Zum Schweigen verdammt

Zum Schweigen verdammt

Einführung in das Programm der resonanzen drei von Thilo Braun

Im Mittelalter gehörte das Abschneiden der Zunge zu den Leibesstrafen. Die Verstümmelung hatte metaphorische Bedeutung: Sowie eine abgehackte Hand den Dieb verriet, war die abgeschnittene Zunge das Brandmal der Lügner. Wobei Vorsicht geboten ist. Denn die Definition von Lüge und Wahrheit war damals wie heute Auslegungssache. Auch der Teufel redet mit Engelszungen, wer Böses im Schilde führt, beruft sich allzu gerne auf das Gute.

In Russland diktierte Stalin den »Sozialistischen Realismus«, tarnte ihn als vermeintlichen Willen des Volkes und verstümmelte die künstlerische Avantgarde seines Landes. Die Kunstwelt wurde von jeder Form von Komplexität und Individualismus »gesäubert«, wer sich nicht fügte wurde verfolgt, viele Künstler fanden in Arbeitslagern den Tod.

Die Petersburger Komponistin Galina Ustwolskaja hat sich für die innere Emigration entschieden, bis zur Öffnung der Sowjetunion komponierte sie größtenteils für die Schublade. Die Propaganda schoss zerstörerische Worte in die Welt, Ustwolskaja war zum Schweigen verdammt. Ob darin ihr tiefes Misstrauen gegen Sprache wurzelt? Noch im Alter hat sie Interviews vermieden, eine wörtliche Beschreibung ihrer Werke abgelehnt: »Alle diejenigen, die meine Musik wirklich lieben, bitte ich, auf eine theoretische Analyse zu verzichten.«

György Ligeti ist vor dieser »Kultur des geschlossenen Zimmers« in Budapest in den Westen geflohen. Seine erste Oper »Le Grand Macabre« lässt sich als satirische Antwort deuten auf die hohlen Phrasen der Mächtigen. Dmitri Schostakowitsch bleibt in Russland. Auch er entdeckt die Ironie als Fluchtweg, um seine wahre Gesinnung zu verschleiern und weiterhin komponieren zu können. Manche Werke wirken auf den ersten Blick anbiedernd, entpuppen sich bei entsprechender Interpretation jedoch als groteske Karrikatur. Bei seinem ersten Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester ist die Ironie überdeutlich. Auch wenn hier nicht die Politik, sondern das verkrampfte Bildungsbürgertum im Fokus steht.