resolab »der utopie«

Unser Blog zum Konzert

 

In unserem Konzertblog resolab findet ihr Hintergründe und Informationen zum fünften Resonanzen-Konzert »der utopie« mit Alina Ibragimova am 28. April in der Laeiszhalle. Lest euch durch die Artikel, kommentiert und schreibt mit!

#deutsche hymnen

 

Tobias Schwencke hat im Intro über die Entstehung und den Zusammenhang der 2 Deutschen Hymnen gesprochen, die er für sein Werk verwendet hat. Hört am besten selbst!

 

zwei deutsche hymnen (3.02 MBytes)

#programmheft

 

Hier findet ihr das Programmheft zum download und vorab lesen als pdf.

 

download (2.65 MBytes)

#hörstunde

 

Bilder aus unserer Konzerteinführung »hörstunde« am 26. April mit Stefan Litwin und Alina Ibragimova. David Moss ist ab jetzt auch bei den Proben dabei und spricht die Ode an Napoleon.

Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach

#frauen

 

Ein interessanter Artikel über die quantitative Entwicklung der Anzahl von Frauen in Orchestern, insbesondere in den Geigen und als Solo-Violinisten. Auch Alina Ibragimova gehört zu einer neuen Generation von jungen Violinisten, die sich voll und ganz auf ihren Klang und ihre Musik konzentrieren.

 

artikel

#litwin

 

Stefan Litwin erklärt im Intro die Enstehung und den geschichtlichen Zusammenhang von Arnold Schönbergs Ode to Napoleon. Hier könnt ihr einen Mitschnitt hören.

 

stefan litwin über schönberg (6.03 MBytes)

#bbc proms

 

»Standing in the arena on Saturday night, I had the sense that I was not just hearing the music but feeling it wash through my entire body – an almost ecstatic experience«

 

Im Guardian gibt es eine Kritik zu Alina Ibragimovas Auftritt bei den BBC Proms 2015.

 

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#hoffnung

 

aus unserem Programmheft

#in gedanken

 

Ludwig van Beethoven

#beethoven

 

von Patrick Hahn

 

Zu jenen, die das Erscheinen Napoleons zunächst sehr begrüßten, um anschließend mit Enttäuschung die Entwicklung des Tyrannen zu verfolgen, zählte nicht nur der Dichter Lord Byron, sondern auch der Komponist Ludwig van Beethoven. Die Widmung an Napoleon tilgte Beethoven wieder vom Titelblatt seiner dritten Sinfonie, ihr Beiname »Eroica« blieb bestehen. Beethoven hat in seinen Kompositionen immer wieder auf politische Ereignisse reagiert: Nicht nur in so plakativen Werken wie Wellingtons Sieg, auch in seinem Violinkonzert weht noch der Geist der französischen Revolution, seine einzige Oper Fidelio ist ein einziger lauter Ruf nach Freiheit. Selbst in seinem Kammermusikschaffen gibt es immer wieder Hinweise darauf, dass der Künstler auf die politische Wirklichkeit reagiert hat. »Welch zerstörendes, wüstes Leben um mich her, nichts als Trommeln, Kanonen, Menschenelend in aller Art«, klagte Beethoven im Juli 1809 seinem Verleger Breitkopf. So nah wie in jenen Sommertagen hatte Beethoven kriegerische Auseinandersetzungen nie erleben müssen. Die aufwühlenden Ereignisse fanden ihren Nachhall nicht nur in der Schauspielmusik zu Goethes Egmont, sondern auch im zeitgleich entstandenen Streichquartett f-Moll, dem sogenannten Quartetto serioso. Auch die Erlebnisse in Beethovens persönlichem Leben mögen zur ernsten Stimmung des Quartetts beigetragen haben: Ein abgewiesener Heiratsantrag an Therese Malfatti stürzte ihn in eine tiefe Krise. Einsamkeit bestimmte sein Daseinsgefühl, wie auch ein Brief aus dem April 1810 belegt: »Nichts als Wunden hat die Freundschaft und ihr ähnliche Gefühle für mich. So sei es denn, für Dich armer Beethoven gibt es kein Glück von außen, Du musst Dir alles in Dir selbst erschaffen, nur in der idealen Welt findest du Freunde«.


Die ersten Töne des Quartetts platzen in die Stille wie ein Kanonenschuss: unvorbereitet ist bereits das Hauptthema des erstens Satzes in den Gehörgängen detoniert. Zum Aufatmen bleibt wenig Zeit, das Hauptthema wird weiter und weiter komprimiert, gipfelt in Raserei. Es folgt auch kein langsamer Satz, im Allegretto-Tempo schreitet der zweite Satz bleich und unsicher zwischen Dur und Moll schwankend voran, nur um einem weiteren düsteren Gedanken Platz zu machen, der sich in einer Fuge Raum verschafft. Die einzige wirkliche »langsame Musik« findet sich zu Beginn des vierten Satzes. Doch das Larghetto espressivo ist die schmerzvollste Musik, die man sich vorstellen kann. Mit dem Vivace agitato bricht der dahinter verborgene Sturm wieder auf: mit aufeinanderprallenden Terzfiguren und verminderten Septakkorden. Dass am Ende dieser Musik tatsächlich ein »Jubelschluss« – in F-Dur – stehen soll, ein Sieg über die Dunkelheit, mag man kaum glauben. Viel eher mag man an noch einmal an die »170 Farben von Hohn, Sarkasmus, Hass, Lächerlichkeit, Zufriedenheit, Verdammung etc.« denken, die Schönberg von seinem Sprecher verlangte. Ihrer bedarf es wohl, um die Fratze dieses Sieges adäquat auszustellen.

Beethoven spürte wohl, wie weit er mit diesem Werk gegangen war, als er George Smart zwei Jahre nach der Uraufführung wissen ließ, dass er dieses Werk nur für einen kleinen Zirkel von Kennern geeignet hielt: »never to be performed in public«, wie er betonte. Daran haben sich bereits Beethovens Zeitgenossen nicht gehalten. Der Dirigent und Komponist Gustav Mahler jedoch wollte diese Musik vollends den verschlossenen Türen des Musikzimmers entreißen und sie der großen Konzertöffentlichkeit zugänglich machen – und wählte hierfür den Weg der Bearbeitung. Er ahnte, welche Proteststürme ihm im konservativen Wien für sein Ansinnen entgegenschlagen würden und wollte durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit vorbauen, wie ein Artikel aus der Wiener Wochenzeitschrift »Die Waage« von 1898 unterstreicht. »Ein Quartett für Streichorchester! Das klingt Ihnen befremdend. Ich weiß schon alle Einwände, die man erheben wird: Zerstörung der Intimität, der Individualität. Aber man irrt sich. Was ich beabsichtige, ist nur eine ideale Darstellung des Quartetts. Die Kammermusik ist von Haus aus für das Zimmer geschrieben. Sie wird eigentlich nur von den Mitwirkenden recht genossen. Die vier Herrschaften, die an ihren Pulten sitzen, sind auch das Publikum, an das sich diese Musik wendet. Wird die Kammermusik in den Concertsaal übertragen, ist diese Intimität schon verloren. Aber mehr noch ist verloren. Im großen Raum verlieren sich die vier Stimmen, sie sprechen nicht mit der Kraft zu den Hörern, die der Componist ihnen geben wollte. Ich gebe Ihnen diese Kraft, indem ich die Stimmen verstärke. Ich löse die Expansion, die in den Stimmen schlummert, aus, und gebe den Tönen Schwingen.« Mahlers Bearbeitung lässt den Text von Beethoven unangetastet und beschränkt sich darauf, die Stimmen zu verstärken. Sie entfesselt ihr utopisches Potenzial, indem sie sie nachzeichnet. 

#vasks

 

Der lettische Komponist Peteris Vasks feierte kürzlich seinen 70. Geburtstag. In der Neue Zeitschrift für Musik hat in ihrer Ausgabe 2/2016 ein Portrait des Musikers veröffentlicht, mit Hintergründen zu seiner Inspiration und den politischen Veränderungen im Baltikum.

 

Lesenswert! (730.64 KBytes)

 

erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 02/2016, Seite 51

#zwischen darm und stahl

 

Interview von Elisa Erkelenz

 

Liebe Alina, wenn Du nicht gerade als Solistin durch die Welt tourst, machst Du Kammermusik auf Darmsaiten, zum Beispiel mit Deinem wunderbaren Chiaroscuro Quartett. Was fasziniert Dich daran?

Das Chiaroscuro Quartett ist Familie für mich. Wir spielen seit 11 Jahren zusammen, auf historischen Instrumenten – und ich liebe es. Für mich ist das Quartettspiel die höchste Form des kammermusikalischen Musizierens. Es fühlt sich jedes Mal so an, als würde man musikalisch zu etwas Größerem wachsen.

 

 

Ihr macht mit den Darmseiten ja keineswegs vor der Klassik halt. Welcher Beethoven gefällt Dir denn besser, der auf Darm oder der auf Stahl?

Mit Darmsaiten und historischen Instrumenten ist der Klang in der Regel viel breiter, man hört auch die hässlichen Klänge und das gefällt mir. Es geht nicht nur um Schönheit. Aber ich liebe es auch, Beethoven auf modernen Instrumenten zu spielen. Es ist einfach eine andere Welt und keine davon ist besser oder schlechter für mich. Letztlich ist jede Interpretation von Beethovens Streichquartett op. 95 eine andere, und das hängt nicht von den Instrumenten ab, sondern von der Energie, die wir hineinstecken.

 

 

Von dem Werk gibt es eine wunderbare Aufnahme von Deinem Quartett – wie stehst Du zu der Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler?

Ich habe sie noch nie gespielt, aber die Partitur hat mich wahnsinnig neugierig gemacht. Es ist ein sehr intimes Werk, das ja auch zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Aber ich finde es sehr spannend und freue mich – auch darauf, das Ensemble Resonanz und die Musiker und ihre Energie kennen zu lernen. Auf die kommt es letztlich an, dann ist Kammermusik mit einem Streichorchester für mich nichts anderes, als mit einem erweiterten Quartett zu spielen.

 

 

Die Programmatik des Resonanzen-Konzertes dreht sich ja im weitesten Sinne um den Geist der Utopie. Welche Assoziationen hast Du mit dem Wort?

Ich denke an Freiheit und daran, dass Freiheit immer mit Kampf zu tun hat. Das ist bei Beethovens Streichquartett sehr deutlich spürbar, es ist ein sehr intensives und kondensiertes Werk, es ist nicht sehr lang, aber es ist so viel drin! Es ist wie in der Geschichte: Die Kräfte zerren aneinander, Du bist niemals sicher. Ich spüre Beethovens Lebenskampf, sein Unwohlsein in der Welt. Du hörst das Unbehagen seiner Seele, es gibt einfach keine Sicherheit. Aber irgendeine Art von Hoffnung gibt es schon.

 

Auch das Violinkonzert von Pēteris Vasks nimmt Bezug auf das ferne Licht, er beschreibt es als »voll von Idealismus und Liebe« ...

Ja, das ist es. Ich habe mit Peteris Vasks an dem Stück gearbeitet und es ist ein wunderbares Werk, das eine Menge Unruhe und Ruhe zugleich in sich trägt. Ich sehe dieses Licht, aber auch den Schmerz, für mich ist es ein sehr intimes Werk. Es ist als ob Du versuchst, irgendwohin zu kommen, aber Du weißt nicht wirklich wie. Wie diese Träume, in denen Du dich fortbewegen willst, aber es geht einfach nicht, Du bist gefesselt. Auch hier geht es letztlich – ja, um Freiheit.

 

 

Schönberg sagte über seine »Ode an Napoleon«: »Die moralische Bürde der Intelligenz ist es, aufzustehen gegen die Tyrannei und Barbarei.« Siehst Du das auch so?

Ich glaube das gilt bis heute. Es ist unser steter Kampf, die Gewalt und alles was heute passiert, hinter uns zu lassen. Wir leben in einer Welt, die wirklich nicht einfach ist. Wie können wir das alles, die Angst, überwinden, darum geht es auch aktuell, und auch in der Musik.

 

 

Schönbergs Werken wurde von Adorno wiederum zugeschrieben, dass sie wahr sind. Was heißt das für Dich?

Wenn Du ein richtig gutes Buch liest, dann liest Du nicht die Geschichte, sondern Du liest es als Leben. Ich glaube, das ist unser ultimatives Ziel als Künstler, das zu sagen, was wirklich wahr ist. Schönberg hat dieses Ziel erreicht.

 

 

Wie gehst Du vor?

Ich stürze mich auf die Partitur. Und höre nicht darauf, was andere gemacht haben – denn sonst bist Du nicht bei Dir. Es geht nicht um Show oder darum, zu beeindrucken, sondern wirklich offen zu sein und Dich selbst komplett aufzugeben für die Musik. Du musst ehrlich zu Dir selbst sein. Das ist nicht einfach. 

#entstehung der ode

 

In einer mit »Wie ich dazu kam, Ode to Napoleon zu komponieren« (»How I came to compose the Ode to Napoleon«) betitelten englischen Einführung beschrieb Schönberg nicht nur die Entstehung des Werks, das von der League of Composers in Auftrag gegeben wurde, sondern auch dessen Orientierung an Beethovens »Eroica« und »Wellingtons Sieg«: »I know it was the moral duty of intelligencia to take a stand against tyranny. But this was only my secondary motive. I had long speculated about the more profound meaning of the nazi philosophy.«

 

quelle

#getting to know arnold schönberg

 

Arnold Schönberg im Interview auf Englisch über Kunst, seine Gemälde und seine Musik. Hört mal rein!

#schönberg

 

von Patrick Hahn

 

Ode to Napoleon Buonaparte

 

Ein Vorbild für die wechselnden vokalen Farben, für die Mischung von Sprechen und Singen, die seine Partitur fordert, mag Tobias Schwencke in Arnold Schönbergs »Ode an Napoleon Buonaparte« gefunden haben. Schönberg hatte bereits recht früh in seinem Schaffen die besondere Farbe des Sprechgesangs genutzt – so in seinem Pierrot lunaire für Stimme und fünf Instrumente. Im Kabarett Überbrettl hatte Schönberg erlebt, wie Schauspieler gekonnt zwischen Rezitation und Gesang hin und her switchen. Wer weiß, wozu Schönberg die Fähigkeiten eines David Moss angestachelt hätten – oder vielleicht hat er ihn sich erträumt, einen Stimmkünstler von diesem überlebensgroßen Format jedenfalls fordert seine »Ode to Napoleon Buonaparte«. »Im Pierrot lunaire habe ich die Stimme behandelt als wäre sie ein Instrument wie die anderen fünf. Im Gegensatz dazu muss die Rezitation in der ‚Ode’ so realistisch natürlich sein, als ob da gar keine Musik wäre«, sagte Schönberg. Ein reales Vorbild als Redner, das ihm beim Komponieren vorschwebte, scheint Winston Churchill gewesen zu sein. Der Schönberg-Schüler Leonard Stein erinnert sich, Churchills Radio-Ansprachen seien für Schönberg ein wichtiger Bezugspunkt gewesen. Der Sprecher müsse die »Vielzahl von Schattierungen besitzen, die wichtig sind, um 170 Arten von Hohn, Sarkasmus, Hass, Lächerlichkeit, Zufriedenheit, Verdammung usw. auszudrücken, die ich mit dieser Musik porträtieren wollte«, sagte Schönberg selbst. Für seine Auftraggeber, den amerikanischen Komponistenverband »League of Composers«, verfasste Schönberg einen kurzen Text »wie ich dazu kam, die ‚Ode für Napoleon’ zu komponieren«. Er empfand es als »die moralische Pflicht der Intelligentsia« gegen die Tyrannei des zweiten Weltkrieges einzustehen. Der Text, den er hierfür wählte, ist ein Schmähgedicht des großen romantischen Dichters Lord Byron auf den Tyrannen Napoleon, der, süchtig nach Macht und Ruhm, Europa mit Krieg überzog. Byron schrieb es 1814 nach der Abdankung Napoleons. Am Ende der 19 Strophen nennt Byron auch eine Gegenfigur: George Washington verkörpert in seinen Augen Demokratie und Freiheit. Die historische Parallele ist unschwer gezogen. Schönberg hatte Europa wie viele andere Künstler nach Amerika verlassen, auf der Flucht vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus und seiner »Herrenrassen«-Ideologie, auf der Suche nach Freiheit. Die Wahl des historischen Textes deutet an, dass der Autor die Verheißung von Freiheit angesichts der weltpolitischen Lage nur zitieren kann – als historische Erfahrung. Hoffnungsvoll und resignativ zugleich verweist Schönberg mit der Wahl seines Textes aber auch darauf, dass Geschichte sich offenkundig wiederholt. Anders als in den meisten seiner Werke lässt Schönberg diese Vergangenheit auch musikalisch in das Stück einstrahlen. Bei der Deklamation der Worte »the earthquake voice of victory« werden motivische Rückbezüge zur »Marseillaise« und Beethovens Fünfter miteinander kombiniert. Aber nicht nur in dieser Hinsicht kann man von einer außergewöhnlichen »Montage« sprechen: Die auf Agitation der Masse angelegte Sprechhaltung des Rezitators trifft auf den eher nach innen gerichteten Duktus eines Streichquartetts und eines Klaviers. Dies sind nicht die Instrumente, mit denen auf dem Marktplatz protestiert würde, und auch mit den Hilfsmitteln der technischen Reproduktionsmedien wie dem Radio, wären diese wohl nicht die ersten Instrumente, um ein politisches Statement zu machen. Aber darin mag genau der Unterschied der Agitation des Künstlers und jener des Demagogen liegen. Während der eine sich an die Masse wendet, zielt der Künstler auf den Einzelnen und zählt auf die lebensverändernde, ethische Wirksamkeit von Kunst. Darauf deuten auch die Erinnerungen des Pianisten Leonard Stein hin, der die Probenarbeit Schönbergs hautnah mitverfolgte. In seinen Einzelproben mit dem Sprecher William Schallert hat Schönberg vor allem die dramatischen Ausdruckswerte der Worte betont, seine dunklen Augen blitzten, während er Zeilen aus dem Werk zitierte. Die Andeutung der Tonhöhen, die er in der Partitur sorgfältig vorgenommen hatte, waren zweitrangig. Der Haupteindruck der Ode war und bleibt der des kraftvollen dramatischen Ausdrucks.« Die Utopie der Sprache ist das Sprechen selbst ... 

 

#werkstatt

 

Bilder aus unserer offenen Probe am Montag zu Vasks Violinkonzert mit Alina Ibragimova.

Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach
Foto: Anna Gundelach

#lord byron

 

Der Text der Ode an Napoleon von Lord Byron:

 

 

I

TIS done -- but yesterday a King!

   And arm'd with Kings to strive --

And now thou art a nameless thing:

   So abject -- yet alive!

Is this the man of thousand thrones,

Who strew'd our earth with hostile bones,

   And can he thus survive?

Since he, miscall'd the Morning Star,

Nor man nor fiend hath fallen so far.

 

II

Ill-minded man! why scourge thy kind

   Who bow'd so low the knee?

By gazing on thyself grown blind,

   Thou taught'st the rest to see.

With might unquestion'd, -- power to save, --

Thine only gift hath been the grave,

   To those that worshipp'd thee;

   Nor till thy fall could mortals guess

Ambition's less than littleness!

 

III 

Thanks for that lesson -- It will teach

   To after-warriors more,

Than high Philosophy can preach,

   And vainly preach'd before.

That spell upon the minds of men

Breaks never to unite again,

   That led them to adore

Those Pagod things of sabre sway

With fronts of brass, and feet of clay.

 

IV

The triumph and the vanity,

   The rapture of the strife --

The earthquake voice of Victory,

   To thee the breath of life;

The sword, the sceptre, and that sway

Which man seem'd made but to obey,

   Wherewith renown was rife --

All quell'd! -- Dark Spirit! what must be

The madness of thy memory!

 

V

The Desolator desolate!

   The Victor overthrown!

The Arbiter of others' fate

   A Suppliant for his own!

Is it some yet imperial hope

That with such change can calmly cope?

   Or dread of death alone?

To die a prince -- or live a slave --

Thy choice is most ignobly brave!

 

VI

He who of old would rend the oak,

   Dream'd not of the rebound:

Chain'd by the trunk he vainly broke --

   Alone -- how look'd he round?

Thou, in the sternness of thy strength,

An equal deed hast done at length,

   And darker fate hast found:

He fell, the forest prowler's prey;

But thou must eat thy heart away!

 

VII

The Roman, when his burning heart

   Was slaked with blood of Rome,

Threw down the dagger -- dared depart,

   In savage grandeur, home --

He dared depart in utter scorn

Of men that such a yoke had borne,

   Yet left him such a doom!

His only glory was that hour

Of self-upheld abandon'd power.

 

VIII

The Spaniard, when the lust of sway

   Had lost its quickening spell,

Cast crowns for rosaries away,

   An empire for a cell;

A strict accountant of his beads,

A subtle disputant on creeds,

   His dotage trifled well:

Yet better had he neither known

A bigot's shrine, nor despot's throne.

 

IX

But thou -- from thy reluctant hand

   The thunderbolt is wrung --

Too late thou leav'st the high command

   To which thy weakness clung;

All Evil Spirit as thou art,

It is enough to grieve the heart

   To see thine own unstrung;

To think that God's fair world hath been

The footstool of a thing so mean;

 

X

And Earth hath spilt her blood for him,

   Who thus can hoard his own!

And Monarchs bow'd the trembling limb,

   And thank'd him for a throne!

Fair Freedom! we may hold thee dear,

When thus thy mightiest foes their fear

   In humblest guise have shown.

Oh! ne'er may tyrant leave behind

A brighter name to lure mankind!

 

XI

Thine evil deeds are writ in gore,

   Nor written thus in vain --

Thy triumphs tell of fame no more,

   Or deepen every stain:

If thou hadst died as honour dies,

Some new Napoleon might arise,

   To shame the world again --

But who would soar the solar height,

To set in such a starless night?

 

XII

Weigh'd in the balance, hero dust

   Is vile as vulgar clay;

Thy scales, Mortality! are just

   To all that pass away:

But yet methought the living great

Some higher sparks should animate,

   To dazzle and dismay:

Nor deem'd Contempt could thus make mirth

Of these, the Conquerors of the earth.

 

XIII

And she, proud Austria's mournful flower,

   Thy still imperial bride;

How bears her breast the torturing hour?

   Still clings she to thy side?

Must she too bend, must she too share

Thy late repentance, long despair,

   Thou throneless Homicide?

If still she loves thee, hoard that gem, --

'Tis worth thy vanish'd diadem!

 

XIV

Then haste thee to thy sullen Isle,

   And gaze upon the sea;

That element may meet thy smile --

   It ne'er was ruled by thee!

Or trace with thine all idle hand

In loitering mood upon the sand

   That Earth is now as free!

That Corinth's pedagogue hath now

Transferr'd his by-word to thy brow.

 

XV

Thou Timour! in his captive's cage

   What thought will there be thine,

While brooding in thy prison'd rage?

   But one -- "The word was mine!"

Unless, like he of Babylon,

All sense is with thy sceptre gone,

   Life will not long confine

That spirit pour'd so widely forth--

So long obey'd -- so little worth!

 

XVI

Or, like the thief of fire from heaven,

   Wilt thou withstand the shock?

And share with him, the unforgiven,

   His vulture and his rock!

Foredoom'd by God -- by man accurst,

And that last act, though not thy worst,

   The very Fiend's arch mock;

He in his fall preserved his pride,

And, if a mortal, had as proudly died!

 

XVII

There was a day -- there was an hour,

   While earth was Gaul's -- Gaul thine --

When that immeasurable power

   Unsated to resign

Had been an act of purer fame

Than gathers round Marengo's name,

   And gilded thy decline,

Through the long twilight of all time,

Despite some passing clouds of crime.

 

XVIII

But thou forsooth must be a king,

   And don the purple vest,

As if that foolish robe could wring

   Remembrance from thy breast.

Where is that faded garment? where

The gewgaws thou wert fond to wear,

   The star, the string, the crest?

Vain froward child of empire! say,

Are all thy playthings snatched away?

 

XIX

Where may the wearied eye repose

   When gazing on the Great;

Where neither guilty glory glows,

   Nor despicable state?

Yes --one--the first--the last--the best--

The Cincinnatus of the West,

   Whom envy dared not hate,

Bequeath'd the name of Washington,

To make man blush there was but one!

 

 

und auch die deutsche Übersetzung:

 

 

 

Vorbei! – Noch gestern Fürst und groß,

den Fürsten sah’n mit Beben –

und heut ein Wesen namenlos, entehrt, doch noch am Leben.

Ist das der Herr von tausend Reichen

der alle Welt besät mit Leichen?

Und mag er’s überleben?

Wie fiel der stolze Morgenstern!

Kein Geist noch fiel so tief, so fern!

 

 

Was schlugst, Tyrann, du dein Gesind

das dir erstarb in Flehen?

Dich selbst anstaunend wardst du blind,

doch machtest andre sehen.

Mit Macht zu segnen reich gerüstet,

hast deren Leben du verwüstet,

die huld’gend dich umstehen,

bis erst dein Fall dem Blick der Welt

das Nichts der Ehrfurcht bloßgestellt.

 

 

Dank für die Lehre! – Mehr wird sie

der Zukunft Krieger lehren

als je vermocht Philosophie

mit Beten und Bekehren.

Der Zauber, der die Menschengeister

gebannt hielt, nimmer wird er Meister;

nicht werden sie verehren

im Staub den Götzen auf dem Thron,

des Stirn von Erz, des Fuß von Ton.

 

 

Triumphes Prunk und Prahlerei,

des Krieges wild Entzücken,

ein welterschütternd’ Siegesschrei

für deine Brust Erquicken. –

Das Schwert, der Szepter, dem zu dienen

die Völker nur geschaffen schienen,

wo ist das nun? – In Stücken

ging alles, Dämon, und zur Qual

blieb dir nur der Erinnerung Mal.

 

 

Der Vernichter jetzt vernichtet!

Der Sieger ist geschlagen!

Der andern streng ihr Los gerichtet,

muß seines bang erfragen.

Nimmt ruhig seinen Sturz er hin

weil er noch Hilf’ erhofft von Wien?

Oder ists schlichte Todesangst?

Tod wählt der Fürst – das Leben der Knecht –

dir ist der Mut zur Niedrigkeit recht!

 

 

Gespaltnen Baumes Rückpralls Kraft

hat Milo nicht erwogen;

geklemmt, sein Widerstand erschlafft,

sein Mut hat ihn betrogen.

Gestützt auf deines Heeres Macht

hast Haß und Zwiespalt du entfacht;

hast härt’res Los gezogen:

Ein Wolf rasch endet Milos Leid

doch dich frißt langsam auf dein Neid.

 

 

Der Römer, wenn sein Haß gestillt,

in Blut gelöscht sein Groll,

wirft hin die Macht, die ihm nichts gilt,

barbarisch, hoheitsvoll,

zieht ab, verachtend offen Knechte,

die er beraubt der Bürgerrechte—

zahlt so der Feigheit Zoll.

Moralisch doch sei er geschätzt,

der zwangfrei Macht durch Recht ersetzt.

 

 

Der Spanier, als der Krone Glanz

den Zauber ihm verloren,

birgt – in der Hand den Rosenkranz –

sich hinter Kloster Toren.

Der Paternoster Zahl zu wissen,

des Worts Bedeutung nicht zu missen,

hat kindisch er erkoren.

Was er gesündigt als Despot,

Gebet entsühn, da Hölle droht.

 

 

Doch du – der Blitzstrahl dir entwunden,

zu spät du widerstrebst;

Gewalt und Herrschaft sind entschwunden

dran du in Schwachheit klebst.

Obwohl ein Teufel den man haßt,

zeugt Gram dein Sturz, ja Mitleid fast

seit angstverzerrt du bebst.

Bedenkt, ihm war die Gotteswelt

nur Sprungbrett das ihn hochgeschnellt.

 

 

Die Welt vergoß ihr Blut für ihn

der so konnt seines schonen,

Monarchen lagen auf den Knien

und dankten ihm für Kronen.

O Freiheit, laß dich hoch verehren,

wenn so gebückt zum Staub sich kehren,

die sonst mit Haß dir lohnen.

Nicht finde bessern Ruhm fortan

die Welt zu blenden, ein Tyrann.

 

 

Geschrieben steht in Blut dein Tun,

und nicht umsonst! Es decken

all deine prächtigen Siege nun

nicht mehr die blut’gen Flecken.

Starbst du wie Ehre stirbt, es käm’

dir gleich, ein zweiter und beschäm’

die Welt mit neuen Schrecken.

Doch wer erklimmt die Sonnenhöh’,

daß er in Nacht, wie du, vergeh’?

 

 

Der Helden Staub zeigt in der Wage

mit Lehm denselben Preis.

Gerecht, am Ende ihrer Tage,

der Tod nur ein Maß weiß.

Doch sollten Große, die noch leben,

beseelten Feuers Funken geben,

die weder grell noch heiß.

Doch bleiben Welterob’rer greulich –

nicht macht Verachtung sie erfreulich.

 

 

Und sie, die Blume Austrias

dein Weib, des Kaisers Sproß:

dein Elend, – sag: wie trägt sie das?

Ist sie noch dein Genoß?

Teilt sie die hoffnungslose Reue,

beugt sie dem Schicksal sich in Treue

du mördrischer Koloß?

Liebt noch sie dich? Ein Restchen Glück

ließ dir ein gnädiges Geschick!

 

 

Auf deiner Insel laß dich nieder,

das Meer starr haßvoll an,

daß lächelnd, höhnisch es erwider:

»Nie herrschst du hier, Tyrann!«

Zum Zeitbertreib schreib auf den Sand,

daß wie das Meer, ist frei das Land,

erlöst von deinem Bann:

daß dir gebühr des Titels Ehre:

Korinths Schulmeister, Kinder-Lehre.

 

 

Was, Timur, den du mit dir führst

in engem Käfigs Pein,

was dachte dein gefangner Fürst,

wenn nicht »Die Welt war mein!«

Ging dir nicht mit dem Herrscherstabe

Vernunft, wie Babels Herrn zu Grabe,

nicht lang schließt du dich ein.

Dein Hang zu tun was dich vergnügt

mißachtet was die Nachwelt rügt.

 

 

Sprichts du, wie einst Prometeus’ Kraft,

noch Hohn dem Donnergotte?

Bleibst ungebeugt in Geiers Haft

in öder Felsengrotte?

Verdammt von Gott, von Menschen allen

verflucht bist du zuletzt verfallen

des Erzfeinds wildem Spotte.

Sein Mut im Falle selbst nicht schmolz,

wär sterblich er, er stürb mit Mut und Stolz.

 

 

Als Frankreich war das Maß der Welt,

sein Meister du, hoch zwar,

doch noch nicht höchst gestellt –

bliebst du Konsul, statt Cäsar,

hättst edlern Ruhmes Tat vollbracht,

als zuschreibt dir Marengos Schlacht.

Vergoldet wär sogar

dein Sturz im Zwielicht der Geschichte:

Untat verbleicht in ihrem Lichte.

 

 

Doch Kaiser mußt du sein durchaus,

den Purpur mußt du tragen –

als tilgt dies närrisch Kleid den Graus,

erstickt Gewissens Plagen.

Der Tand von längst verblichner Tracht,

mit Stern und Schnur und Fransenpracht –

wer wird danach noch fragen?

Du, eitler Herrschsucht trotzges Kind,

des Spielzeug raubt ein rauher Wind.

 

 

Wo mag ein müdes Auge finden

erhab’ner Größe Bild,

nicht bergend bill’gen Ruhmes Sünden:

ein unbefleckter Schild!

Ein Cincinnatus der Neuen Welt,

ihr größter, hehrster, reinster Held

hat diesen Wunsch erfüllt,

den Namen Washington vermacht

der Menschheit, der er Freiheit bracht’.

 

 

Quelle: Arnold Schönberg Center

#pēteris vasks

 

von Patrick Hahn

 

Revolutionen müssen nicht mit Pauken und Trompeten einhergehen. Manche Revolution nähert sich auf leisen Sohlen. Dazu zählt mit Sicherheit die Musik des Esten Arvo Pärt, der in der inneren Emigration vor den Repressionen durch die sowjetische Kulturregierung seinen ganz eigenen Stil entwickelte, in dem sich östliche und westliche Traditionen treffen. Mit seinem leisen Tonfall hat er eine dennoch deutlich vernehmbare Stimme in den Chor der Zeitgenossen eingeflochten. Estland zählt mit Lettland und Litauen zu den sogenannten Baltischen Staaten. Das Baltikum ist ein faszinierender »Melting pot« von westlichen und östlichen Einflüssen. Wohl nicht zuletzt deshalb hat die Region in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur eine Vielzahl aufregender Sänger und Dirigenten hervorgebracht, sondern auch zahlreiche Komponisten in die erste Reihe treten lassen. Zu ihnen zählt auch Pēteris Vasks, der zunächst eine berufliche Laufbahn als Geiger einschlug, seit Mitte der 1990er Jahre jedoch auch hierzulande vor allem als Komponist bekannt ist. Manche seiner Titel verraten religiöse Themen, die den Pfarrerssohn umtreiben, manche sind poetisch wie die Titel zu einem Gedicht oder zu einem Bild. Wie in seinem Stück für Solovioline und Streichorchester, das er 1996/97 im Auftrag der Salzburger Festspiele schrieb: »Tālā gaisma« lautet der Titel auf lettisch, »Fernes Licht« zu deutsch. Wie ein »Fernes Licht« glimmt auch der Streicherklang allmählich auf. Ein faszinierendes Bild mit Nähe und Ferne entspinnt sich, in dem musikalische Motive wie aus der Erinnerung oder aus dem Unterbewussten wieder auftauchen. Häufig sind diese Motive auch geprägt von der lettischen Volksmusik, dann wieder handelt es sich um genial-einfache (um nicht zu sagen einfach geniale) Erfindungen von Pēteris Vasks. Gegliedert – und durchbrochen – wird dieses Spiel mit Erinnerungen durch drei hochvirtuose Kadenzen. Diese sind – wie das ganze Konzert – durch die Persönlichkeit des großen Geigers Gidon Kremer geprägt. Die Wiederbegegnung mit Kremer fiel in die Zeit der politischen Umwälzungen, in denen sich die baltischen Staaten von der Sowjetunion unabhängig machten. Heute gehören sie zur Europäischen Union. »Ohne das ereignisreiche Jahr 1991 und ohne das Wiedersehen mit meinem Freund aus Kindertagen, Gidon Kremer, würde dieses Konzert nicht existieren«, sagt der Komponist zum Hintergrund der Entstehung. Die Lektüre von Kremers Autobiographie »Kindheitssplitter« aus dem Jahr 1993 trug ihr Weiteres dazu bei. »In diesem Werk verbinden sich Freude und Trauer wie so oft in meiner Musik, aber zuletzt siegt die Hoffnung.« Für die Momente der Trauer aber auch der Gewalt wählt Vasks immer wieder das Gewand eines Walzers, der eher ein »Valse macabre« ist. Wenn der Komponist ihn am Ende erneut aufgreift, erscheint er in mildem Licht. Der Geist der Utopie besiegt die Wirklichkeit.

#ode to napoleon

 

Arnold Schönberg hat in seinem Werk »Ode to Napoleon« den Text des Sprechers »vertont«. Auf einer Linie sind die Tonhöhen mit Vorzeichen angegeben, sodass der Sprecher seine eigene Tonlage finden muss. Wir sind gespannt, wie David Moss' Version klingt!

#hanns eisler

 

im Gespräch mit Bertholt Brecht

#hanns eisler - 2 deutsche hymnen von tobias schwencke

 

von Patrick Hahn

 

»Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, dass Ihre Ausreise ...« Was der Politiker mit dem gelben Pullunder sagen wollte, ging im Jubel der Massen unter, die sich auf das Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag geflüchtet hatten. Eine Hoffnung ging für sie in Erfüllung, ein Traum wurde wahr. Diese Bilder aus dem September 1989 wurden in den vergangenen Wochen noch einmal in Erinnerung gerufen, als in Nachrufen des bedeutenden deutschen Politikers Hans-Dietrich Genscher gedacht wurde. Genscher war einer von vielen Akteuren, die im Herbst 1989 den historischen Moment gekommen sahen, eine Utopie zu verwirklichen, die der Dichter Johannes R. Becher auf die Formel gebracht hatte: »Deutschland, einig Vaterland«. Es sind Worte aus seinem Text, den er im Auftrag des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands 1949 für die Nationalhymne der Deutschen Demokratischen Republik schrieb. Gleich zwei Komponisten wurden damals eingeladen, Bechers Text zu vertonen und in mehreren »Listening sessions« – sowohl mit Laien als auch mit Profisängern – wurde schließlich die Wahl getroffen. Die Vertonung Hanns Eislers erhielt damals den Vorzug gegenüber der Vertonung von Ottmar Gerster. Eislers Töne blieben 1950 bis 1990 offiziell Nationalhymne der DDR – Bechers Worte hingegen verstummten. Es war wohl die Beschwörung des »einigen Vaterlandes«, im Verbund mit dem Hinweis, dass Not und Feind nur in brüderlicher Einigkeit zu bezwingen wären, die dafür sorgten, dass Bechers Worte dem Politbüro ab Anfang der 1970er Jahre zu unbequem wurden. Mit dem Moskauer Vertrag, dem Warschauer Vertrag und dem Viermächteabkommen über Berlin hatte die DDR ihre staatliche Anerkennung gesichert und im Zuge der Verhandlungen anders als die BRD das Ziel der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ausgeschlossen. Die Nationalhymne sollte dieses Gespenst nun nicht länger täglich zu Sendeschluss über den Äther jagen oder gar auf offiziellen Anlässen herbeigerufen werden. Bechers Worte wurden zum »blinden Fleck« der Nationalhymne: Sie hatten Eisler den Rhythmus vorgegeben, nachdem er sein Thema geschaffen hat, sie hatten sich kunstvoll an den Rhythmus der »Kaiserhymne« angeschmiegt und diesen dann in den Schlussversen absichtsvoll unterlaufen. Und Eisler hatte schnell gehandelt, wie seine Memoiren überliefern. Angeblich spielte Eisler dem Textdichter bereits am Nachmittag desselben Tages, an dem er die Einladung erhalten hatte, einen ersten Entwurf vor: Am Flügel im Geburtshaus von Frédéric Chopin! »Er war sehr erstaunt«, erinnert sich Eisler, »dass das so rasch ging und sagte: ‚Das müssen wir uns aber noch in Berlin überlegen!’ Solche Sachen kann man nur sehr rasch machen oder gar nicht.« 

Bald darauf ließ Eisler sich noch einmal dazu verführen, eine Hymne zu vertonen. Wiederum schmiegt sich die Textvorlage an den Rhythmus der Kaiserhymne an – der Bezugspunkt ist nun Das Lied der Deutschen, gedichtet von August von Fallersleben, das im April 1950 zur Nationalhymne der BRD bestimmt worden ist. Der Dichter war diesmal kein Geringerer als Bertolt Brecht, der mit seiner sogenannten Kinderhymne seine Kritik an der Bundesrepublik zum Ausdruck bringen wollte, einem Staat, der in seinen Augen zu wenig Anstalten machte, sich von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zu distanzieren. Nicht die Einigkeit steht hier im Vordergrund, sondern ein Relativismus: hier wird kein Land »über alles« geliebt oder gar über andere erhoben, sondern das Wachsen und Reifen der eigenen Nation wird stets in Bezug zum Wohl der anderen gesetzt. Eisler vertonte auch diese Hymne, von der manche gefordert hatten, sie möge nach der Wiedervereinigung das neue, geeinte Deutschland repräsentieren.

Der in Berlin lebende Komponist Tobias Schwencke hat diese beiden Eisler-Hymnen und ihren Bezugspunkt, das Deutschlandlied, in seinem Stück »Zwei Hymnen« miteinander kombiniert. Er macht gleichsam die historische Überlagerung ihrer Themen, Fragestellungen und Motive hörbar, indem er die beiden Stücke in einem kombiniert, oder besser gesagt: montiert. Die Streicher imitieren das Knistern eines Radios, bevor die Solo-Stimme mit der Kinderhymne einsetzt. Der »Arbeiterchor« der Instrumentalisten stimmt spielend die DDR-Hymne an (mit Bechers Worten!) und verleitet die Solostimme dazu, mit der Kinderhymne freier zu verfahren und die Worte schließlich improvisierend mit der Nationalhymne zu verbinden. Auch die Streicher dissoziieren zunehmend, das Gegenteil von Einigkeit stellt sich zunächst ein. Im abschließenden Teil wird die Bedeutung des Textes von der Solostimme noch einmal auf ihren Sinngehalt abgeklopft, indem der Solist den Text mit unterschiedlichen Sprechhaltungen vorträgt: »friendly«, »angry«, »martial«, bevor sie sich in einer weiteren wilden Improvisation – »use any texts of the hymns you want« – überschlägt. Freude schwingt darin vielleicht mit, dass der Chor die Hymne nun so schön intoniert. Das Radiorauschen am Ende entlarvt das ganze als eine Erinnerung – ob an eine utopische Idee oder an die Falschheit jeglichen nationalen Pathos, diese Antwort sei dem Hörer überlassen. 

 

#alina ibragimova

 

»How has she risen so high in such a short time? Immense discipline, iron-clad technique and willingness to take risks are the qualities that truly single out Ibragimova from many other performers. She’s hungry to take on challenges, whether it’s by commissioning composers, exploring long-lost ways of playing her instrument, or reviving music that’s slipped into oblivion.«

 

Ein Artikel von Ivan Hewitt im Telegraph (auf englisch) über Alina Ibragimova und ihre rasante Entwicklung in den letzten Jahren.

 

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#utopien

 

Bilder aus dem offbeat mit Tobias Schwencke und Carsten Brandau von Jann Wilken und Werner Delasauce.

Foto: Jann Wilken
Foto: Jann Wilken
Foto: Jann Wilken
Foto: Jann Wilken
Foto: Werner Delasauce
Foto: Jann Wilken
Foto: Werner Delasauce
Foto: Werner Delasauce
Foto: Werner Delasauce

#stimmen

 

Als Arnold Schönberg seine Ode to Napoleon Buonaparte vertonte hatte er die Stimme des amerikanischen Präsidenten Winston Churchill im Kopf, besonders seine Radioansprachen. Der Sprecher müsse »die Vielzahl von Schattierungen besitzen, die wichtig sind, um 170 Arten von Hohn, Sarkasmus, Hass, Lächerlichkeit, Zufriedenheit, Verdammung usw. auszudrücken«, die er mit dieser Musik porträtieren wollte.

 

->Hier könnt ihr hören, wie Chruchills Reden klangen

#imf

 

Das Resonanzen-Konzert findet ihm Rahmen des 2. Internationalen Musikfest Hamburg statt, bei dem das Ensemble Resonanz noch in zwei weiteren Konzerten zu hören ist. Zum einen am 24. April mit dem Titel »Überlebensmusik« sowie am 16. Mai zusammen mit Felix Kubin. Das gesamte Veranstaltungsprogramm zum Thema »Freiheit« findet ihr auf der Website des Musikfests.

 

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#gustav mahler

 

»...Eine neue Art von Werken aber werde er zur orchestralen Aufführung heranziehen und für immer, wie er hoffe, dafür gewinnen... Es seien alle großen Beethovenschen Quartette, für welche die Wiedergabe durch vier Spieler absolut nicht mehr ausreiche. Schon das Quartett übertragen, sei eine gewagte und willkürliche Sache - vollends aber bei den gewaltigen Kompositionen der letzten Beethoven-Quartette, bei denen längst nicht mehr an die vier armseligen Männlein gedacht sei und die schon der Konzeption nach ganz andere Dimensionen hätten und ein kleines Streichorchester einfach verlagten.« Um damit einen Anfang zu machen, wählte Mahler das Quartett in f-Moll, op. 95 - 1810 geschrieben - also zehn Jahre früher als die späten Quartette, obwohl es viele Züge des späten Stils vorwegnahm - das er im Rahmen des fünften Philharmoniekonzertes am 15. Januar 1899 aufführte...

 

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#getting to the voice

 

Hier hört ihr eine Performance von David Moss auf der Biennale in Venedig, zum Eintauchen und drauf freuen.

 

#utopische lesung

 

Der Hamburger Autor Carsten Brandau wird bei dem offbeat am 16. April im resonanzraum erstmalig aus seinem neuen Werk De Dominio Terrae lesen. Einen Auszug hört ihr bereits hier.

 

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#ersten ranges

 

Thomas Mann über Hanns Eisler:

»Ich kenne den Mann recht gut, er ist hoch gebildet, geistvoll, im Gespräch sehr amüsant, und oft habe ich mich mit ihm, namentlich über Wagner, glänzend unterhalten. Als Musiker ist er, nach dem Urteil all seiner Kollegen, ersten Ranges.« (1947) 

#david moss

 

Als Gast für die »Ode to Napoleon Buonaparte« und die »2 Deutschen Hymnen« von Tobias Schwencke freuen wir uns sehr auf David Moss. Er gehört zu den bekanntesten und innovativsten Sängern und Percussionisten der Neuen Musik.

#kinderhymne

 

Tobias Schwencke hat für sein Werk 2 Deutsche Hymnen die tatsächliche Hymne der DDR Auferstanden aus Ruinen mit der sogenannten Kinderhymne Anmut sparet nicht noch Mühe kombiniert. Hier hört ihr Hanns Eisler selbst die Hymne singen und könnt den Text von Bertold Brecht mitlesen.

 

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1. Anmut sparet nicht noch Mühe

Leidenschaft nicht noch Verstand

Daß ein gutes Deutschland blühe

Wie ein andres gutes Land.

 

2. Daß die Völker nicht erbleichen

Wie vor einer Räuberin

Sondern ihre Hände reichen

Uns wie andern Völkern hin.

 

3. Und nicht über und nicht unter

Andern Völkern wolln wir sein

Von der See bis zu den Alpen

Von der Oder bis zum Rhein.

 

4. Und weil wir dies Land verbessern

Lieben und beschirmen wir's

Und das Liebsten mag's uns scheinen

So wie andern Völkern ihrs.

#deutsche hymne

 

Der Originaltext von Johannes Becher zu der DDR-Hymne von Hanns Eisler. Es war üblich, nur die Musik zu spielen, jedoch hat Eisler seine Musik nach der Textvorgabe komponiert.

 

reinhören

#offbeat

 

Sa 16.04.2016, 19:30 Uhr, resonanzraum St. Pauli

 

Ein utopisches Offbeat: Hanns Eisler hat zwei Deutsche Hymnen geschrieben, die der Komponist Tobias Schwencke aus den Ruinen der untergegangenen Utopie DDR holt. Außerdem wird der preisgekrönte Hamburger Autor Carsten Brandau erstmals aus seinem neuen Auftragswerk DE DOMINIO TERRAE lesen, in dem Rotkehlchen und Hirsche sich zur Übermachtsstellung des Menschen auf dieser Welt äußern und seinen Fall besingen.

 

Tickets gibt es für 10 Euro an der Abendkasse oder online auf ensembleresonanz.tickets.de

#ankerangebote

 

Intro 

Stefan Litwin und Tobias Schwencke im Salon-Gespräch.

Sa 16.04.2016, 18 Uhr, resonanzraum St. Pauli.

Der Eintritt ist frei.

 

Werkstatt 

Ungeschminkte Ensemble-Probe.
Mo 25.04.2016, 15:30 Uhr, resonanzraum St. Pauli.

Der Eintritt ist frei.

 

HörStunde

Programmeinführung mit ganzem Orchester.
Di 26.04.2016, 18 Uhr, resonanzraum St. Pauli.

Der Eintritt ist frei. 

#poster

 

Ab heute hängen in Hamburg die Poster zum Resonanzen-Konzert »der utopie«. Habt ihr auch schon welche gesehen?

#teaser

 

Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Die Ideale der französischen Revolution waren die Ideale Beethovens. Mit Napoleons Selbsterhebung zum Kaiser war Beethovens Hoffnung auf eine baldige Veränderung der Verhältnisse gebrochen – nicht jedoch sein Geist der Utopie. Schönberg nahm mit seiner Ode an Napoleon unmittelbar Bezug auf Beethovens Fünfte und die Marseillaise. Ein Lobgedicht auf Napoleon wird darin zum beißenden Kommentar auf das weltpolitische Geschehen während des zweiten Weltkriegs, eine Brandrede zur Beendigung der Barbarei. Jahrzehnte später verarbeitet Peteris Vasks die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in einem hochvirtuosen Violinkonzert. Er lässt eine bessere Welt im »fernen Licht« aufscheinen. Tobias Schwencke kommentiert mit seiner Bearbeitung den Umstand, dass Hanns Eisler gleich zweimal eine »deutsche Hymne« vertont hat. Sieg der Freiheit?

#konzertprogramm

 

Hanns Eisler (1898-1962) / Tobias Schwencke (*1974) 

Zwei Deutsche Hymnen

Für Streichquartett, Klavier und Sprecher

 

Arnold Schönberg (1874-1951) 

Ode to Napoleon Buonaparte op. 41

Für Streichquartett, Klavier und Sprecher

 

Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Streichquartett f-Moll op. 95

Fassung für Streichorchester von Gustav Mahler

 

Pēteris Vasks (*1946) 

Violinkonzert »Distant light«

 

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Redaktion: Anna Gundelach

Texte aus dem Programmheft: Patrick Hahn