennen, Und doch ist sie blind und unwissend
in allem. Ich weiß, ich bin einer der kleinen
Könige der Natur, Und doch bin ich den
geringsten und niedrigsten Dingen unterworfen.
Ich weiß, mein Leben ist Schmerz und nur ein
kurzer Augenblick;
Ich weiß, mein Verstand wird in allem getäuscht;
Und schließlich weiß ich, dass ich ein Mensch bin,
Was etwas Stolzes und etwas Elendes ist.
John Davies
Never weather-beaten sail more willing
bent to shore,
Never tired pilgrim’s limbs affected
slumber more,
Than my wearied sprite now longs
to fly out of my troubled breast:
O come quickly, sweetest Lord, and take my
soul to rest!
Ever blooming are the joys of Heav’n’s
high Paradise,
cold age deafs not there our ears
nor vapour dims our eyes.
Glory there the sun outshines;
whose beams the blessed only see:
O come quickly, glorious Lord,
and raise my sprite to thee!
Thomas Campion
Nie neigte sich ein vom Sturm gepeitschtes Segel
williger dem Ufer zu,
Nie verlangten die Glieder eines müden Pilgers
stärker nach Schlaf
Als mein erschöpfter Geist danach verlangt,
Aus meiner gequälten Brust zu entfliehen.
O komm schnell, süßester Herr, und nimm
meine Seele zur Ruhe!
Ewig blühen die Freuden des hohen
Himmelsparadieses;
Das kalte Alter macht unsere Ohren dort
nicht taub,
kein Dunst trübt unser Auge.
Ein Glanz überstrahlt dort die Sonne,
Den nur die Seligen schauen.
O komm schnell, herrlicher Herr,
und erhebe meinen Geist zu dir!
Thomas Campion
Lord, let me know mine end
and the number of my days,
That I may be certified
how long I have to live.
Thou hast made my days as it were a span long;
And mine age is as nothing
in respect of thee,
and verily ev’ry man living
is altogether vanity.
For man walketh in a vain shadow,
And disquieteth himself in vain:
he heapeth up riches and cannot tell
who shall gather them.
And now, Lord, what is my hope?
Truly, my hope is even in thee.
Deliver me from all mine offences,
and make me not a rebuke unto the foolish.
I became dumb and opened not my mouth
for it was Thy doing.
Take Thy plague away from me,
I am even consumed by means of Thy
heavy hand.
When thou with rebukes dost chasten man
for sin,
thou makest his beauty to consume away,
like as it were a moth fretting a garment;
ev’ry man therefore is but vanity.
Hear my pray’r, O Lord, and with thine ears
consider my calling;
hold not thy peace at my tears!
For I am a stranger with Thee and a sojourner
as all my fathers were.
O spare me a little,
that I may recover my strength,
before I go hence
and be no more seen.
Psalm 39, 5-15
Herr, lehre mich mein Ende erkennen
und die Zahl meiner Tage,
damit ich weiß,
wie viel Lebenszeit ich noch habe.
Du hast meine Tage eine Handbreit
lang gemacht,
und mein Leben ist wie nichts vor dir;
wahrlich, jeder Mensch, der lebt,
ist ganz und gar eitel.
Denn der Mensch wandelt wie ein Schattenbild
und beunruhigt sich vergeblich;
er häuft Reichtum an
und weiß nicht, wer ihn sammeln wird.
Und nun, Herr, worauf soll ich hoffen?
Meine Hoffnung ist allein in dir.
Errette mich von all meinen Sünden
und mach mich nicht zum Gespött der Toren.
Ich wurde stumm und öffnete meinen Mund
nicht, denn du hast es getan.
Nimm deine Plage weg von mir,
Ich vergehe unter der Last deiner
schweren Hand.
Wenn du den Menschen mit Strafen züchtigst
um der Sünde willen,
lässt du seine Schönheit dahinschwinden
wie ein Gewand, das die Motte zerfrisst;
wahrlich, jeder Mensch ist eitel.
Höre mein Gebet, o Herr;
und vernimm mein Rufen und mit deinen Ohren;
schweige nicht zu meinen Tränen.
Denn ich bin ein Fremder bei dir, ein Durch-
reisender so wie es alle meine Väter waren.
Verschone mich noch ein wenig,
damit ich Kraft gewinne,
bevor ich dahinfahre
und nicht mehr gesehen werde.
Psalm 39, 5-15
In a garden patched with sun,
a woman sews as she waits.
She dreams.
She prays for new life,
for new breath: a son.
In a courtyard veiled with shade,
a woman sews as she waits.
She dreams.
She prays
for new breath, new life: a daughter.
Two miracles are born –
on the same day;
under different roofs,
under different laws,
different creeds,
different flags.
Same stars,
same moon,
same hour,
same land.
Newly cradled
beside different windows:
one facing east,
one facing west.
A son, a daughter,
same land.
Does the land know, does the dust care
how borders fray, pulled by a thread?
Newly named, blessed,
both swaddled –
one in pure linen, hemmed with prayer;
one in lambswool, woven with love.
Does the land know,
does the dust care
how borders fray, pulled by a thread?
Sleep, child,
draped in the warm folds of night.
A dream of distant worlds and light
that has travelled an eternity.
Wake, child,
mantled in the hush of dawn.
A promise of restoration
that will open our hearts to hope.
In einem Garten, gefleckt von Sonne,
näht eine Frau, während sie wartet.
Sie träumt.
Sie betet für neues Leben,
für neuen Atem: einen Sohn.
In einem Hof, verhüllt von Schatten,
näht eine Frau, während sie wartet.
Sie träumt.
Sie betet
für neuen Atem, neues Leben: eine Tochter.
Zwei Wunder werden geboren –
am selben Tag;
unter verschiedenen Dächern,
unter verschiedenen Gesetzen,
verschiedenen Glauben,
verschiedenen Flaggen.
Dieselben Sterne,
derselbe Mond,
dieselbe Stunde,
dasselbe Land.
Frisch gewiegt
neben verschiedenen Fenstern:
das eine weist nach Osten,
das andere nach Westen.
Ein Sohn, eine Tochter,
dasselbe Land.
Weiß das Land es, kümmert den Staub es,
wie Grenzen ausfransen, gezogen von einem Faden?
Frisch benannt, gesegnet,
beide gewickelt –
das eine in reines Leinen, gesäumt mit Gebet;
das andere in Lammwolle, gewoben mit Liebe.
Weiß das Land es, kümmert den Staub es,
wie Grenzen ausfransen, gezogen von einem Faden?
Schlaf, Kind,
gehüllt in die warmen Falten der Nacht.
Ein Traum von fernen Welten und Licht,
das eine Ewigkeit gereist ist.
Erwache, Kind,
umhüllt von der Stille des Morgengrauens.
Eine Verheißung der Erneuerung,
die unsere Herzen der Hoffnung öffnen wird.
Does the land know, does the dust care
how borders fray, pulled by a thread?
In a garden patched with sun,
days run like silk,
tangled with ancient histories.
Each child listening.
Each child awakening.
In a courtyard veiled with shade,
night’s dye billows
with legends of heroes…
Each child listening.
Each child awakening.
Our land.
Our dust.
Our stone.
…the thread pulls…
Just clapping hands,
just chanting songs,
just chasing kisses –
…the thread pulls…
Just throwing stones,
just building dams,
just hide-and-seek –
…the thread pulls…
Protect this land.
It was given.
It was taken.
It was promised.
It was broken.
It was stolen.
This land is yours.
Never again.
Our braver hearts
won’t let them pass.
…the thread pulls…
We dream of land.
Land dreams of us.
We fight as one.
This land is yours.
This land is theirs.
This land is ours.
Protect this stream.
What’s ours is ours.
What’s yours is ours.
…the thread pulls…
Tattered. Ragged. Scattered.
Truth. Justice. Borders.
Scorched. Blistered. Battered.
Bones. Broken. Blasted.
Homes. Shell-shocked. Shattered.
Weiß das Land es, kümmert den Staub es,
wie Grenzen ausfransen, gezogen von einem Faden?
In einem Garten, gefleckt von Sonne,
fließen die Tage wie Seide,
verwoben mit alten Geschichten.
Jedes Kind lauscht.
Jedes Kind erwacht.
In einem Hof, verhüllt von Schatten,
wogt die Färbung der Nacht
mit Legenden von Helden …
Jedes Kind lauscht.
Jedes Kind erwacht.
Unser Land.
Unser Staub.
Unser Stein.
…der Faden zieht…
Nur Händeklatschen,
nur Lieder singen,
nur Küsse jagen –
…der Faden zieht…
Nur Steine werfen,
nur Dämme bauen,
nur Verstecken spielen –
…der Faden zieht…
Schützt dieses Land.
Es wurde gegeben.
Es wurde genommen.
Es wurde versprochen.
Es wurde gebrochen.
Es wurde gestohlen.
Dieses Land gehört euch.
Niemals wieder.
Unsere mutigeren Herzen
werden sie nicht passieren lassen.
…der Faden zieht…
Wir träumen von Land.
Land träumt von uns.
Wir kämpfen gemeinsam,
Dieses Land gehört euch.
Dieses Land gehört ihnen.
Dieses Land gehört uns.
Schützt diesen Strom.
Was uns gehört, gehört uns.
Was euch gehört, gehört uns.
…der Faden zieht…
Zerfetzt. Zerlumpt. Zerstreut.
Wahrheit. Gerechtigkeit. Grenzen.
Versengt. Versehrt. Zerschlagen.
Knochen. Gebrochen. Gesprengt.
Häuser. Erschüttert. Zertrümmert.
I am
the hush before rain,
the cradle of seeds,
the breath of morning.
I am
the dreams that they sow,
the longing they reap,
the weeds of their pride.
I am
the first lullabies,
the stories and lies,
the claims to birthright.
You call me promise.
You call me gift.
You call me home.
But I am not yours.
You belong to me.
I carry your bones.
I soak up your blood.
I swallow your flags,
your maps, your names.
I do not take sides.
I do not forget.
I am the dust of your fathers
I am the dust of their enemies.
You scar me –
with borders, with bullets, with stories.
You hack me –
into barriers, into homes, into graves.
In me, the lies
you weave are spun again
as skeins of hope,
as a stitch in time.
Ich bin
die Stille vor dem Regen,
die Wiege der Samen,
der Atem des Morgens.
Ich bin
die Träume, die sie säen,
die Sehnsucht, die sie ernten,
das Unkraut ihres Stolzes.
Ich bin
die ersten Wiegenlieder,
die Geschichten und Lügen,
die Ansprüche auf Geburtsrecht.
Ihr nennt mich Verheißung.
Ihr nennt mich Geschenk.
Ihr nennt mich Heimat.
Aber ich gehöre nicht euch.
Ihr gehört mir.
Ich trage eure Knochen.
Ich trinke euer Blut.
Ich schlucke eure Flaggen,
eure Karten, eure Namen.
Ich ergreife keine Partei.
Ich vergesse nicht.
Ich bin der Staub eurer Väter.
Ich bin der Staub ihrer Feinde.
Ihr narbt mich –
mit Grenzen, mit Kugeln, mit Geschichten.
Ihr hackt mich –
in Mauern, in Häuser, in Gräber.
In mir werden die Lügen,
die ihr webt, neu gesponnen
als Strähnen der Hoffnung,
als ein Stich zur rechten Zeit.
In a garden patched with sun,
a woman sews.
In a courtyard veiled with shade,
a woman sews.
She sews as she waits.
She dreams as she sews.
Does the land know, does the dust care
how borders fray…?
She patches the shawl
her daughter sleeps.
She threads their name
on her son’s first shirt.
She fastens a bow
to her daughter’s dress.
Stitches the badge
to her son’s school bag.
Embroiders the lace
for her daughter’s first dance.
She repairs the flag
that her son will salute.
She mends the uniform
laid out at night.
She hems the veil
that her daughter will lift.
She stitches the banner
they’ll raise in his name.
She sews the shroud
they’ll wrap around her.
In a courtyard choked with dust,
a woman waits for her daughter.
Her hand trembles.
She presses it to the earth.
In a garden grown wild with weeds,
a woman traces her thread.
She waits for her son.
She prays for peace.
In einem Garten, gefleckt von Sonne,
näht eine Frau.
In einem Hof, verhüllt von Schatten,
näht eine Frau.
Sie näht, während sie wartet.
Sie träumt, während sie näht.
Weiß das Land es, kümmert den Staub es,
wie Grenzen ausfransen …?
Sie flickt den Schal,
ihre Tochter schläft.
Sie stickt ihre Namen
auf das erste Hemd ihres Sohnes.
Sie befestigt eine Schleife
am Kleid ihrer Tochter.
Näht das Abzeichen
auf die Schultasche ihres Sohnes.
Bestickt die Spitze
für den ersten Tanz ihrer Tochter.
Sie flickt die Flagge,
vor der ihr Sohn salutieren wird.
Sie repariert die Uniform,
die nachts zurechtgelegt wird.
Sie säumt den Schleier,
den ihre Tochter lüften wird.
Sie näht das Banner,
das sie in seinem Namen hissen werden.
Sie näht das Leichentuch,
das man um sie wickeln wird.
In einem Hof, erstickt von Staub,
wartet eine Frau auf ihre Tochter.
Ihre Hand zittert.
Sie presst sie auf die Erde.
In einem Garten, verwildert von Unkraut,
verfolgt eine Frau ihren Faden.
Sie wartet auf ihren Sohn.
Sie betet für den Frieden.
Joanna Marsh studierte Komposition bei Richard Blackford und Judith Bingham. Von 1998 bis 1999 war sie Studentin an der Royal Academy of Music, von 1989 bis 1992 Orgelstipendiatin am Sidney Sussex College, Cambridge, und von 1997 bis 2000 Schulorganistin am Christ’s Hospital. Später wurde Marsh 2015 für fünf Jahre zur Composer in Residence am Sidney Sussex College in Cambridge ernannt. In dieser Zeit schrieb sie fünf Werke für den College-Chor und die College-Orgel.
Marshs Leben im Nahen Osten (Dubai) bot viele musikalische Gelegenheiten, darunter ein Orchesterwerk zur Feier des Baus des Burj Khalifa, einen Auftrag für das BBC Symphony Orchestra für die ersten BBC Proms in Dubai 2017, eine Fanfare für den Besuch der Queen in Abu Dhabi 2010 und musikalische Arrangements für den ersten Besuch des Papstes im Nahen Osten 2019.
Der RIAS Kammerchor Berlin, vor 78 Jahren gegründet, zählt zu den weltweit führenden Profichören. Zahlreiche Auszeichnungen wie der Preis der Deutschen Schallplattenkritik, der ECHO Klassik oder der Grammophone Award belegen sein internationales Renommee.
Das Ensemble besteht aus 34 professionellen Sänger:innen und ist besonders für sein präzises Klangbild bekannt. Sein Repertoire reicht von historisch informierten Aufführungen der Renaissance und des Barock über Neuinterpretationen klassischer und romantischer Werke bis hin zu regelmäßigen Uraufführungen.
Seit der Saison 2017/18 ist Justin Doyle Chefdirigent und Künstlerischer Leiter. Mit ihm unternahm der Chor unter anderem eine erfolgreiche Asientournee mit Stationen in Japan und Südkorea. Die unter Doyles Leitung entstandenen Einspielungen, etwa mit Werken von Händel, Bach und de Victoria, wurden von Publikum und Kritik gleichermaßen gelobt. Im März 2026 erschien die Einspielung von Haydns Sieben letzte Worte mit dem Konzerthausorchester Berlin und im Oktober 2026 steht die Veröffentlichung einer CD mit Werken Benjamin Brittens bevor.
1975 in Lancaster geboren, war er zunächst Chorknabe an der Westminster Cathedral in London und später Choral Scholar am renommierten King’s College in Cambridge. Sein internationaler Durchbruch als Dirigent erfolgte 2006 mit einem zweiten Preis bei der angesehenen Cadaqués Orchestra International Conducting Competition in Barcelona sowie mit einem Stipendium bei den BBC Singers, was den Beginn einer andauernden Zusammenarbeit markierte.
Als Gast dirigiert er Klangkörper wie den Schwedischen Radiochor, den MDR Rundfunkchor, den Eric Ericson Kammarkör, den Norwegian Soloists’ Choir, Genesis Sixteen und Orchester wie das Poznań Philharmonic Orchestra, das Finnish Baroque Orchestra, Wrocław Baroque Orchestra, Freiburger Barockorchester, Orchestra of Opera North, Royal Northern Sinfonia und die Kammerakademie Potsdam. Auch als Operndirigent ist Doyle gefragt, insbesondere für Werke von Mozart, Haydn und Britten. In den letzten Jahren realisierte er mit Produktionen für die Garsington Opera, das Buxton Festival und das Orchestra of Opera North sowie die Potsdamer Winteroper im dortigen Schlosstheater.
Violine
Barbara Bultmann**, Hed Yaron Meyerson**, Gregor Dierck*, Skaistė Dikšaitytė, Tom Glöckner, David-Maria Gramse, Corinna Guthmann, Juditha Haeberlin, Christine Krapp, Benjamin Spillner*, Barbara Köbele, Katharina Licht
Viola
Justin Caulley*, David Schlage, Maresi Stumpf, Tim-Erik Winzer*, Alexina Hawkins
Violoncello
Jörn Kellermann, Saskia Ogilvie*, Martin Egidi*, Andreas Müller
Kontrabass
Sophie Lücke*, Raivis Misjuns
** Konzertmeister:in
* Stimmführer:in
Mit seiner außergewöhnlichen Spielfreude und künstlerischen Qualität zählt das Ensemble Resonanz zu den führenden Kammerorchestern weltweit. Die Programmideen der Musiker:innen setzen alte und neue Musik in lebendige Zusammenhänge und sorgen für Resonanz zwischen den Werken, dem Publikum und Geschichten, die rund um die Programme entstehen.
Das 21-köpfige Streichorchester ist demokratisch organisiert und arbeitet ohne feste:n Dirigent:in, holt sich aber immer wieder künstlerische Partner:innen an Bord. Wertvolle kreative Impulse erhalten die Musiker:innen durch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Geiger und Dirgenten Riccardo Minasi, der das Ensemble als »Principal Guest Conductor & Partner in Crime« begleitet. Enge künstlerische Partnerschaften bestehen unter anderem mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Bratschistin Tabea Zimmermann, dem Cellisten Jean-Guihen Queyras und der Bühnenbildnerin Annette Kurz. Eine weitere treibende Kraft ist die Zusammenarbeit mit Komponist:innen und die beständige Entwicklung neuen Repertoires.
In Hamburg bespielt das Ensemble Resonanz mit der Elbphilharmonie und dem resonanzraum St. Pauli zwei besondere und unterschiedliche Spielorte. Die Residenz an der Elbphilharmonie beinhaltet die Konzertreihe resonanzen, die seit über 20 Spielzeiten für Furore sorgt. Aber auch mit Kinderkonzerten sowie im Rahmen diverser Festivals gestaltet das Ensemble die Programmatik des Konzerthauses an der Elbe entscheidend mit und setzt Akzente für eine lebendige Präsentation klassischer und zeitgenössischer Musik.