tom glöckner

Tom Glöckner wurde 1965 in Mannheim geboren, absolvierte sein Violinstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst »Mozarteum« in Salzburg bei Jürgen Geise. Er nahm aktiv an Meisterkursen von Denes Zsigmondy, Lynn Blakeslee, Nikolaus Harnoncourt und dem Hagen-Quartett teil. Nach langjähriger Mitgliedschaft in der Jungen Deutschen Philharmonie ist er Gründungsmitglied des Ensemble Resonanz.

Tom Glöckner © Jonas Lindstroem
Tom Glöckner © Jonas Lindstroem

Den Vögeln lauschen mit Tom Glöckner

Anfang der 90er Jahre warst du gleichzeitig Gründungsmitglied des Ensemble Resonanz und als Bewohner einer aufgegebenen Fabrik-Etage in Berlin Mitte Teil der angesagten Techno-Club-Szene – wie passt das zusammen?

 

Die zwei Fabrik-Etagen waren das Ergebnis einer Wohnungssuche mit meinem Kindergartenfreund Stefan Haas. Der hat damals in Saarbrücken studiert, ich in Salzburg, und ich musste da raus, das war mir alles viel zu eng, zu klein und zu brrr.  Da haben wir beschlossen zusammen nach Berlin zu gehen. Ein Raum hatte 120 Quadratmeter, nicht so richtig gut bewohnbar, rattenkalt im Winter, einmal ist uns durch die Kälte die Kloschüssel geplatzt, aber wir haben uns dann Gasöfen von der Straße geholt und sie an das riesige Fabrik-Gas-Rohr angeschlossen, das da noch ohne Zähler durchlief. Das waren Umbruch-Zeiten, man konnte quasi machen was man wollte. Techno-Parties hatten wir schon früher in unserer Heimatstadt Mannheim gemacht, da gibt’s riesige Industrie-Panoramen am Rhein mit der BASF gegenüber in Ludwigshafen, und dort auf der höllisch stinkenden Friesenheimer Müll-Insel haben wir mit Strom-Aggregaten und Boxen Musik gemacht. In Berlin wiederum gab es unten im Haus schon einen Club, das heißt auch Laufpublikum im Treppenhaus. Und irgendwann haben wir einfach angefangen unsere Tür zur Wohnung offenstehen zu lassen, Stefan hat Musik aufgelegt, und unsere Bar haben wir aus einer Traktorhaube gebaut, die wir in einem Hinterhof abgeschraubt hatten und die unserem Club seinen Namen gab, Traktor. Und nach und nach kamen Leute rein und haben ihr Bier getrunken bei uns. Vorher haben wir natürlich schon die ganze Zeit die Szene in Berlin abgeklappert, wo es einen ständigen Wechsel an neuen und wieder verschwundenen Clubs gab. Am heftigsten war’s im Bunker, da hat man’s richtig am Herzen gespürt, eine krasse physische Erfahrung. Eigentlich ist Techno ja auch moderne minimal music, und die liebe ich eh.

 

Am Ende blieb aber das Ensemble Resonanz als Zentrum deines musikalischen Schaffens übrig.

 

Ja, das ist mein Zuhause. Mit der Programm-Arbeit habe ich ja auch eine besondere Rolle, die sehr gut zu mir passt. Ich mag sehr gerne anstoßen und entwickeln, das ist meine innere Antriebskraft.

 

Wie gehst du beim Entwickeln von Programmen vor?

 

Sehr assoziativ und persönlich. Ich habe irgendeinen Ausgangspunkt im Sinn, zum Beispiel einen bestimmten Raum oder ein Thema, und dann trage ich das mit mir herum, manchmal sehr lange, und mir kommen Ideen oder Fragen dazu, häufig auch durch etwas, das ich den Tag über sehe oder erlebe. Viele Dinge sind natürlich gesetzt, wir sind achtzehn Leute, wollen mit Solisten arbeiten, die bestimmte Vorlieben haben und so weiter. Aber sonst gehe ich meistens darüber, wozu ich selbst richtig Lust habe, und was uns noch an Stücken fehlt, die wir noch nicht gespielt haben. Wichtig ist, dass ein Programm Sinn macht, nur schöne Stücke aneinanderzureihen finde ich sinnlos. Gewonnen hat man, wenn man es schafft mit tollen Stücken eine interessante Geschichte zu erzählen.

 

Gibt es ein Thema, das dir besonders am Herzen liegt, für das du aber noch keine gute Aufführungsmöglichkeit gefunden hast?

 

Ja, ich beschäftige mich schon seit Jahren mit dem Polarlicht. Ich bin ja so ein Nord-Freak und finde das wahnsinnig beeindruckend. An Nordschweden ist noch interessant, dass es dort so einsam ist, die letzte Wildnis Europas sagt man. Da gibt es ein riesiges Naturschutzgebiet ohne Wege, man kann sich so durchschlängeln wie man möchte. Ich finde es ganz gesund, mal nur mit sich selbst auskommen zu müssen, das ist eine Sache, die ich mir immer wieder holen muss.

 

Die Natur ist also ein weiteres sehr wichtiges Element für dich.

 

Wenn ich nach Hause komme, bin ich von der Innenstadt eine halbe Stunde Fahrrad gefahren und gehe dann erst einmal in den Garten und hole tief Luft. Da fällt alles andere so schnell von einem ab, wenn man unter Druck sein sollte oder Stress hat. Und ich kann hier rumbuddeln, für mich ist es total wichtig, regelmäßig die Hände in der Erde zu haben und den Boden zu spüren, ohne Handschuhe. Was nur aus brauner Erde, Wasser, Licht und einem Samenkorn entstehen kann, finde ich überhaupt Wahnsinn. Ich lese auch gern die Spuren im Wald, wer war vor mir hier, hat was gefressen und warum überhaupt. Und sich mitten im Wald auf einen Moosboden zu legen, die Bäume aus der Perspektive anzugucken und die Vögel anzuhören, das ist einfach traumhaft.