david schlage

David Schlage, Viola, wurde am 1967 in einem kleinen Dorf in den Usambarabergen geboren. Mit 9 Jahren bekam er den ersten Geigenunterricht; 1984 wechselte er zur Bratsche. Von 1988 bis 1992 studierte er in Bremen bei Rainer Hoffman und schloss sein Studium 1994 bei Matthias Buchholz in Köln ab. Während des Praktikums am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen begann die Mitarbeit im Ensemble Resonanz. Seit 1994 ist er festes Mitglied dieser Formation und darüber hinaus in dem Bereich Musikvermittlung des Ensembles tätig. Außerdem spielt er freiberuflich bei verschiedenen Ensembles, u. a. bei Das Neue Orchester Köln. Mit der Ansiedlung des Ensemble Resonanz in Hamburg hat er seinen Wohnsitz nach Hamburg verlegt und lebt nun seit 2007 mit Familie in Glückstadt an der Elbe.

David Schlage © Jonas Lindstroem
David Schlage © Jonas Lindstroem

Am Wasser mit David Schlage

Du betreust die Musikvermittlungsprojekte beim Ensemble Resonanz – wie kam es dazu und warum sind sie dir wichtig?

Wenn jemand Spaß daran hat, Kindern oder Leuten allgemein irgendetwas zu zeigen, dann ergibt sich das ganz von selbst. Aus der Anfangszeit des Ensemble Resonanz erinnere ich mich besonders gern an ein Schulkonzert in Diez. Da hatte ich mir aus der Kölner Oper eine Perücke und ein Kostüm ausgeliehen um dann als Händel rumzuspringen und etwas über das Concerto Grosso zu erzählen. Der zweite Ansatzpunkt ist, dass der klassische Kulturbetrieb ganz klar eine erzieherische Aufgabe hat. Es funktioniert nicht, dass Schule, Musikschule und Konzertleben völlig unabhängig nebeneinander existieren, es muss Vernetzung und gegenseitige Ergänzung geben. Das auch umzusetzen finde ich total wichtig. Klassik darf nicht nur an ausgewählten Orten stattfinden. Deswegen spielen wir auch gern Konzerte an Orten, wo sonst keine Klassik läuft, einfach um dem Publikum näher zu sein.

 

Du hast ja auch selbst Kinder – wie sieht dein Leben außerhalb des Ensemble Resonanz aus?

Ich stehe morgens um sechs auf, wenn Fiete mich weckt und sagt „Papa, ich will ’n Kakao!“ Dann gehe ich mit ihm in die Küche und koche Kakao, und dann kommt Merle dazu und trinkt ihn aus. Wenn meine Frau diese Prozedur übernimmt, kann ich ein bisschen länger schlafen. Die Vormittage, wenn die Kinder im Kindergarten sind, versuche ich auch an Ensemble-Resonanz-freien Tagen für meinen Beruf zu nutzen. Manchmal unterrichte ich Bratsche, einen festen Schüler habe ich im Moment. Aber dadurch, dass wir im Ensemble projektweise proben, also auch gut und gerne mal sieben Tage oder mehr am Stück, bleibt zu Hause in der Zeit vieles stehen und liegen, was dann aufgeholt werden muss. Das macht es auch schwierig, gelegentlich bei anderen Orchestern auszuhelfen, denn ich würde eigentlich zwischendurch gern mal ein richtig groß besetztes sinfonisches Programm spielen. Aber die Anfragen überschneiden sich gern entweder mit Ensemble-Resonanz-Projekten oder liegen genau dazwischen, wo man mal eine Woche für die Familie braucht. Gerade die Zeit zu zweit mit meiner Frau geht leider zu häufig ein bisschen unter. Aber es ist sehr schön eine Familie zu haben, kann ich nur jedem empfehlen! Viel von dem, was ich gern tue, kann man ja auch sehr gut mit der ganzen Familie unternehmen, mit einem alten Segelschiff auf der Elbe rumschippern, in Naturgewässern schwimmen, im Harz wandern gehen oder einfach nur Tee trinken.

 

Hast du einen bislang unverwirklichten Lebenstraum?

Ich weiß gar nicht, ob ich den überhaupt verwirklichen will, aber ich träume öfter davon, mich einfach aufs Fahrrad zu setzen und loszufahren. Ohne bestimmtes Ziel, einfach zu sagen „Ich bin dann mal weg“, mit Zelt und Schlafsack im Gepäck um unabhängig zu sein, und dann mal gucken, was passiert. Ein anderer Traum ist, einen Resthof mit altem Baumbestand zu kaufen, und ein paar Schafe, Schweine, Hühner und Gänse dazu. Von allem nicht zu viel, einfach so, dass sich die Tiere wohlfühlen, man schön Eier essen kann und hin und wieder mal ein leckeres Schweinchen schlachten. Wenn das mit dem Ensemble Resonanz vereinbar wäre, würde ich das glatt machen, noch während ich berufstätig bin, ansonsten muss das warten, bis ich pensioniert bin.

 

Was bedeutet das Ensemble Resonanz für deine persönliche Biografie?

Ich bin ziemlich grünschnäbelig ins Studium gegangen, wollte immer viel Quartett spielen und habe von Kammermusik-Karrieren geträumt. Oper Spielen fand ich auch schon immer schön, aber die Hierarchien in städtischen Orchestern, die ich bei einem Praktikum kennengelernt habe, finde ich eher beengend. Da bin ich einfach nicht frei und fühle mich nicht wohl. Im Ensemble Resonanz, das dagegen ja fast anarchisch ist, sehe ich deshalb meinen beruflichen Traum verwirklicht: ein selbstverwaltetes Orchester, wo jeder, der Teil davon ist, die Geschicke des Ensembles mitlenken kann. Und es ist eben auch möglich mal zu sagen, bei diesem Projekt kann oder will ich partout nicht mitmachen. Dann kriegt man natürlich kein Geld, wird aber eben auch nicht festgenagelt. Diese Freiheit zu haben und nicht unter so einer Fuchtel wie einem Generalintendanten zu stehen, nimmt wahnsinnig viel Druck und lässt einem unheimlich viel Spielfreude. Und ich glaube diese Motivation ist auch das, was das Ensemble Resonanz ausmacht. Wenn wir auf der Bühne sitzen, spielen wir für unser Publikum, und niemanden sonst. Auch ich am zweiten Bratschenpult.