Ferne Nähe

Ferne Nähe

Ein Beethoven für unsere Gegenwart

Ein Festjahr wie das Beethoven-Jahr 2020 bietet – selbst wenn es pandemiebedingt bislang weit weniger konzertreich ausgefallen ist als geplant – die Gelegenheit in der Fülle der Buch- und Schallplattenveröffentlichungen, der Debatten und Festreden sehr viel darüber zu erfahren, wie fern die Welt uns ist, in der eine Musik wie die Beethovens geschrieben worden ist.

Wie anders waren die Konzertsäle zur Zeit Beethovens, die sich heute gegenüber damals ins Riesenhafte vergrößert haben – und mit ihnen das Publikum, mit allen Konsequenzen, die das auch für das akustische, soziale und psychologische Erleben beim Spielen und Hören bedeutet. (Und welch einen Unterschied es ausmacht, wenn sich das Verhältnis von Saalgröße, Publikum und Aufführenden ins Disproportionale verschiebt, haben die vergangenen Wochen der ersten zaghaften Schritte retour ins Konzertleben unter Hygiene- und Abstandsregelungen gezeigt.) Ganz zu schweigen von den Veränderungen in den Instrumenten, die neue Probleme der Klangbalance hervorrufen (und der manche Dirigenten begegnet sind, indem sie kreativ mit der Anzahl der Holzbläser und Streicher umgegangen sind, um die Fortschritte im Instrumentenbau quasi wieder »zurück« auszugleichen.)

Schließlich, der wohl wichtigste Unterschied, die Veränderung unseres hörenden Bewusstseins. »Wir haben nicht nur die meisten Werke von Beethoven oft gehört, wir kennen auch Musik, welche, von Beethoven ausgehend, später geschrieben wurde, wir kennen die Konsequenzen, welche die Moderne aus Beethoven gezogen hat, usw. Wir nehmen Beethoven – der der Inbegriff des revolutionären Musikers seiner Zeit war – als traditionelles Phänomen wahr«, so Hans Zender. Dagegen hat der Interpret in Zenders Augen zu kämpfen und muss »immer wieder nach Möglichkeiten suchen, den Geist des Originals zu vermitteln; jede Aufführung wird von neuem einen Mittelwert suchen müssen zwischen der zu erahnenden Idee Beethovens auf der einen Seite und der aus dem Geist der eigenen Zeit erwachsenen Gestaltung des Interpreten auf der anderen.« Wenn das gelingt, dann ist der ferne Beethoven uns wieder ganz nah: »Die Musik erhält durch diese in ihrem Kern erscheinende Notwendigkeit des Zusammenfließens von Originaltext und aktueller Gestaltung die Möglichkeit der Erneuerung und Verjüngung. In diesem Sinn ist Beethoven nicht nur Revolution; er begründet die permanente Revolution in der Musik.«

Als Revolutionär hätte sich Hans Zender selbst, der am 23. Oktober 2019 verstorben ist, vermutlich nicht bezeichnet. Seine »Kampfmontur« war die des buddhistischen Weisen, der mit listigem Blick und schelmischem Lächeln hinter die Dinge blickt. Und wenn diese einleitenden Gedanken über musikalische Interpretation auf den ersten Blick ausführlich erscheinen mögen, so führen sie doch mitten hinein in das Programm des ersten resonanzen-Konzerts der Saison 2020/21. Nicht nur, weil die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums und des Ensembles ganz sicher dahin geht, was für einen Beethoven Riccardo Minasi gestalten wird – in einer ersten Beschäftigung mit diesem Schlüsselwerk der Musikgeschichte, Beethovens fünfter Sinfonie. Nach den gemeinsamen Abenteuern mit C.P.E. Bach und Wolfgang Amadeus Mozarts drei letzten Sinfonien sind die Erwartungen weitergewachsen, wie Minasi aus seinem akribischen Quellenstudium und persönlicher Gestaltungsgabe den Notentext zu neuem Leben erwecken wird.

»Im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis gibt es wichtige Errungenschaften, die neue Interpretationen zulassen – wissenschaftliche Präzision im Umgang mit den Notentexten, die Balance zwischen den Instrumentengruppen, die richtige Lesart von Artikulationsanweisungen und die Suche nach der angemessensten technischen Umsetzung«, beschreibt Riccardo Minasi seine Vorgehensweise als Interpret. »Dabei sollten wir uns allerdings bewusst sein, dass unser Eindruck von Klangfarbe und Klangästhetik immer von unseren heutigen Lebenszusammenhängen beeinflusst ist. In dieser Hinsicht ist nicht unser Ziel, exakt den Klang von Musikern zu reproduzieren, die vor 250 Jahren gelebt haben. Ich persönlich lege lieber den Fokus auf die Erforschung des historischen Kontexts, um ein tieferes Verständnis musikalischer Texte aus der Vergangenheit zu gewinnen«, so Minasi.