Dido – eine Fremde?

Dido - eine Fremde?

Thilo Braun über Henry Purcell berühmtestes Werk für das Musiktheater und dessen Kalima'sche Neuinterpretation

Peace and I are strangers grown – der Friede und ich, wir sind Fremde geworden. So spricht Dido, Königin von Karthago, in ihrer ersten Arie. I am prest with torment – ich werde erdrückt von einer Qual. Sie ist schwer, beinahe unerträglich, und trotzdem habe ich Angst, jemand könnte es bemerken – I would not have it guess’d.

Henry Purcell erzählt in seiner Oper Dido and Aeneas frei nach Vergil die Geschichte einer zutiefst depressiven, tragischen Figur. Ihre Vorgeschichte schildert die griechische Mythologie als grausamen Macht- und Familienkonflikt: Pygmalion mordet seinen Schwager Sychaeus – den Gatten seiner Schwester Dido – um die alleinige Herrschaft von Tyros im heutigen Libanon an sich zu reißen. Sie flieht daraufhin fast 2.300 Kilometer westwärts, landet im heutigen Tunesien und gründet dort die Stadt Karthago. Das Volk feiert ihren Tatendrang, innerlich jedoch ist sie zerrissen von Wut und Trauer, voller unsterblicher Sehnsucht nach ihrem toten Liebsten, dem sie ewige Treue geschworen hat.

Da trifft ein weiterer Flüchtling ein: Aeneas, ein über die Weltmeere irrender Held aus dem zerstörten Troja, der in den Flammen seines Hauses Vater und Frau verlor. Ein Schicksalsverwandter? An dieser Stelle setzt bei Purcell die Handlung ein. Die Qual, von der Dido zu Beginn spricht, ist vor allem eine Qual ihres Gewissens. Denn einerseits fühlt sie sich zu Aeneas hingezogen, von seiner Lebensgeschichte berührt, von seinen Heldentaten beeindruckt, andererseits belastet sie ihr Treue-Versprechen an Sychaeus. Verrät sie ihn, wenn sie einen anderen liebt? Ihre Vertraute Belinda drängt: Nimm Aeneas, er ist gut für dich, er liebt dich doch auch.

Natürlich geht die Sache schief. Laut Libretto sind böse Hexen schuld, sie schmieden ein Komplott, um Karthago zu zerstören. Dido und Aeneas haben gerade zueinander gefunden, da zieht ein Unwetter auf und trennt sie wieder. Ein Elf erscheint in der Gestalt Merkurs und verkündet Aeneas, er müsse weiterziehen, um die Stadt Rom zu gründen. Jupiter befehle es: waste no more in loves delights those precious hours – vergeude die kostbare Zeit bloß nicht länger mit Liebeständelei.

Destruktive Kräfte

Dass sich Hexen, Götter und andere Zauberwesen in die Geschicke der Menschen einmischen, ist in der griechischen Mythologie an der Tagesordnung und auf der Theaterbühne zur Purcells Zeiten in Mode. Dennoch spricht nichts gegen eine allegorische Deutung: die Hexen als das personifizierte Böse, eine aus dem Trauma der Vergangenheit erwachsene destruktive Kraft im Innern Didos, die ihr jede Form von wahrer Zuneigung unmöglich macht. Und Aeneas? Es verblüfft zunächst, wie schnell und kampflos er dem Ruf des Schicksals folgen will. Vielleicht ahnt auch er insgeheim, dass echtes Glück für ihn in dieser Stadt, mit dieser Frau, nicht zu erwarten ist. Er wird immer der Fremde bleiben, ein Eindringling in Didos Herz und Hof. Was wäre da leichter als das Scheitern dieser Beziehung zu kaschieren durch den vermeintlichen Schicksalsruf – und damit ein alternativloses Handeln zu behaupten?

Purcells Musik: Zwischen Tumult und Entfremdung

Peace and I are strangers grown. Henry Purcell hat für diesen Konflikt zwischen erträumtem Frieden und schmerzvoller Gegenwart effektvolle Klänge gefunden. Da tanzt einerseits pure Lebenslust, etwa im Triumphing Dance, am Ende des ersten Akts. Sieh nur, wie schön und leicht alles sein könnte, scheint die Musik zu sagen. Das Volk feiert im Dreiertakt, singt Lieder mit übermütigen Punktierungen, lacht in C-Dur. Eine Minute später ist die Party vorbei – mit Trommelwirbel bricht ein Gewitter herein – Auftritt der Hexen in finsterem f-Moll. Und dann ist da Dido. Mit ihren zarten Gesängen scheint sie wie aus einer anderen Welt zu kommen. Zärtlich, beinahe ängstlich beginnt sie ihre Reden, steigert sich über kreisenden Bass-Ostinati tiefer und tiefer hinein in ihre Klage, bis zur todesbejahenden Verzweiflung in der Arie When I am laid am Ende der Oper – eine Musik, die wohl zum Berührendsten und Erschütterndsten gehört, was jemals für die Opernbühne geschrieben wurde.

Dabei wissen wir kaum etwas über die Entstehung dieses weltberühmten Trauergesangs. Purcells originale Partitur der Oper ging verloren, überliefert ist lediglich das Libretto, eine unvollständige spätere Abschrift der Noten und der Beleg einer Aufführung 1689 in einer Mädchenschule in Chelsea. Hat Purcell Dido and Aeneas für diesen Anlass geschrieben? Für eine Schulaufführung? Darüber streitet die Musikwissenschaft bislang ebenso wie über die Frage, ob die recht kurze Spieldauer von einer Stunde durch fehlende Partiturseiten zu erklären ist – oder bereits so konzipiert wurde.

Barocke Formenpracht aus schmutziger Großstadtperspektive

Der finnische E-Gitarrist Kalle Kalima nutzt diese Wissenslücken gewissermaßen als Chance. Für die Oper Lyon verfasst er im Jahr 2019 »ein Echo, einen Kommentar auf Purcell«, wie er es nennt. Es entsteht mit Dido and Aeneas, Remembered eine Musik, die barocke Formenpracht verknüpft mit der Lebensrealität Kalimas: Verschnörkelte Eleganz trifft auf verzerrten E-Gitarren-Sound, das englische Hofleben des 17. Jahrhunderts auf das urbane Leben Berlins, seine Wahlheimat. Kalle Kalima liebt das Knirschen im Gefüge, wenn musikalische Welten aufeinanderprallen. In Trio-Formation mischte er auf seinem Album »High Noon« rockige Gitarrensoli mit Countrysound, balancierte zwischen zeitgenössischer Kunstmusik und Jazz-Rock; für ein anderes Projekt vertonte er gemeinsam mit einer Sopranistin Arien von Purcell bis Händel neu. Aus diversen Erfahrungen und Traditionen erwachsen so stets neue, aufregende Schöpfungen, voller Sog und Flow.