Helmut Lachenmann über »Grido«

Helmut Lachenmann über »Grido«

Komponieren bedeutet für mich jedes Mal, wenn schon nicht »ein Problem lösen«, so doch mich mit einem Trauma, angstvoll/lustvoll, auseinandersetzen und anhand solcher empfundener und angenommener kompositionstechnischer Herausforderungen eine klingende Situation verursachen, die mir selbst wenn nicht neu, so doch fremd ist, und in der ich mich verliere und so erst recht mich wiederfinde.

Das klingt gewiss sehr privat, aber jenes »Problem«, jenes »Trauma« verkörpert immer wieder auf andere Weise die kategorische Frage nach der Möglichkeit einer authentischen Musik in einer Situation, wo dieser Begriff kollektiv verwaltet scheint und durch seine Ubiquität und totale Verfügbarkeit in einer von »Musik« (= auditiv inszenierter Magie für den Hausgebrauch) überschwemmten, saturierten und durch standardisierte Dienstleistung stumpf gewordenen Zivilisation fragwürdig geworden ist.

Jene Problematik und jene Fragwürdigkeit ist eine unbewusst erkannte und verdrängte Realität, sie ist die Außenseite unserer, nicht weniger realen verdrängbaren aber auch erkennbaren inneren Sehnsucht nach befreiten Räumen für den wahrnehmenden Geist: nach »neuer« Musik.