William Byrd

William Byrd

Text zu William Byrd von Thilo Braun

O mistress mine
A Fancie

Browning

Text: Thilo Braun

Das England, in dem die Tudors das Sagen hatten, wurde ganz schön durchgeschüttelt. In Zeiten von Reformation und Gegenreformation hatte sich bereits Heinrich VIII. mit dem Papst verkracht und sich kurzerhand selbst zum Oberhaupt der »Church of England« erhoben, um sich von seiner ersten Frau scheiden zu lassen. Seine Kinder standen wohl zwischen den Stühlen. Jedenfalls wechseln mit ihren Herrschaften auch die Konfessionen wie im Rausch. Mit nur 9 Jahren kommt Edward 1547 auf den Thron und schlägt einen erzprotestantischen Kurs ein, der kurz darauf von seiner Schwester Maria wieder ins Gegenteil überführt wird. So erbarmungslos lässt sie Protestanten verfolgen, dass sie als »Bloody Mary« in die Geschichte eingeht. Doch auch Maria stirbt früh, es folgt Halbschwester Elisabeth und rudert zurück in Richtung Protestantismus. Wenngleich ihre beinahe ein halbes Jahrhundert überdauernde Regierungszeit zumindest etwas politisches Gleichgewicht bedeutet, leiden Katholiken unter ihrer Führung. Die heilige Messe muss im Geheimen abgehalten werden, jesuitische Priester werden verfolgt und gemordet.

Nicht die beste Voraussetzung für einen gläubigen Katholiken wie William Byrd, wenngleich er wohl noch Glück im Unglück hatte: als Lieblingskomponist Elisabeths wurde seine Gesinnung zwar nicht begrüßt, aber doch geduldet. Während jedoch Zeitgenossen wie Palestrina in Italien für die Liturgie schönste polyphone Messkompositionen erdachten, konnte Byrd solche Werke nur für die Schublade oder geheime Hauskonzerte schreiben. Am Hof waren vor allem seine Kompositionen für Virginal gefragt, eine englische Variante des Cembalos.

Vielleicht war es aber gerade diese Einschränkung, die sein Schaffen innerhalb der Gattung so unglaublich kreativ werden ließ. So entspinnt sich in »A Fancie« aus einem beinahe banalen Tonleitermotiv durch Imitation, Fortspinnung und Modulation ein Satz voller kunstvoll verflochtener Mehrstimmigkeit. Noch verblüffender ist die Kreativität Byrds in seinem Variationssatz über das Volkslied »O mistress mine«. Diese zunächst so harmlos daherkommende Weise durchläuft im Laufe von knapp fünf Minuten wunderliche Metamorphosen: mal lädt ein punktierter Rhythmus in der Bassfigur zum Tänzchen ein, mal umschlingen wilde Läufe das Thema wie Girlanden. Und obwohl die Melodie stetig wiederkehrt, sorgt Byrd dafür, dass dem Zuhörer nicht langweilig werden kann. Er spielt mit der Hörerwartung. Manchmal meint man gar, einen falschen Ton zu hören, so unerwartet wechseln Vorzeichen und Harmonien.

Das Ensemblewerk »Browning« ist dagegen eine Möglichkeit für Byrd, Mehrstimmigkeit zumindest im Bereich der Instrumentalmusik auszutesten. Hier liefert er polyphone Stimmführung vom Feinsten. Die durch punktierte Notenwerte im Dreiertakt tänzelnde Melodie wandert zwischen den Instrumenten, wird dabei von allen Seiten umspielt und variiert. Wie kleine Stromstöße schießen synkopische Einwürfe dazwischen, selbstverständlich ergibt sich ein Einsatz aus dem nächsten, so dass man beinahe überrascht ist, wenn dieser Tanz plötzlich so unvermittelt endet, wie er begonnen hat.