Das Programmheft ist digital! Lest und schaut und hört vor dem Konzert oder danach. Währenddessen lieber den Blick auf die Bühne richten oder im Saal umherschweifen lassen. Und die Ohren öffnen für das, was kommt. Im Anschluss an das Konzert steht Euch wieder alles zur Verfügung.
Vorwort von Marie-Sünje Schade
Zum Programm: blood & cause
Über die Kunst, der Stille zu lauschen
Trost, Töne, Tränen
Liebe auf den dritten Blick
Wunderklänge aus dem Lockdown
Furchteinflößende Zärtlichkeit
Porträt: Julius Eastman?
Pauline Oliveros (1932-2016)
Out of the dark
Chinary Ung (*1942)
Khse Buon
Pēteris Vasks (*1946)
Three Gazes
Jessie Montgomery (*1981)
Divided for solo cello and string orchestra
Pause
Edward Elgar (1857-1934)
Elegy for Strings op. 58
Julius Eastman (1940-1990)
Gay Guerilla
Konzertende ca. 21:15 Uhr
Seth Parker Woods Violoncello
Ensemble Resonanz
Ohne Geschichte keine Zukunft. Ohne Kampf keine Stimme. Julius Eastmans »Gay Guerrilla« ist ein musikalisches Manifest, seine Musik wächst, überrollt, fordert, sie ist Aufruhr und Andacht zugleich. Vielfache Stimmen lauschen, beschwören, atmen, verabschieden sich – und werden zum gemeinsamen Echo, das nicht verhallt. Zwischen Bruch und Heilung, Protest und Hoffnung entsteht eine Collage des Erinnerns.
Liebe Freundinnen und Freunde des Ensemble Resonanz,
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Ihre
Marie-Sünje Schade
(Künstlerisches Management & Geschäftsführung)
Namengebend für das heutige Programm sind zwei zentrale Aspekte des diesjährigen Mottos des Internationalen Musikfest Hamburg: »Ende«. Die Erinnerung daran, was war, und die leise Vorstellung davon, was hätte sein können. Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint, in denen Vergangenes nachklingt und noch nicht ganz loslässt. Ein Abend von requiemhafter Tiefe, der genau da ansetzt.
»Es geht um Nachhall, um Erinnerung, um Momente des Innehaltens. Die Fantasie ist dabei wichtig, weil sie einen Raum öffnet. Einen Raum, in dem wir Abschied überhaupt erst reflektieren und verarbeiten können«, so Stimmen aus dem Ensemble Resonanz.
Mit vier Werken britischer Komponistinnen und Komponisten präsentieren der RIAS Kammerchor Berlin und das Ensemble Resonanz unter der Leitung Justin Doyle ein musikalisch wie semantisch facettenreiches Programm, das zur Kontemplation und Reflexion einlädt.
Bereits ein Blick auf die Werktitel sowie ihre Besetzungen verrät viel über die jeweilige Form der Auseinandersetzung mit Vergangenem. Vaughan Williams verarbeitet in seinem Instrumentalwerk »Fantasia on a theme of Thomas Tallis« ein historisches Chorwerk, das sowohl musikhistorisch als auch biografisch für den Komponisten von großer Bedeutung ist. Ähnlich steht es um Edward Elgars »Introduction and Allegro«, das die bereits in der Barockzeit etablierte Abfolge langsamer und schneller Sätze aufgreift und sie in der Tradition des Concerto grosso instrumentiert und neu interpretiert. Wörtlicher wird es bei Hubert Parrys »Songs of Farewell«, die das Lebewohl bereits im Titel wie im Libretto explizit adressieren. Abgerundet wird das Konzert durch die Uraufführung von »Threadlands«, dem jüngsten Werk der Komponistin Joanna Marsh. Hier wird die Verwobenheit von Leben, Identität, Kultur und Tradition in einem gemeinsam mit dem Librettisten Mark Fiddes erarbeiteten, bewegenden Narrativ als musikalisch-poetisches Kunstwerk für Chor und Orchester reflektiert.
So entsteht ein Programm, das nicht nur Abschied nimmt, sondern auch danach fragt, was bleibt – Konsequenzen aus Vergangenem zieht und dadurch die Zukunft gestaltet.
Nicht ohne Grund schafft es Williams’ »Fantasia on a Theme by Thomas Tallis« regelmäßig in die Top 5 des britisches Radiosenders Classic FM. Der englische Musikkritiker und ehemalige Chefredakteur der Times, Frank Howes, verglich die Erhabenheit des einsätzigen Werkes mit jener einer Kathedrale – treffender lässt sich diese Musik kaum beschreiben. Gleich zu Beginn erklingen choralartig gesetzte Streicher, die nahezu orgelgleich in einem homogenen Klang verschmelzen. Gelegentlich durch gezupfte Melodiefragmente unterbrochen, schimmert der zugrundeliegende Hymnus von Thomas Tallis immer deutlicher durch. Williams lässt dabei nicht nur die Oberstimme der »Third Mode Melody«, sondern auch vereinzelte Fragmente der Mittelstimmen solistisch hervortreten, bevor der Hymnus als Ganzes schließlich von Celli und Bratschen nahezu gesungen wird. Die weitgehende Beibehaltung von Tallis‘ Harmonisierung verstärkt den nostalgischen Charakter und die an alte Zeiten erinnernde phrygische Klangcharakteristik. Zugleich überführt Williams die historische Vorlage in einen für ihn charakteristischen, prallen und intensiven Streicherklang und erweitert sie um neuere harmonische Wendungen.
Zur monumentalen Erscheinung der Fantasia – um das Bild von Howes erneut aufzugreifen – trägt auch die äußerst differenzierte Instrumentation bei: Der verfügbare Orchesterapparat wird in zwei Gruppen und mehrere Solist:innen unterteilt. Detaillierte Spielanweisungen, ausnotierte Atemzeichen und nahezu unmerkliche Tempo- und Taktwechsel erzeugen das Gefühl textbedingter Rhythmusgestaltung – und lassen das Werk wie eine Hommage an die Chormusik insgesamt, und nicht nur an das Thema von Thomas Tallis, wirken.
»Farewell«: Ein Zyklus, der den Abschied gleich in mehrfacher Hinsicht in sich trägt. Sowohl die zugrundeliegenden Texte, die bis zum Psalm 39 des Alten Testaments zurückreichen, als auch die Entstehungszeit kurz vor Parrys Tod im Jahr 1918 unterstreichen das Bild von Abschied, Vergänglichkeit, aber auch Hoffnung. Vielleicht wurde aus diesem Grund eines der »Songs of Farewell« (There is an old belief) bei Parrys Beerdigung gesungen:
Es gibt einen alten Glauben,
Dass an einem fernen Ufer,
Jenseits der Sphäre der Trauer,
Liebe Freunde sich wieder treffen werden.
Entstanden sind die Werke aus persönlicher Betroffenheit. Während des Ersten Weltkriegs leitete Parry das Royal College Of Music und unterrichtete zahlreiche angehende Komponist:innen, darunter Ralph Vaughan Williams und Gustav Holst, während andere seiner Studenten im Krieg ihr Leben verloren. Die tiefe Trauer um die unmittelbaren Geschehnisse, sowie die bittere Enttäuschung über den Kriegsverlauf – Parry war ein großer Bewunderer deutschen Kulturguts und hätte es nie für möglich gehalten, dass Deutschland und Großbritannien miteinander Krieg führen würden – verarbeitete Parry in seinem Zyklus. Die gleichermaßen anspruchsvolle wie ausdrucksstarke Führung der Einzelstimmen sowie ihr eng verwobenes Miteinander erinnern an Chormusik früherer Jahrhunderte. Zugleich arbeitet Parry mit experimentellen, teils frischen und teils trüben harmonischen Wendungen und schafft so eine zwar idiomatisch behaftete, klanglich dennoch eigenständige Komposition. Ebendieses Wechselspiel von neu und alt findet sich ebenfalls in den ausgewählten Texten: Wenngleich sie schon zu Parrys Zeit der Vergangenheit angehörten, hatte ihre Bedeutung nichts an Aktualität verloren.
Den Spagat zwischen Tradition und Moderne vollzieht auch Edward Elgar mit seinem virtuosen »Introduction and Allegro«. Während sich diese zweisätzige Form gerade im 19. Jahrhundert großer Popularität erfreute – etwa bei Robert Schumann, Carl Reinecke und später auch bei Maurice Ravel – erinnert die von Elgar gewählte Besetzung (Streichquartett und Streichorchester) an die barocke Tradition des Concerto Grosso. Mit diesem historischen Gattungsvorbild, das im 18. Jahrhundert zunehmend vom instrumentalen Solokonzert abgelöst wurde, teilt das Werk sowohl den virtuosen Anspruch als auch das Mit- und Durcheinander von Soloquartett und Tutti.
Barocke Techniken – so etwa das Fugato des zugrundeliegenden walisischen Themas (zu dem er, nach eigenen Angaben, durch die Erinnerung an ein Lied, welches er während seines Urlaubs in Cardiganshire in der Ferne gehört haben soll, inspiriert wurde) – werden durch romantische Idiomatik und seine unverkennbare Behandlung des Streichorchesters zu einem genuin eigenen Klangbild. Der oft hervorgehobene virtuose Spielanspruch ist dabei keineswegs Selbstzweck, sondern unmittelbares Ausdrucksmittel einer dramaturgisch und formal vertrackten Komposition. Somit zeugt das Werk von kompositorischer Handwerkskunst, einer profunden Kenntnis der Instrumente und stellt zugleich höchste Anforderungen an das darstellerische Vermögen des Orchesters. Tatsächlich wurde »Introduction and Allegro« 1905 anlässlich eines dem Komponisten gewidmeten Konzerts konzipiert und komponiert, bei dem die musikalische und spielerische Qualität des neu gegründeten London Symphony Orchestra präsentiert werden sollte. Die entscheidende Idee für das Werk lieferte – wie so oft bei Elgar – sein Verleger und Freund, August Jaeger.
Anders als beim Duo Jaeger/Elgar gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen der Komponistin Joanna Marsh und dem Dichter Mark Fiddes. Während Marsch die Idee und Struktur zum Libretto für »Threadlands« hatte, war es Fiddes, der durch »sein Gespür für den Ausdruck die Bildsprache schärfte und ihre Wirkung vertiefte«, so die Komponistin. Kein Wunder, dass ausgerechnet Fiddes für dieses Libretto infrage kam: zeichnet ihn doch nicht nur sein virtuoser Umgang mit der englischen Sprache aus, sondern ebenfalls die gemeinsame Erfahrung mit Marsh, für viele Jahre im Ausland zu leben und entsprechende kultur- und identitätsstiftende Fragen künstlerisch zu verarbeiten.
»I think what we share is a curiosity about how people form identity and meaning, particularly in relation to place.«
Sprachbildlich portraitiert durch zwei Weberinnen, die, ohne voneinander zu wissen, an unterschiedlichen Orten und doch zur selben Zeit, in freudiger Erwartung, derselben Tätigkeit nachgehen, scheint das Werk (ähnlich wie die »Ode an die Freude« am Ende von Beethovens 9. Sinfonie) die Verbundenheit aller Menschen über kulturelle, geografische und politische Grenzen hinweg zu proklamieren.
Die librettistische Dichotomie von Dualität und Einheit aufgreifend, sind es gleich zwei Chöre, die mal dialogisch-komplementär, mal versöhnlich-unisono die Textgrundlage zu Gehör bringen. Diese sprachliche und damit unmittelbar menschliche Dimension der Komposition wird durch eine Nonverbale bereichert: das Orchester. Befasst sich der erste Satz mit dem friedvollen Gemeinsamen (»Beneath One Sky«), so kommt in »The Thread Pulls« eine wesentlich dynamischere Komponente hinzu: Der verbindende Faden wird zum Symbol der Verstrickung. In »The Land Speaks« erhebt sich die Erde selbst als Stimme. Ruhig, zeitlos, mahnend. »Du gehörst mir« klingt als Erinnerung an die größere Ordnung des Lebens, bevor am Ende (»She sews«) die häuslichen Bilder zurückkehren, überschattet von Verlust. Das Nähen wird zum Akt des Abschieds, während eine Mutter für Frieden betet.
»Threadlands« ist eine Auftragskomposition des RIAS Kammerchor Berlin und erlebt nach der Uraufführung in der Berliner Philharmonie mit dem Ensemble Resonanz hier seine Hamburger Erstaufführung.
Texte von Theresa Carlsson
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Violine
Bogdan Božović**, Barbara Bultmann**, Gregor Dierck*, Skaistė Dikšaitytė, Tom Glöckner, David-Maria Gramse, Corinna Guthmann, Juditha Haeberlin, Christine Krapp, Benjamin Spillner*
Viola
Justin Caulley*, Maresi Stumpf, Tim-Erik Winzer*, Mari Viluksela
Violoncello
Jörn Kellermann, Saskia Ogilvie*, Alexander Wollheim*
Kontrabass
Anne Hofmann*, Benedict Ziervogel*
** Konzertmeister:in
* Stimmführer:in
Mit seiner außergewöhnlichen Spielfreude und künstlerischen Qualität zählt das Ensemble Resonanz zu den führenden Kammerorchestern weltweit. Die Programmideen der Musiker:innen setzen alte und neue Musik in lebendige Zusammenhänge und sorgen für Resonanz zwischen den Werken, dem Publikum und Geschichten, die rund um die Programme entstehen.
Das 21-köpfige Streichorchester ist demokratisch organisiert und arbeitet ohne feste:n Dirigent:in, holt sich aber immer wieder künstlerische Partner:innen an Bord. Wertvolle kreative Impulse erhalten die Musiker:innen durch die langjährige Zusammenarbeit mit dem Geiger und Dirgenten Riccardo Minasi, der das Ensemble als »Principal Guest Conductor & Partner in Crime« begleitet. Enge künstlerische Partnerschaften bestehen unter anderem mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja, der Bratschistin Tabea Zimmermann, dem Cellisten Jean-Guihen Queyras und der Bühnenbildnerin Annette Kurz. Eine weitere treibende Kraft ist die Zusammenarbeit mit Komponist:innen und die beständige Entwicklung neuen Repertoires.
In Hamburg bespielt das Ensemble Resonanz mit der Elbphilharmonie und dem resonanzraum St. Pauli zwei besondere und unterschiedliche Spielorte. Die Residenz an der Elbphilharmonie beinhaltet die Konzertreihe resonanzen, die seit über 20 Spielzeiten für Furore sorgt. Aber auch mit Kinderkonzerten sowie im Rahmen diverser Festivals gestaltet das Ensemble die Programmatik des Konzerthauses an der Elbe entscheidend mit und setzt Akzente für eine lebendige Präsentation klassischer und zeitgenössischer Musik.