Alban Berg – Sieben frühe Lieder

Alban Berg - Sieben frühe Lieder

Text: Patrick Hahn

Auch Alban Bergs Sieben frühe Lieder erzählen von einem künstlerischen Höhenflug, der durch die Liebe ausgelöst wurde: Sie stammen aus der Lebensphase, in der er seine spätere Ehefrau Helene kennenlernte. Die vornehme Schönheit war ihm in der Oper aufgefallen, wo sie – wie er – beinahe jeden Abend verbrachte. Fast ein ganzes Jahr lang beobachtete er sie in der Galerie, ohne dass er es wagte, sie anzusprechen. Mit seiner Schwärmerei war er nicht allein: Helene Nahowski war, wie Fotografien bezeugen, wunderschön. In Wien sagte man von ihr, sie sei eine uneheliche Tochter von Kaiser Franz Joseph I. Noch bevor Berg sie persönlich kennenlernte, ließ er ihr das Manuskript eines schwärmerischen Liebesliedes zukommen.

Die Zeit um das Jahr 1907 war eine »Schwellenzeit« für den Komponisten: Es waren die ersten Jahre des Kompositionsunterrichts bei Arnold Schönberg, die entscheidend waren für Alban Bergs künstlerischen Weg. Erstmals trat er als Komponist an die Öffentlichkeit. Er hatte zwar bereits über 100 Lieder geschrieben, doch keines von ihnen erhielt die Weihen einer Opus-Zahl. (Erst 1908 deklarierte er seine einsätzige Klaviersonate als offizielles Opus 1.)

Zehn Jahre nach dem Kennenlernen mit Helene schrieb Berg in Erinnerung an die Zeit ihrer frisch erblühten Liebe zehn der Lieder sorgfältig ab; wiederum zehn Jahre später bearbeitete er sieben davon für Orchester. Vielleicht war dieser Vorgang auch ein Akt der Selbstvergewisserung oder der Wiederannäherung, zu einem Zeitpunkt, da die Beziehung kriselte. Bekannt geworden sind die Sieben frühen Lieder weniger in ihrer ursprünglichen Klavierfassung als in dieser eigenen Bearbeitung als Orchesterlieder.

Berg übertrug die Lieder nicht einfach aufs Orchester, sondern griff gelegentlich verändernd in die Melodie ein, reicherte die Stücke harmonisch an und transponierte sie zum Teil, um eine zyklische Geschlossenheit zu erreichen. Bei der Instrumentation zeigt sich nicht nur, was Berg bei Gustav Mahler an klangfarblicher Raffinesse gelernt hatte, sondern auch das große formale Gespür, das den Komponisten auszeichnet. Nur die beiden Rahmensätze verlangen das volle Orchester, die Lieder dazwischen reduzieren den Apparat gezielt: Im dritten Lied etwa erklingen nur Streicher.

Auf diesen dritten Satz hätte sich der Komponist Johannes Schöllhorn bei seiner Bearbeitung der Sieben frühen Lieder für das Ensemble Resonanz unmittelbar beziehen können. Und doch hat Schöllhorn seiner Bearbeitung nicht die Orchester-, sondern die ursprüngliche Klavierfassung zugrunde gelegt. Denn, wie er am Telefon berichtet: »Man merkt den Klavierstücken an, dass sie von einem jungen Komponisten geschrieben wurden. In seiner späteren Orchesterbearbeitung hat Berg dann manches von seiner jugendlichen Kühnheit harmonisiert. Den starken französischen Einfluss des Liedes Nacht etwa hört man nur in der Klavierversion. Oft ist der Klaviersatz erstaunlich ausgedünnt. Die Orchesterversion ist dagegen viel ausgleichender – übrigens auch viel konventioneller als der seiner Oper Lulu, an der er zeitgleich gearbeitet hat.«

Wie nur wenige andere Komponisten verfügt Johannes Schöllhorn über die Gabe der Einfühlung. In zahlreichen Bearbeitungen oder Weiterführungen hat er Werken seiner Kollegen zu einem zweiten Leben oder zu einer zweiten Natur verholfen – von Giovanni Gabrieli über Erik Satie und Arnold Schönberg bis zu Pierre Boulez. Schöllhorns Bearbeitungen zeichnen sich vor allem durch ihren Sinn für das Unabgegoltene in den Vorlagen aus, das er, indem er es nachzeichnet, ins Bewusstsein hebt. »An den Sieben frühen Liedern in der Klavierfassung fasziniert mich, wie sie geradezu nach größeren Formen schreien, wie sie stets andeuten, dass sie sich eigentlich in Richtung Oper austoben wollen. Sie platzen schier vor Ausdruckswillen – doch die gewählte Form bietet diesen Platz nicht.

In der Orchesterfassung ist dieser Widerspruch aufgelöst. Durch meine Bearbeitung mit der ›einfarbigen‹ Streicherbesetzung habe ich versucht, diesen Drang, etwas anderes sein zu wollen, noch einmal zu reproduzieren. Nur mit dem Vorteil, dass man im solistisch aufgefächerten Streichorchester noch differenzierter in den Stimmensatz hineinhören kann als beim Klavier. Die wellenartige Bewegung der Einzelstimmen wurde dabei nicht zuletzt durch das atemberaubende Dach der Elbphilharmonie angeregt und möchte dessen weiche Linien in den Konzertsaal übertragen.«

Die Sieben frühen Lieder kann man in ihrer Abfolge als eine Liebesgeschichte erleben: Die Umrisse der Wirklichkeit verschwimmen zunächst allmählich mit dem Eintritt in die Nacht, ein Schwebezustand, der auch im Schilflied anhält. Der Zauber der Nacht ist mit den Erinnerungen an Die Nachtigall zunächst verflogen, der romantischen Ernüchterung folgen Zweifel, bevor die Unsicherheit nach einem Moment des Zauderns und des Zögerns in Traumgekrönt der Vereinigung der beiden Liebenden weicht. Von der herbstlichen Häuslichkeit Im Zimmer trägt der Sommerwind die Liebenden höher und höher, hinaus in die Natur.