Festjahr, aus dem Turmzimmer besehen

Festjahr, aus dem Turmzimmer besehen

Gedanken über Hölderlin und Beethoven von Patrick Hahn

Soziale Distanzierung? Eine Erfahrung, die sie gut kannten. 36 Jahre, Hälfte des Lebens, verbrachte der Dichter Friedrich Hölderlin in seinem Tübinger Turmzimmer, das ihm ein Schreinermeister in Bewunderung für den Briefroman Hyperion zur Verfügung gestellt hatte. »Ich überzeugte mich bald, dass dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sei«, klagte Philosophenfreund Friedrich Schelling nach einem Besuch bei Hölderlin. Nachdem Hölderlin erfahren hatte, dass Susette Gontard, die Frankfurter Bankiersgattin, in die er unglücklich verliebt war, erkrankt sei, machte er sich zu Fuß von Bordeaux auf gen Stuttgart. Eine Wanderung von der aus er nicht zurück fand ins Leben.

Und auch Ludwig van Beethoven kannte die Erfahrung der Isolation und der Einsamkeit aufgrund seiner fortschreitenden Ertaubung. So schreibt er in seinem Heiligenstädter Testament: »Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte, doppelt Wehe thut mir mein unglück, indem ich dabey verkannt werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesellschaft, feinere unterredungen, Wechselseitige Ergießungen nicht statt haben, […] wie ein Verbannter muß ich leben, nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heiße Ängstlichkeit, indem ich befürchte in Gefahr gesezt zu werden, meine[n] Zustand merken zu laßen.« Obwohl Zeitgenossen sind sie einander nie begegnet und auch als Künstler haben sie einander nicht wahrgenommen. Mit ihrem Sinn fürs Utopische hätten sie einander womöglich viel zu sagen gehabt! In der Rezeption dieser beiden Künstler spiegelt sich Zeit- und Kulturgeschichte wie bei nur wenigen anderen: Jede Zeit hatte ihren Hölderlin und ihren Beethoven. Soldaten trugen seine Verse im Feldtornister, Kriegsreden wurden im Radio von Beethovens Fünfter Sinfonie umrahmt – und nur wenige Jahre später galten ihre Werke wieder als Ausweis für den Ausbruch aus dem System und die gesellschaftliche Umwälzung.

Im Jahr der 250. Geburtstage der beiden bedeutenden deutschen – dieses Attribut muss man auch ohne chauvinistischen Hintersinn, sondern beschreibend aufgrund ihrer Verwobenheit mit der Geschichte dieses Begriff verwenden – Künstler betreibt das Ensemble Resonanz ein »close reading« von Hölderlin und Beethoven, mit zwei Kunstwerken, die im gleichen Zeitraum entstanden sind – und der vermittelnden Instanz eines interpretierenden Komponisten und komponierender Interpreten.