Donaueschinger Musiktage 2019

Doku: Donaueschingen 2019

Doku: Donaueschingen 2019
07:34

Donaueschinger Musiktage 2019

Festival für Neue Musik
Mit drei Uraufführungen nach Donaueschingen

In Kooperation mit dem SWR-Experimentalstudio

Nicole Lizée
Sepulchre für Streichorchester mit Elektronik

Gordon Kampe
Remember Me für Streichorchester mit Elektronik

Mark Andre
rwh 1 für Streichorchester mit Akkordeon, Schlagzeug und Sinustonorgel

Der Klang der Streicher lässt sich hinlänglich verwandeln: von einer ätherischen, fast metaphysischen Qualität bis hin zu ausladenden Geräuschklängen. Nicole Lizée, Gordon Kampe und Mark Andre stellen diesen wandlungsfähigen Apparat in je unterschiedliche Kontexte.

Bei Andre steht die Auskultation von Räumen und Resonanzen im Mittelpunkt. »rwh 1« heißt sein neues Werk. Im Atem treffen sich Stimme und Geist, Urstoff seiner Musik. Kampe setzt mit Remember Me seine Arbeit an oralen Archiven fort. Aus Stimmen der Vergangenheit, gekerbt von langem Leben, schafft Gordon Kampe akustische Gedächtnisorte; Erinnerung läuft als Schatten der Gegenwart mit. Nicole Lizée kreuzt den Streicherklang mit dem rüden Charme der DIY-Elektronik. Sie verwandelt und rehabilitiert gesammeltes Material – von Chopin über Heavy Metal, MTV Videos, Hitchcock, Kubrick bis hin zu 80er-Jahre Pop – slowed and throwed.

Besetzung

Bas Wiegers, Dirigent
Boris Müller, Schlagzeug
Sun-Young Nam, Klavier
Claudia Buder, Akkordeon
Joachim Haas, Klangregie
Thomas Hummel, Klangregie
Markus Radke, Klangregie

Ensemble Resonanz

Impressionen

© Florian Schmuck
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Nicole Lizée »Sepulchre«

Nicole Lizée »Sepulchre«

Nicole Lizée - Sepulchre

»Zerbrechlichkeit beobachten wir sowohl in der Natur als auch in der Technik. In beiden Bereichen drohen Dinge auszusterben oder überflüssig zu werden. Diese Parallele liegt meinem Stück »Sepulchre« zugrunde. Ich bin unter Apparaten aufgewachsen. Mein Vater repariert, verkauft und sammelt Elektrogeräte. Nie hat er einen Apparat weggeworfen. Seit jeher von diesen Dingen umgeben, wurden kaputte und ausrangierte Apparate zu einem zentralen Bestandteil meiner Arbeit. Die Elektrogeräte, die ich

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in meinen Stücken nachahme und verwende, waren einst Gipfel des Fortschritts. Sie waren langlebig und und man konnte sie reparieren. Aber jetzt liegen sie in Müllcontainern: auch eine Art Grab oder Friedhof. In »Sepulchre« (Grabstätte) emuliert das Orchester defekte Elektrogeräte auf verschiedene Weise. Sinuswellen, Zischen und Rauschen werden vom Orchester simuliert, indem es, zusätzlich zu seinen instrumentalen Parts, pfeifende und zischende Geräusche hervorbringt; häufig

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»vokalisiert« das Orchester entlang der Instrumentalstimmen, ähnlich wie der Hintergrund-Gesang auf einer Kassette oder LP; manchmal verwendet es Glissandi, um das Leiern abgenutzter Vinylplatten oder Audiokassetten zu simulieren. Stellenweise ist das Orchester in »metaphorische turntables« unterteilt, die jeweils in sich abgeschlossene, sich überlagernde Grooves bilden. In einem Abschnitt des Werkes wird das Orchester zu zwei »turntables«, die mit

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unterschiedlichen Geschwindigkeiten laufen. Das Orchester simuliert eine DJ-Technik, die als »Plattenjonglage« bekannt ist, bei der der DJ zwei identische Ausschnitte »jongliert«. Auf einem der Plattenspieler wird die Tonhöhe dabei um einen Ton oder Halbton erhöht oder erniedrigt. Natur und Technologie scheinen auf ähnliche Weise vergänglich zu sein. Die analogen Relikte

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der Moderne könnten sich für zukünftige Generationen noch als kostbar erweisen - wenn der digitalen Welt der Stecker gezogen wird.« (Nicole Lizée)
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Gordon Kampe »Remember Me«

Gordon Kampe »Remember Me«

Gordon Kampe - Remember me

»Remember me, remember me, but ah! forget my fate. Maikäfer flieg. Wer ist die Frau mit dem Aal? Wen hat die Dame auf dem Foto so lange nicht gesehen und was haben die (war es eine Familie?) Menschen auf dem Grammophon gehört? – Ich sammelte mit meiner Frau auf Flohmärkten über tausend solch teilweise sehr private Fotos.

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Ich kombinierte und inszenierte die Fotos mit Liedern und Geschichten, die mir der Männerchor »MGV Deutsche Eiche Hammertal 1880 e.V.« vorgesungen hatte und mit Liedern aus meinem Archiv, das ich über die Jahre als Organist einer Kirchengemeinde angelegt hatte. Mit einigen Chordamen aus jener Gemeinde vereinbarte ich einen »Deal«: Gelegentlich erzählte ich in einer Plauderstunde etwas über Musik (...). Mein Honorar bestand

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neben einem Stück Kuchen aus der Möglichkeit, ein paar Lieder oder Geschichten aufnehmen und verwenden zu dürfen. Oft war der Schlager die zentrale Gattung, die den Damen einfiel (...). Die Beschäftigung mit Erinnerung, Vergessen und insbesondere Stimmbändern, auf denen sich Geschichte ablagert und die für mich so etwas wie Erinnerungsorte bedeuten, lässt mich seitdem nicht mehr recht los. Es ist ein mehrteiliger Zyklus daraus geworden.« (Gordon Kampe)

Audio

  • Blümelein
    0:10
  • O Sole Mio
    0:41
  • Chor
    0:26
  • Laurentia
    2:04
  • Maikäfer flieg
    0:03
  • Caprifischer
    0:33
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Mark Andre »rwh 1«

Mark Andre »rwh 1«

Marc Andre - rwh 1

»Das Verschwinden als kompositorische und potentielle eschatologische Spur ist von zentraler Bedeutung in meiner Musik. Kompositorische und transzendentale Erlebnisse sowie Zwischenräume lassen sich duch das Beobachten und das Zur-Beobachtung-Stellen von Musik vor dem Verschwinden, während des Verschwindens und nach dem Verschwinden erfahren. Der kompositorische Zwischenraum ist der Ort des fragilsten musikalischen Verschwindens.

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Das Verschwinden gehört zugleich sehr wahrscheinlich zu den zentralen Kategorien des Evangeliums. Die berühmten Episoden nach der Auferstehung Jesu (...) und des Abendmahls (...) deuten in darauf berührend und in besonderer Weise hin. Diese Situationen des Verschwindens hinterlassen uns zugleich eine besondere, andere, intensive Art von Präsenz des Verschwundenen.

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rwh 1 bezieht sich auf das aramäische Wortfeld »Atem, Luft, Geist, Hauch, Seele«. Jesus von Nazareth artikuliert es während der »Abschiedsreden« (Joh 14, 16-17; 16, 13-16). Der Werktitel bezieht sich direkt auf das erwähnte aramäische Wortfeld, der christlichen Überlieferung nach auf den Heiligen Geist.
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