swantje tessmann

Swantje Tessmann, Violine/Viola, ist 1969 in Hamburg geboren.

Ersten Violinunterricht erhält sie im Alter von sechs Jahren bei Prof. Michael Goldstein.

Sie studiert Violine in Hannover bei Prof. Christian Altenburger und Anne Röhrig (Barockvioline) und Bremen bei Prof. Thomas Klug. Entscheidende berufliche Impulse ergeben sich aus der Mitgliedschaft in der Jungen Deutschen Philharmonie: 1994 ist sie Gründungsmitglied und seither Stimmführerin der zweiten Violinen des Ensemble Resonanz. Ihre zweite große Leidenschaft als Geigerin und Bratschistin gilt dem Musiktheater, u.a. mit Heiner Goebbels und dem Ensemble Modern, Leo Dick (Bern) und der andreas bode company.

Swantje Tessmann hat drei Kinder und lebt in Hamburg.

Swantje Tessmann © Jonas Lindstroem
Swantje Tessmann © Jonas Lindstroem

Auf der Küchenbank mit Swantje Tessmann

Wenn sich das Ensemble Resonanz Musiktheater-Projekte vornimmt, fällt immer dein ganz besonderes Interesse daran auf. Woher kommt das?

Darstellende Kunst hat mich schon immer extrem fasziniert. Das ging so weit, dass ich mich während meines Studiums tatsächlich irgendwann für die Schauspielaufnahmeprüfung angemeldet habe. Da war ich schon mitten drin im Thema „Wer bin ich und was tue ich hier eigentlich?“. Ins Geigenstudium bin ich ja auch eher reingerutscht, ich hätte mit 18 die Geige fast an den Nagel gehängt und wurde zuerst von meiner jetzigen Nachbarin Renate Bruce abgehalten, bei deren Mann ich damals Kompositionsunterricht hatte und die selbst Geigenlehrerin ist. Die fand, bevor ich aufhöre, solle ich lieber einmal die Woche zu ihr zum Geigen kommen. Und dann habe ich im Hamburger Jugendorchester Juditha wiedergetroffen, die wollte in Hannover studieren und meinte ganz einfach, komm doch mit. Ich wollte eigentlich was Soziales machen, bin dann aber mit, habe vorgespielt und hatte den Studienplatz. Es lag aber keine explizite Entscheidung zugrunde, dass ich unbedingt Geigerin werden wollte, und es fühlte sich noch nicht richtig sinnerfüllt an. Hätte ich als Sechsjährige vor einem Sinfonieorchester sitzend freie Instrumentenwahl gehabt, hätte ich mich sowieso für Pauke entschieden. Stattdessen habe ich meine Jugend an der ersten Geige, oft als Konzertmeisterin und als Primaria im Streichtrio und Streichquartett verbracht. Erst mit der Gründung des Ensemble Resonanz habe ich gemerkt, dass ich viel lieber zweite Geige spiele,  Mittelstimme, in tieferen und dunkleren Lagen, woher übrigens auch meine Liebe zur Bratsche kommt. Und plötzlich bekam die ganze Geigerei ihren Sinn in meinem Leben. Aber zurück zur Schauspielaufnahmeprüfung: Davor habe ich am Ende gekniffen, aber wegen dieser Geschichte wundert es mich überhaupt nicht, dass mich heute alle Musiktheater-Projekte, die mir ermöglichen mit tollen Regisseuren zu arbeiten, irgendwie glücklich machen. In die Richtung geht auch ein Projekt, das ich mit dem Ensemble unbedingt verwirklichen möchte: in Zusammenarbeit mit tollen Theatermachern kleine, aber von großer Poesie geprägte Musiktheaterstücke für kleine und große Menschen entwickeln, die mit dem Reso-Mobil, also einer Art Theater-Bus, ganz einfach an jeden erdenklichen Ort gebracht werden können: Türen auf, kurz aufgebaut und los geht’s. Ein Format für die Sommermonate, versteht sich.

 

Du hast mal gesagt, dass es eine spezielle Energiereserve nur für Konzerte gibt. Wie funktioniert dieser Konzertenergiehaushalt genau?

Punktgenau zum Konzert Unmengen an Adrenalin im Körper zu haben, ist wohl ein natürlicher biochemischer Prozess. Mich fasziniert aber die Zuverlässigkeit,  Vehemenz und Dosierung dieses Vorgangs. Egal wie kaputt du vorher warst: Das Konzert beginnt, peng ist diese Energie da. Vergleichbar mit Kräften, die Tiermütter reflexhaft irgendwoher nehmen, wenn man ihr Junges angreift. Ich habe ein einziges Mal erlebt, dass es ausblieb, in Innsbruck, nach Flug und ewig langer Busfahrt. Ich hatte eine verletzte Hand und so viele Stücke wie möglich an Kollegen abgegeben, deshalb war ich erst nach der Pause dran. An diesem Tag  kam einfach kein Adrenalin, und das war ganz grässlich. Ein anderes Mal, als ich bei Sampled Identity für David eingesprungen bin und diese Ysaÿe-Sonate gelernt habe, die auswendig und am Ende perfekt mit Tom und Juditha übereinander gespielt werden musste, eine richtige geigerische Herausforderung also, war ich mit den beiden zum Proben verabredet, und eine halbe Stunde vorher hatte ich das Gefühl ich krepiere an Adrenalin, nur beim Gedanken an diesen Auftritt in einer Woche. Am Ende hatte ich damit den Hyperkick aber gut abgearbeitet, und nach Haupt- und Generalprobe war die Dosis zur Show optimal eingestellt, das Hirn funktionierte gut und ich konnte einfach mein letztes Hemd heruntergeigen. Was mich im Moment sehr beschäftigt ist mehr, was nach dem Konzert passiert. Dann ist man zuerst endorphingeflutet, und es dauert, bis man davon runterkommt. Aber in den Tagen danach kann die ganze Konstitution enorm in den Keller gehen. Ich habe mich schon gefragt, ob es vielleicht mit dem Alter schlimmer wird, und war irgendwie erleichtert, als mir ein blutjunger Rapper der HipHop Academy kürzlich erzählte, dass es ihm ganz genauso geht. Ich glaube inzwischen, dass ich viele Jahre lang viel zu viel gespielt habe, so dass es zur Bewusstwerdung dieser Amplitude nach unten gar nicht kam, weil sie immer sofort von einer neuen Schicht oben drauf überlagert wurde. Das bewahrt einen natürlich auf eine Art von dieser Kehrseite, zehrt aber auch sehr. Daneben habe ich ja auch drei Kinder bekommen, und jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich mehr Zeit nur für meine Familie blocke reserviere. Ich finde es zum Beispiel großartig, mich einfach zu meinem Kind zu setzen, mich seinem Tun und seiner Logik anzuvertrauen und die Einladung anzunehmen, die Welt aus seiner Perspektive zu betrachten.