unser blog zum konzert

 

Unser resolab bietet Euch die Möglichkeit, sich vorab und im Nachhinein mit dem Resonanzenkonzert »disappearances« am 12., 13. und 14. April im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auseinanderzusetzen und tiefer in das Konzertthema einzusteigen.

 

Am 22. März wird das Programm im Rahmen des Festivals MaerzMusik in der Berliner Philharmonie uraufgeführt.

 

»Willst Du dies noch einmal und noch unzählige Male?« fragt Nietzsche. Die Resonanzen-Saison 17/18 sucht das Neue und findet das Immerdagewesene. Uralte Atome, unvorhersehbar in ihrer ewigen Wiederkehr.

resonanzen vier: disappearances

 

»Ich möchte ihnen ein Gesicht geben, nicht nur den ertrunkenen Körpern an Europas Küsten, sondern auch den Lebenden, die ohne Identität, nicht länger als lebend erkennbar, durch Europa wandern.« Ein neues Werk von Georges Aperghis über die Verschollenen unserer Zeit.

 

Mit:

 

Agata Zubel, Sopran

Christina Daletska, Mezzosopran

Emilio Pomàrico, Dirigent

Ensemble Resonanz

programm

 

Leoš Janaček / Johannes Schollhorn

Zápisník zmizelého / Tagebuch eines Verschollenen (1917 – 1919)

für zwei Frauenstimmen, Klavier, Harfe, drei Schlagzeuger und Streicher
orchestriert von Johannes Schöllhorn (2017)

 

Georges Aperghis

Migrants

für zwei Frauenstimmen, Klavier, drei Schlagzeuger und Streicher (2017 / 18)
Texte aus Joseph Conrads »Herz der Finsternis« (1899)

 

 

»Wir haben unsere Heime verloren, was bedeutet: Die Vertrautheit des Alltags. Wir haben unsere Beschäftigung verloren, was bedeutet: Das Vertrauen, dass wir zu etwas nützlich sind in dieser Welt. Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. [...] Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind.«

 

Hannah Arendt, »We Are Refugees«, 1943

pressestimmen

 

»Eindrucksvoll, technisch hochstehend die 80-minütige Wiedergabe der beiden attacca gespielten Werke. Keine Sekunde erlahmte im gut gefüllten Saal die Aufmerksamkeit. Das Publikum dankte voll Bewunderung den Interpreten wie den beiden anwesenden Komponisten. Die »MaerzMusik« mit einem zeitnahen, hochwichtigen Abend. Alle Achtung, und vor allem: Weiter so.«

 

Neues Deutschland am 24.3.2018 über das Konzert bei MaerzMusik.

 

zum Artikel

 

 

»Das Ensemble Resonanz unter den vitalistisch schwingenden Armen Emilio Pomàricos schleudert all die Donner- und Splitterklänge mit präziser Gewalt heraus. Da gilt doch wohl, wie überhaupt in der Ästhetik der radikalen Moderne, Rilkes Erleuchtung von 1912, wonach das Schöne nichts sei »als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen«.«

 

Süddeutsche Zeitung am 26.3.2018

 

zum artikel

bunkersalon mit ilija trojanow

Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken
Jann Wilken

grenzstimmen – offbeat disappearances

Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Kevin McElvaney
Georges Aperghis

über das verschwinden mit georges aperghis

Georges Aperghis im Interview mit Elisa Erkelenz 
 
 
 

Dein neues Werk »Migrants« widmet sich dem Verschwinden. Ein altes Thema der Menschheitsgeschichte und doch beziehst Du es auf die Verschollenen unserer Zeit. »Ich möchte ihnen ein Gesicht geben, nicht nur den ertrunkenen Körpern an Europas Küsten, sondern auch den Lebenden, die ohne Identität, nicht länger als lebend erkennbar, durch Europa wandern.«

 

Das ist es, was sich Tag für Tag vor unseren Augen abspielt. Medial ist das Thema vom Radar verschwunden, es ist in gewisser Weise »out«. Die Wahrheit ist: Es sterben Tag für Tag Menschen vor unseren Küsten, vor unseren Augen. Und noch viel mehr gehen auf andere Weise verschollen. Verlieren ihre Identität.

 

Mir geht es nicht darum, zu sagen, was zu tun ist. Vielleicht ist es noch viel näher bei mir: Wie kommt man klar, mit all den Bildern, all den Geschichten, all den abstrakten Zahlen?

 

Indem Du komponierst?

 

Es ermöglicht mir, das Reale zu transformieren.

 

Für das Libretto hast Du auch keineswegs aktuelle Stimmen ausgewählt, sondern einen Text aus dem Jahre 1899: Herz der Finsternis von Joseph Conrad.

 

Ich habe in der Vorbereitung unendlich viele Essays und Reportagen gelesen, vieles in mich aufgesogen. Ich habe aber sehr bewusst nicht mit Berichten von Geflüchteten gearbeitet, sondern versucht, das Thema auf eine universellere Ebene zu heben. »Heart of Darkness« ist ein solcher Text. Es ist der Stoff, der auch Coppolas »Acopalypse Now« zugrunde liegt. Nur das »Herz der Finsternis« in Afrika spielt und »Acopalypse Now« im Vietnam und in meinem Stück ist das Ganze nicht mehr an Orte gebunden.

 

Weil es universell ist?

 

Ja, ich habe versucht, es auf einer abstrakteren Ebene zu behandeln. Das geht für mich bis zur griechischen Tragödie zurück. Die Philoktetes-Sage von Sophokles zum Beispiel begleitet mich dabei auch. Die handelt von Jemandem, der verletzt ist. Und der Frage, wie man damit umgeht: Lässt man den Verletzten zurück? Oder bleiben alle, um zu sterben? Wenn ich von dem Verschwinden spreche, meine ich das auf verschiedenen Ebenen. Es gibt Camps in Europa, bei denen die Leute nicht wissen, wann sie sie jemals verlassen werden. Es gibt diesen Verlust der Identität, einen schleichenden Verlust des Selbst, der Gedanken…

 

»Verschollen« ist interessanterweise ein altes Partizip von »Verschallen«… Wie gehst Du musikalisch damit um, geht das überhaupt, das, was um uns herum passiert, in Musik zu übersetzen? Läuft das nicht Gefahr, zum Soundtrack zu werden?

 

Die Musik ist komplett abstrakt. Und darf auch gar nichts anderes sein. Ich unterstreiche nichts, weder psychologisch noch dramatisch. Der Text funktioniert mehr wie ein Untertitel zum Stück.

 

Viele Deiner Werke sind theatral, überhaupt hast Du viele Schnittmengen zu anderen Kunstsparten, von der Malerei zum zeitgenössischen Theater. Hilft Dir das ein solches Werk zu denken?

 

Für das Stück hat mir die Theatererfahrung sehr direkt geholfen, obwohl es ja gar kein szenisches Stück ist. Aber die Herausforderung, nicht zu sentimental zu werden, den Schmerz nicht zu unterstreichen, das war mir sehr wichtig. Ich kann mich dem Thema nur mit größter Demut nähern. Es ist schwierig, Geschichten zu erzählen, die gerade passieren. Ich will das weder unmittelbar übersetzen, noch etwas Schönes machen aus dem Leid anderer.

 

Dein Stück ist im Konzert verschränkt mit einer neuen Fassung von Leoš Janáčeks »Tagebuch eines Verschollenen«.

 

Ja - ich habe »Migrants« in drei Schritten komponiert, jeweils als Interludien zu Janáčeks Werk.

Ich liebe Janáčeks Musik. Sie klingt auf eine Art sehr einfach und unmittelbar. Er versteckt sich nicht, sondern sagt, was er will. Er hat keinerlei Angst, nackt zu sein! Die Integration der volksmusikalischen Elemente löst er auf sehr echte Art und Weise, es ist nicht stilisiert, ähnlich wie bei Bartók.

 

Du hast ebenfalls für das iranische Instrument »Zarb« Stücke geschrieben und interessierst Dich für nichteuropäische Musiktraditionen

 

Ja, Zarb ist ein irres Instrument. Das vereint einen gesamten Percussionsapparat in einem Instrument! Es gibt so unfassbar reiche Musiktraditionen, mit denen wir uns viel zu wenig auskennen. Auch da sind die bildende Kunst und das Theater schon irgendwie weiter. Manchmal habe ich das Gefühl, das hängt mit einer Nähe zum Körper zusammen. Es gibt so einen Entkörperlichungs-Kult in der Neuen Musik. Dabei hängen Entkörperlichung und Abstraktion gar nicht unbedingt zusammen. Das ist ein bisschen wie in der Fotografie. Die Möglichkeit abstrakt zu bleiben, verschwommen - und dann zu fokussieren, zum Beispiel auf einzelne Phoneme der Stimme, die plötzlich sehr konkret werden.

 

Ist diese Verbindung von Körper und Klang auch ein Grund dafür, dass Du, wie zum Beispiel in den Récitations, für Stimme solo komponierst? Und überhaupt auch für kleinere, intime Besetzungen?

 

Absolut. Stimme, Atem, das ist der Ursprung. Silben als Verbindung zwischen Noten und Tönen. Bei den Récitations ist das der Quell, das Werk entwickelt sich nicht aus dem Gesang, der Melodie, sondern aus den Silben. Es ist ganz pur, ganz einfach auf seine Art. Wichtig ist mir auch dabei, dem Stück kein Theater hinzuzufügen. Das wird leider oft getan, das habe ich auch nicht unter Kontrolle. Aber eine solche Narration macht das Stück kaputt.

 

Kennst Du den Fragebogen von Max Frisch? Ich würde Dir gerne - auf Wunsch unserer Konzertmeisterin Juditha Haeberlin - ein paar Fragen daraus stellen, zum Thema Heimat. Die erste Frage lautet: Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: befällt Sie dann Heimweh oder gerade nicht?

 

(lacht) Das ist kompliziert, aber eine Sache fällt mir ein. Ich spreche zum Beispiel kaum Griechisch mehr, eigentlich nur noch Französisch. Ich wohne ja schon seit den 60ern in Paris. Aber einmal hat mir meine Mutter ein Buch geschenkt aus einer Athener Buchhandlung. Das war eingebunden in dieses Papier, mit der Straße drauf… Das hat mich gefreut. Das war so ein Madeleine-Moment. Das war nett!

 

Warum bist Du eigentlich ausgewandert?

 

Ich weiß es gar nicht. Es ist seltsam, dass ich das gemacht habe, wenn ich mir überlege, wie ich so bin. Woher ich die Kraft genommen habe, aufzubrechen. Natürlich gibt es verschiedene Gründe, aber ich weiß nicht genau welche. Vielleicht werde ich es nie wissen?

Jetzt ist Griechenland ein Land, das meiner Kindheit angehört. Ich habe dort nie gearbeitet, keine Familie und keine Freunde mehr. Ich fahre für Konzerte hin, aber das ist es auch. Es ist nicht sehr angenehm für mich. Ein Phantom-Land.

 

Mit Xenakis, der ebenfalls in Paris seine neue Heimat fand, warst Du befreundet.

 

Wir waren sehr, sehr eng. Ich habe viel von ihm gelernt. Aber auch hier: Er hat eine ganz andere Migrationsgeschichte als ich. Er musste Griechenland verlassen, aus politischen Gründen, direkt nach dem Bürgerkrieg. Ich bin 1945 geboren, also danach. Ich bin gegangen, weil ich wollte. Ich war überhaupt kein Flüchtling.

 

Eine Frage noch aus dem Fragebogen: Kann Ideologie Heimat werden?

 

Das ist mir alles ziemlich egal, deshalb habe ich zum Beispiel auch nie die Staatsangehörigkeit gewechselt. Flaggen, Nationalitäten; das könnte mich nicht weniger interessieren. Ich habe auch mit diesem Heimats-Begriff so meine Schwierigkeiten natürlich. Die Musik ist meine eigentliche Heimat. Da, wo ich mich auskenne. Manche Gedanken und Ideen kommen dazu. Das gibt mir Sicherheit.

»ein Gesicht geben«

ein Text von Johannes Schöllhorn – entstanden für den Blog der Berliner Festspiele anlässlich der Uraufführung von »Migrants« bei MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2018, beauftragt von den Berliner Festspielen.

 

»(...) nicht nur den ertrunkenen Körpern ein Gesicht geben, die an Europas Küsten angespült werden, sondern auch der großen Zahl der Lebenden, die ohne Identität durch Europa irren, ohne offiziell als lebendig anerkannt zu werden«
(Georges Aperghis)

 

1917 & 2017

 

Das Konzert »Migrants« verbindet das neue dreisätzige Stück »Migrants« von Georges Aperghis mit einer neuen Orchestration von Leoš Janáčeks »Tagebuch eines Verschollenen«. In beiden Stücken wird das Verschwinden von Menschen thematisiert: einerseits in Georges Aperghis’ Stück das Schicksal lebender und toter Migranten heute, vermittelt durch Texte aus Joseph Conrads »Herz der Finsternis«, andererseits die Geschichte Janeks in Janáčeks Stück, der seine bäuerliche Welt verlässt, um in eine nomadischen Existenz einzutreten und für die bisherige Welt verschwindet. Es mag scheinen, dass beide Stücke und die darin beschriebenen Welten weit voneinander entfernt wären, aber wir sollten nicht vergessen, dass Janáčeks Stück in der Endzeit des ersten Weltkriegs (1917–1919) entsteht, in dieser Zeit enorm viele Menschen in Tschechien selbst zu Migranten (vor allem in die USA) wurden und Janáček als ausgesprochen politischer Komponist sicher nicht so naiv war in den erfundenen Gedichten, die er in einer Tageszeitung entdeckte und aufgriff, nur eine romantische Liebesgeschichte zu sehen. Nichts in seinem Werk deutet auf letzteres hin und so kann das »Tagebuch« als Symbol dafür gelesen werden, dass Menschen aus ihrer bisherigen Lebensweise herausgerissen werden, die bäuerliche Welt meist aus Armut verlassen und einen neuen Weg suchen müssen. Das »Zigeunerleben« erscheint dabei als Behelfs-Metapher, da ein Begriff für die neue nomadische Lebensweise, die bislang unbekannt war, noch fehlte. Janáček schildert die Gesamtsituation mit voller Härte und ganz chronologisch (es ist ein echtes Tagebuch) vornehmlich aus der Sicht Jankes. Diese Komposition ist daher meiner Ansicht nach gerade keine Oper (der Opernkomponist Janáček hätte sicher eine Oper komponiert, wenn es eine hätte werden sollen), sondern beschreibt von Lied zu Lied den Seelenzustand Janeks, seine Angst und Zweifel, die Verwandlung und durchaus auch die erwachsende Lust auf die neue Welt. Das Klavier ist dabei in jeder Hinsicht extrem, düster-karge Farben wechseln mit schlimmer Süße, alles ist schroff und zerrissen. Ein großer Irrtum vieler Rezeptionen des Stücks bisher ist meines Erachtens, dass man Liebe und ihren Schmerz automatisch mit Romantik verband und damit dem Stück eine alte Welt überstülpte, in die es einfach nicht mehr gehört. Auch in völlig unromantischen, industrialisierten Zeiten gibt es Liebesschmerz, aber er äußert sich nicht sentimental, gefühlig oder idealisierend, sondern unmittelbar hart und körperlich.

 

Instrumente und ihre Klangsymbolik

 

Die Besetzung von »Migrants« und der neuen Orchestration von Janáčeks »Tagebuch« sind nahezu identisch und basieren auf dem Orchester von Béla Bartóks »Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta« aus dem Jahr 1936. Diese Besetzung hat vermutlich früher schon Helmut Lachenmann bei der Komposition von »Klangschatten - mein Saitenspiel« fasziniert.
Bei »Migrants« entfallen gegenüber Bartók die Harfe und die Celesta und das Schlagzeug ist nur auf wenige Geophone (Metalltrommeln mit Steinen in ihrem Korpus) beschränkt. Die Geophone erzeugen, wenn man sie kreisend bewegt, einen ähnlichen Klang wie die Brandung an steinigen Stränden und symbolisieren (und klingen wie) das Meer, über das Tausende aus Afrika kommend, fliehen. Es ist, als würde das Meer sprechen. Bei der Orchestration des »Tagebuchs« entfällt ebenfalls die Celesta. Das Schlagzeuggruppe ist gegenüber der Besetzung Bartóks etwas verändert, sie besteht aus einem Marimbaphon, Pauken, 5 Holztrommeln in verschiedenen Größen, 3 verschieden großen Trommeln, 2 Becken und einem Tamtam. Nur Pauke und Marimba sind Tonhöheninstrumente, die übrigen sind tonlos und vor allem die Holztrommeln, aber auch die Becken und das Tamtam haben oft einen sehr harten Klang. Die Streicherbesetzung ist in beiden Stücken gleich, fünf erste und fünf zweite Violinen, vier Bratschen, drei Celli und zwei Kontrabässe.
Die Orchestration von »Migrants« ist extrem reduziert und basiert wesentlich auf den Streichern, Klavier und Schlagzeug werden nur an wenigen ausgewählten Stellen eingesetzt. In der neuen Version des »Tagebuchs« werden dagegen, da jedes Lied einen anderen Charakter, eine andere Farbe umschreibt, alle Instrumente als ein ständig variierender Klangkörper benützt.

 

Stimmwechsel

 

In beiden Werken gibt es zwei Solostimmen, einen Sopran und einen Mezzosopran, die Tenorstimme des »Tagebuchs« wird hier durch einen Sopran ersetzt. Der in Janáčeks Original erscheinende Frauenchor wird schließlich von den beiden Solistinnen zusammen mit wechselnden Instrumenten übernommen. Der Stimmwechsel ist nicht nur eine Angleichung an Georges Aperghis’ Besetzung, sondern mit Bedacht die vielleicht wichtigste Veränderung in der Besetzung des »Tagebuchs«. Obwohl das Werk auch früher schon vielfach von Sopranistinnen gesungen wurde, wurde der Wechsel bewusst vorgenommen, um den Fokus weg von der direkten Liebesgeschichte auf die politisch-soziale Seite zu legen. Wenn ein Mann und eine Frau singen, dann ist es leichter das Stück im Sinn des privaten Gefühls zu interpretieren. Wird es von zwei Frauen gesungen, dann ist es viel eher im öffentlichen Raum und das Gewicht liegt auf den Umständen, die zur gesamten Geschichte führen. Und gerne gebe ich zu - ich denke, dass es in der neuen Orchestration mit zwei Frauenstimmen einfach besser klingt.

 

Klavier und Schlaginstrumente

 

Bartóks Ausgangsbesetzung ist in mehrfacher Hinsicht besonders. Sie räumt einerseits insbesondere dem Klavier eine Sonderrolle ein, so dass es wechselweise als Orchester-, Kammermusik- und Soloinstrument betrachtet werden kann. Andererseits ist das Streichorchester mit seinen vielen Saiten selbst ein »großes Klavier« oder eine »große Harfe« und das Klavier ist wiederum durch Harfe, Celesta und Xylophon zu einem »Überklavier« erweitert. Für die Neuinstrumentierung des »Tagebuchs« ist wichtig, dass das Klavier im Orchester erhalten bleibt, es also sowohl auf das Original verweisen, als auch das Original transformieren, sowie ebenfalls ein ganz selbstverständlicher, und oft auch ganz anders als im Original, färbender Bestandteil des Gesamtorchesterklangs werden kann.
Janáčeks Klaviersatz ist in jeder Hinsicht sehr extrem, er benützt fern liegende Lagen, schwarze und schrille Timbres und die Artikulation ist oft hart und unmelodisch. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich das Klavier bekanntlich auch zu einem Schlagzeuginstrument gewandelt, insbesondere in Werken von Strawinsky und Bartók, und dies ist auch in der Klaviermusik Janáčeks und vor allem auch im »Tagebuch« spürbar.
Die Besetzung der neuen Version greift diesen Aspekt auf, ergänzt ihn durch echtes Schlagzeug und an vielen Stellen werden die Streicher auch eher als Schlag- denn als Streichinstrumente eingesetzt. Auch das ist bei Bartók – verwiesen sei auf das bei ihm oft verwendete col legno battuto und das nach ihm benannte pizzicato – angelegt. Diese Art der Behandlung der Streicher ist auch in vielen Werken Janáčeks zu finden, unter anderem sei hier auf die Streichquartette verwiesen. Ein großer Vorteil des Streichorchesters ist obendrein, dass es sowohl als Tutti als auch aufgefächert und vereinzelt solistisch eingesetzt werden kann.
Insgesamt setzt die neue Orchestration die im Klaviersatz angelegten Tendenzen fort und verstärkt sie. Dadurch entsteht eine Bandbreite des Klangs, die von sehr weichen zu sehr harten Klängen reicht und ebenfalls von sehr Streicher betonten zu sehr perkussiven Farben. Das Geräuschhafte, das in Janáčeks Vorlage sehr wichtig ist, wird dadurch im Orchesterklang bewahrt und differenziert.
Ein weiterer Aspekt betrifft den Tonfall, den die Besetzung nahelegt, denn die Streicher und das Klavier (als Nachfolger des Cymbalons) können sich bestens in den »Zigeunerklang«, der bei Janáček oft im Stück anklingt, einfügen. Ähnliches hatte schon sehr deutlich Maurice Ravel gespürt als er seinen »Tzigane« in der ursprünglichen Version für Violine und Luthéal, ein Klavier mit einem Einsatz, das den Klang des Instruments wie ein Cymbalon klingen lässt, komponierte

 

Was fehlt

 

Es ist wichtig zu bemerken, was in Bartóks und damit in der Besetzung der »Migrants« und des »Tagebuchs« nicht vorkommt, es gibt keine Bläser. Hier setzt sich die neue Orchestration von früheren Versionen deutlich ab, denn sie versucht, obwohl sie instrumentiert, (nur scheinbar paradox) den Klavierklang zu »bewahren«, und keinen symphonisch-harmonisierenden und auf die Vergangenheit vor Janáček verweisenden Schönklang zu erstellen. Das volle Orchester verführt dazu die Modernität Janáčeks zu schwächen und in rundenden Orchesterfarben verschwinden zu lassen.
Das »Tagebuch« ist dagegen eine ungemein kräftige und differenzierte Musik, aber sie ist nicht grundsätzlich »schön« in romantischen Begriffen und schon gar nicht beschönigend oder weichzeichnend. Mit Bedacht und Vorsatz ist Janáčeks Musik einseitig, schroff und exzentrisch. Und es darf erwähnt werden, dass das Stück sich, wenn man es annimmt, sehr sperrig verhält und die Sperrigkeit gerade erhalten werden musste.

 

Original und Bearbeitung

 

Die neue Orchestration des »Tagebuchs« schlägt eine Brücke zum Original und gleichzeitig zu Aperghis’ Musik, einer kargen Nicht-Musik, die – für Aperghis ungewöhnlich – in einem äußerst sparsamen und quasi »gebannten« Satz erscheint; eine Musik im Schockzustand, aus der das Entsetzen über das, was täglich z.B. im Mittelmeer geschieht, spricht.

Im Original des »Tagebuchs« und unverändert in der neuen Orchestration sind die Stimmen, der Gesang ganz durch die Sprache und durch ihren Rhythmus, Duktus und Tonfall geleitet. Sie erscheinen oft fast nur rezitativisch, tendieren stark zum reinen Sprechen und zum Sprechgesang und es zeigt sich ein starker innerer Konflikt zwischen den sprechenden und den gesungenen Partien.
Diese ständige innere Zerrissenheit wird ausdrücklich in einem »Tagebuch«, nicht in einer handelnden Oper ausgetragen. Normalerweise ist ein Tagebuch privat, aber hier, in diesen Gedichten erscheint es in einer Zeitung – und das Private gibt es plötzlich auf fatale Weise nicht mehr. Janáček hat keinen Lyrikband geöffnet, sondern eine Zeitung. Und die Zeitung ist das Tagebuch der Allgemeinheit (sagt C. Schmitt), nicht erst seit Facebook. Auch dies ist ein politisch-gesellschaftlicher Aspekt, der in der allgemeinen Rezeption des Janáčekschen Stücks kaum oder nicht vorkommt.
Ich denke das »Tagebuch« ist, entgegen vieler Versuche, keine verkappte Oper. Es braucht die karge und un-szenische Darstellung, denn das Drama ist in unserem Kopf, nicht auf der Bühne. Und, um dies nochmals zu wiederholen – wenn Janáček eine Oper hätte komponieren wollen, dann hätte er das gemacht. Die grundsätzliche Kargheit (die nichts damit zu tun hat, dass herzzerreißende Melodien im Stück erscheinen) ist, bei aller Farbigkeit der neuen Orchestration, bewahrt, denn das Stück wird konzertant präsentiert und die Härten (auch in der Schönheit) und die Kontraste werden durch den besonderen größeren Apparat eher forciert als gemildert.

 

Kritische Musik

 

Es ist unbestreitbar, dass wir uns heute, aus verschiedensten Gründen, aufgrund ökonomischer, ökologischer, nationalistischer, rassistischer, religiöser und kriegerischer Ursachen (und allen fatalen Kombinationen derselben) in einer neuen Völker- oder Menschenwanderungszeit befinden. Der Kampf um Ressourcen und oft genug um das nackte Überleben zwingt Menschen aus unterschiedlichsten Richtungen ihre Heimat zu verlassen und im Irgendwo ihr Glück oder wenigstens eine bessere Chance zu suchen. Das hat fatale, verheerende und oftmals vernichtende Folgen. Diese Entwicklung hat nicht erst vor einigen Jahren eingesetzt, sondern ist schon seit Langem spürbar – in der Zeit der Industrialisierung waren zum Beispiel schon mehrere (Aus)Wanderungsschübe zu beobachten. Die Weltkriege taten ihr Übriges dazu. Insbesondere für die bäuerlich sesshafte Bevölkerung war der Zwang zu Auswanderung eine Katstrophe, da sie am wenigsten darauf vorbereitet war. Genau diese Ausgangslage beschreibt das Tagebuch. Die oft abgelehnten Sinti und Roma, die schon immer übers Land zogen, mussten dabei den verarmten und verängstigten Bauern besonders suspekt erscheinen, denn sie beherrschten auf ihre alte nomadische Weise schon die neue, den Bauern bevorstehende und von ihnen erahnte und gefürchtete Lebensweise. Das führte dazu die Sinti und Roma umso mehr abzulehnen, aber bei vielen Menschen auch zu einer inneren Katastrophe oder wie bei Janek zuerst zu einer völligen inneren Zerrissenheit mit letztendlicher Flucht nach vorn. Diese Situation ist der Kern von Janáčeks »Tagebuch« – entgegen alle bürgerlich-beschönigenden und verharmlosenden Interpretationsversuche.

 

So ist das »Tagebuch« ein ausgesprochen politisches und kritisches Stück, das schon früh die Thematik, die zusammengefasst unter dem Begriff »Migration« unsere Zeit beherrscht, thematisierte. Die heutigen Wanderungsbewegungen kommen nicht einfach aus dem Nichts, sondern haben ihre Ursachen in jahrhundertelangem Kolonialismus, wie er bei Joseph Conrad beschrieben wird, und in den vernichtenden Folgen der Industrialisierung, die eben nicht nur dort, wo es Industrie gab und gibt, sondern auch fernab auf dem Land zu spüren sind. Diese Modernität Janáčeks verbindet ihn direkt mit Aperghis, der selbst das Schicksal der Emigration, wie Bartók ebenfalls, erlebt hat. Janek bei Janáček und die heutigen Migranten scheinen vielleicht weit voneinander entfernt zu sein, aber es ist darauf hinzuweisen, dass es nicht nur Millionen von Menschen gibt, die sich gezwungenermaßen auf die Wanderschaft (unter anderem) nach Europa machen, sondern nach wie vor ebenfalls viele Sinti und Roma und Nomaden, sowie unzählige Wander- und Gastarbeiter die in ihren und anderen Ländern umherziehen, um irgendwie ein Auskommen zu finden, und auch zahllose Landbewohner, die in die immer mehr wachsenden Megastädte (seit rund 10 Jahren leben auf der Erde mehr Menschen in Mega-Cities als auf dem Land) ziehen und dort in oft fürchterlichen Slums, Suburbs und Banlieus dahinvegetieren und verschwinden. Wer je solche »areas« mit auf Schlamm erbauten »temporary houses« aus Wellblech, Pappe, Kartons, Plastik und Stofffetzen ohne jegliche Wasser- oder Stromversorgung, die jederzeit von Bulldozern plattgemacht werden können, um dann wieder ebenso provisorisch errichtet zu werden, gesehen hat, weiß was gemeint ist. Es gibt nicht nur eine, sondern unzählige Arten der Migration. Auf die ein oder andere Weise sind wir davon alle betroffen und wenn wir dies ignorieren, dann denken wir womöglich immer noch, dass die alten kolonialen, kapitalistischen und imperialen Muster weiterhin greifen könnten oder gar richtig seinen. Es gibt bekanntlich, wie Adorno sagt, kein richtiges Leben im falschen, und natürlich können wir unserer Welt (auch der der besser Situierten) nicht einfach entrinnen. Aber dies bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass alles gut und das Abschotten des eigenen Gebiets eine Lösung wäre.

 

Musik kann zwar nur als Symbol für die reale Katastrophe stehen. Aber als Symbol kann sie versuchen etwas zu zeigen, Hoffnung zu geben und im besten Fall zu trösten. Und sie kann wenigstens versuchen den Opfern »ein Gesicht zu geben«.

 

Johannes Schöllhorn 2018

 

grenzstimmen – offbeat disappearances

in Kooperation mit Thalia Theater & SOS MEDITERRANEE

 

Di 3. April 2018, 19:30 Uhr

resonanzraum St. Pauli

Tickets

 

Das von der europäischen Organisation SOS MEDITERRANEE betriebene Rettungsschiff Aquarius ist seit Einsatzbeginn im Februar 2016 mehr als 27.000 Menschen zu Hilfe gekommen. Der permanente Ausnahmezustand nach einer Rettung verwandelt das Schiff in einen intensiven Ort der Begegnung.
 
»Mir war die Situation der Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen, bewusst und ich hatte viele Fotos gesehen; aber all das war nichts im Vergleich, es mit eigenen Augen zu sehen.«
 
Zeugnisse der Geflüchteten und essayistische Beschreibungen der Besatzungsmitglieder bilden die Grundlage der Lesung. Sie ist eine Einladung zur Auseinandersetzung mit den individuellen Schicksalen einer anonymisierten und als Bedrohung stilisierten »Masse von Flüchtlingen« und deren Seenotrettern.
Begleitet werden sie von einem musikalischen Soundscape, das aus dokumentarischen Aufnahmen vom Rettungsschiff aus Funkverkehr, Geräuschen von Wind & Wellen und der Rettung selbst produziert wird.

 

Regie: Jessica Glause
Musik: Andi Otto
Es lesen Marina Wandruszka & Oliver Mallison vom Thalia Theater

 

 

 

 

Für die Lesung »grenzstimmen« - offbeat: disappearances hat Andi Otto einen eigenen Klangraum erschaffen – aus dokumentarischen Aufnahmen vom Rettungsschiff Aquarius und eigenen Sounds.

 

Hier ein kleiner Vorgeschmack.

»Der Flüchtling ist meist ein Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl, ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma.
Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding bleiben. Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort. Ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch.«
 
Ilija Trojanow, »Nach der Flucht«, 2017

bunkersalon: disappearances – mit ilija trojanow

 

Mi 4. April, 19:30 Uhr

resonanzraum St. Pauli

tickets

 

»Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei.« In »Nach der Flucht« erzählt Ilija Trojanow vom Ankommensprozess als Häutung, vom Fremdbleiben - und von der Unmöglichkeit zurückzukehren: »Heimat ist das, was in einem nicht sterben kann. Eine Illusion, die auch dann nicht verschwindet, wenn man nicht mehr an sie glaubt.« Im Bunkersalon liest er aus seinem neuen Roman, versetzt mit Musik, die Tim-Erik Winzer vom Mischpult über das Verschallen von Identität freigibt. 

 

Musikalische Lesung mit Ilija Trojanow mit anschließendem Gespräch.