juditha haeberlin

Juditha Haeberlin, 1969 geboren, wuchs in Hamburg auf und erhielt ihren ersten Geigenunterricht im Alter von sieben Jahren von Michael Goldstein, danach von Roland Greutter. Bereits früh konzertierte sie als Solistin etwa mit dem Hamburger Jugendorchester. Ihr Hochschulstudium absolvierte sie u. a. bei Jens Ellermann in Hannover und bei Isabelle van Keulen in Den Haag. Bei internationalen Wettbewerben wurde sie mehrfach ausgezeichnet, so ist sie beispielsweise Trägerin des ersten Preises der Stadt Tilburg (NL), den sie zusammen mit dem Pianisten Franck-Thomas Link gewann. Sie war tätig als Hauptfachdozentin am Konservatorium in Den Haag und als stellvertretende erste Konzertmeisterin des Radiokammerorchesters Hilversum. Sie ist Konzertmeisterin des Ensemble Resonanz und festes Mitglied der musikFabrik NRW.

Juditha Haeberlin © Jonas Lindstroem
Juditha Haeberlin © Jonas Lindstroem

Kommen und gehen mit Juditha Haeberlin

Du bist Mitglied beim Ensemble Resonanz und beim Ensemble musikFabrik in Köln, was eine Herausforderung für deine persönliche Planung bedeutet. Wie würdest du den Charakter deines Kalenders beschreiben?

 

Mein Kalender sieht eigentlich ganz gut aus, mein Kopf ist wohl eher das Problem. Was in meinem Kalender steht, hat Hand und Fuß, aber leider sind viele Sachen lange nicht ganz klar, eventuell hier noch eine Probe und da noch ein Termin, das habe ich dann bröckchenweise im Kopf, und wenn man das doppelt versucht zu verfolgen und nicht gerade mit einem Organisationstalent gesegnet ist, geht’s des Öfteren schief. Das stresst mich wahnsinnig, ich habe deswegen schon oft gedacht, dass ein Ensemble eigentlich reicht.

 

Aber die Vorteile von zwei Ensembles haben dann doch immer überwogen?

Manchmal denke ich, dass es gar nicht schlecht wäre Ensemble-monogam zu leben, weil Begeisterung und Identifikation auf der Strecke bleiben können, wenn man sich aufteilt. Andererseits ist es toll zu gehen und wiederzukommen, das schätze ich in allen Bereichen des Lebens sehr. Wenn man weggeht, weiß man, was man hat, und dann finde ich es wunderschön zu wissen, dass ich irgendwann wieder dorthin darf. Ich war ja zuerst beim Ensemble Resonanz, und als mich die musikFabrik fragte, ob ich fest einsteigen will, hat es mich gereizt mich selbst zu fordern und mich in die Neue Musik zu vertiefen, was damals nicht gerade mein Steckenpferd war und mir nicht leicht fiel. Die Entscheidung dafür habe ich nie bereut, ich finde es großartig mir immer wieder Neues zu erschließen.

 

Am Anfang deiner künstlerischen Laufbahn hast du einige Jahre in Amsterdam gelebt und warst kurzzeitig Konzertmeisterin in einem Orchester in Spanien. Was hast du von diesen Auslandsaufenthalten mitgenommen?

Das war eine großartige Zeit. Ich habe in Den Haag mein Konzertexamen gemacht, und danach wollte ich auf höchstem Niveau spielen und tolle Musiker und Dirigenten treffen. Ich fand aber auch, dass es schön wäre nochmal woanders hinzugehen und dass Granada ein wunderbarer Ort wäre die Konzertmeisterei gründlich in einem festen Job zu lernen. Aber ich habe die Stelle im Frühjahr angetreten und hatte im Sommer schon wieder gekündigt, es hat Spaß gemacht dort, aber vom Niveau her, besonders für Kammermusik, hat es mir einfach nicht gereicht. Das wäre fünfzehn Jahre später was gewesen, um sich mit seiner Familie in einem schönen Haus mit Pool ein bisschen niederzulassen. Dafür war ich zu jung, aber die Zeit in Amsterdam, die darauf folgte, beim Radiokamerorkest mit Koopman und Eötvös, Begegnungen mit Stockhausen, Herreweghe und so weiter, war genau das, was ich gesucht hatte.

 

Eine deiner Ensemble-Resonanz-Kolleginnen kennst du schon seit frühester Kindheit, eine weitere wohnt während der Ensemble-Projekte regelmäßig bei dir, und der Geschäftsführer ist dein Mann. Gibt es für dich eine Abgrenzung zwischen beruflich und privat?

Unbedingt, anders könnte ich das gar nicht aushalten. Mein Mann und ich treten ja in der Regel auch nicht gemeinsam in Ensemble-Funktion in Erscheinung, ich brauche mein Privates, und ich muss zu Hause das Ensemble Resonanz auch mal draußen lassen. Das funktioniert natürlich nicht immer, dann ist auch mal dicke Luft, wenn er in drei bis zehn Projekten gleichzeitig steckt und nicht abschalten kann, und ich selbst vielleicht auch noch Stress beim Proben habe. Aber dafür ist es wieder gut nach Köln zu fahren, dann macht jeder seins, und das hilft. Swantje kenne ich schon so ewig, 36 Jahre! Da ist ein Urvertrauen, dass wir uns alles sagen können, egal zu welchem Thema. Corinna und ich sind gegenseitig Patentanten unserer Kinder, sie wohnt bei uns, da gibt es auch eine ganz eigene Ebene.

 

Und womit beschäftigst du dich am liebsten ohne Geige in der Hand?

Ich finde es schön keine Termine zu haben und einfach zu leben, ins Kino zu gehen, Freundschaften zu pflegen, zu überlegen, was ich kochen könnte, mit meinem Sohn eine Runde Federball zu spielen und den Tag einfach weitergehen zu lassen. Ich wünschte nur ich hätte mehr Zeit in meiner Stadt außerhalb unserer Musikblase noch irgendwo anders verankert zu sein, zum Beispiel in einem wohltätigen Verein, um menschlich noch ein bisschen mehr zurückgeben zu können.